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250 Gäste waren zu dem Informationsabend erschienen, darunter auch große Skeptiker. 

Wirbel in Puchheim

Bürger in Erdbeben-Angst - und höhnischer Beifall für den Bürgermeister

Auch nach einem ausführlichen Informationsabend bleibt die Erdwärme-Förderung in Puchheim umstritten. Bürgermeister Norbert Seidl erntete höhnischen Applaus, als er die Geothermie für risikolos erklärte.

Puchheim– Bei der dreistündigen Veranstaltung der Stadt im voll besetzten PUC-Saal wurden auch viele Fragen beantwortet, die kein Mensch gestellt hatte. Ein Schnitt durch den Globus zeigte die Temperaturverteilung im Erdinneren, ein Unternehmer erzählte, dass er auch Familienvater sei, der Bürgermeister machte einen Ex-US-Vizepräsidenten zum Kronzeugen für die Notwendigkeit einer Energiewende, an der auch Puchheim mitarbeiten müsse.

Aber auch über die zentrale Befürchtung vieler Puchheimer Geothermie-Skeptiker wurde ausführlich diskutiert: Risse in den Kellerwänden nach einem durch die Geothermie-Förderung verursachten Beben. Curt Bems, Geschäftsführer der Bohrfirma Exorca und demnächst größerer Partner in einer gemeinsamen Fördergesellschaft mit der Stadt, hält die Gefahr von Erschütterungen angesichts der geologischen Struktur im Untergrund für zu vernachlässigen. Und etwas herablassend sprach er auch von „Ängsten und Sorgen“ im eigenen Unternehmen. „Wir sind furchtbar ängstlich: Wir wollen kein Geld verlieren.“

Laut Bems wird ein freiwilliger „Einwirkungsbereich“ mit einem Radius von drei bis fünf Kilometern um die Bohrstelle gezogen. Ein solcher Kreis ist zwar auch vom Bergrecht verpflichtend vorgesehen, wird aber erst nach einem Schadensereignis vom Bergamt festgesetzt. In einem solchen Einwirkungsbereich gilt die „Anscheinsvermutung“ und die Beweislastumkehr. Bei einem Gebäudeschaden müssen die Betreiber nachweisen, dass sie nicht verantwortlich sein können.

An Info-Ständen konnten die Besucher ihr Wissen über Fernwärme erweitern und Fragen stellen. 

Außerdem soll rund um die Bohrstelle ein dichtes Messnetz gezogen werden. Eines registriert etwaige Hebungen und Senkungen, ein anderes zeichnet Erschütterungen noch im Nano-Bereich auf. Die Messpunkte werden zusammen mit der Stadt ausgewählt, auch Hausbesitzer können sich bewerben. Die Einrichtung besorgen vereidigte „Markscheider“, so etwas wie die Feldgeschworenen im Bergbau. Das Ganze sei fast ein „betreutes Bohren“, scherzte Bems. Und sollte wider Erwarten doch etwas passieren, decke die ebenfalls obligatorische Haftpflichtversicherung Schäden bis zu zehn Millionen Euro, darüber hinaus würden die beiden Gesellschafter haften.

Rathaus-Chef Seidl hält Plädoyer für Geothermie

„Die Fragen, die Sie bewegen, gab es überall,“ meinte Norbert Baumgartner, der für die Stadt die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Geothermie übernommen hat. Aber im Landkreis München beispielsweise, wo mittlerweile „fast jede Gemeinde ihr Projekt“ habe, sei der Widerstand praktisch verstummt. Rathaus-Chef Seidl hatte ein ökologisches Plädoyer für eine unerschöpfliche, verlässliche und emissionsarme Energiequelle gehalten. Mit der Erdwärme-Förderung könne „ein Ruck für die Energiewende“ durch Puchheim gehen. „Geothermie geht in Puchheim und sie bringt etwas. Für Sie und das Weltklima.“ Laut dem vorläufigen Zeitplan soll bis zum Sommer die Betreibergesellschaft gegründet werden, anschließend die erste, vier Monate dauernde Bohrung beginnen. Gegen Ende nächsten Jahres könnte der Betrieb anlaufen.

Gegner veranstalten eigenen Info-Abend

Die Geothermie-Skeptiker konnten auch vom städtischen Informationsabend nicht überzeugt werden. „Das haben sie in Poing auch gesagt,“ meinte eine Kritikerin, als von der Gefahrlosigkeit des Projekts gesprochen wurde. Die Bürgerinitiative plant aber ohnehin eine eigene Veranstaltung für den 26. Februar (20 Uhr, Takis Taverne). Dort dürfte auch über das Bürgerbegehren gesprochen werden, das die Gegner anstrengen wollen. Ihre Hauptsorge ist, dass durch den hohen Grundwasserstand selbst bei kleineren erschütterungsbedingten Rissen erhebliche Gebäudeschäden entstehen können. Die Stadt soll das Vorhaben bis zur „Etablierung eines von den Bürgern akzeptierten Risiko- und Schadensmanagements“ aussetzen. Bürgermeister Norbert Seidl hatte bei einem Pressegespräch vor der Veranstaltung noch eine „kurze Überlegungsphase“ versprochen. Man werde aber nicht warten, „bis der Letzte aus der BI uns das Okay gibt“.

Olf Paschen

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