Das ist das ursprüngliche Mahnmal von 1919: Nur die toten russischen Soldaten blieben in Puchheim.
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Das ist das ursprüngliche Mahnmal von 1919: Nur die toten russischen Soldaten blieben in Puchheim.

Geschichtsserie

In Puchheim findet der Urenkel eines russischen Kriegsgefangenen das Grab seines Verwandten

  • Andreas Schwarzbauer
    vonAndreas Schwarzbauer
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Rund um die Puchheimer Geschichte hat sich eine tragische und zugleich wunderbare Begebenheit ereignet: Der Urenkel eines russischen Kriegsgefangenen konnte endlich herausfinden, wo sein lange als verschollen gegoltener Urgroßvater seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Puchheim – Es handelt sich um den Urgroßvater von Ivan Kalmykov. Dieser wurde im Jahr 1914 an die Front gerufen. „Er kehrte nie nach Hause zurück und die Familie wusste nichts über sein Schicksal“, erzählte der Urenkel. Er begab sich auf Spurensuche und stieß auf das Buch „Gefangen in Puchheim“ von Erich Hage und Ellen Echtler über das Puchheimer Kriegsgefangenenlager. Das half ihm herauszufinden, wo und wie sein Urgroßvater gestorben war.

Kalmykov starb an der Spanischen Grippe

Tod durch Spanische Grippe: Grigory Kalmykov.

Kalmykov wurde 1915 in den Karpaten gefangen genommen und in das Lager nach Puchheim verlegt. Dort lebte er dann, bis er im Dezember 1918 an der Spanischen Grippe starb. Er wurde auf dem Militärfriedhof an der heutigen Lagerstraße beerdigt.

Der Puchheimer Gemeinderat hatte die Errichtung dieser letzten Ruhestätte für die Kriegsgefangenen im Juni 1915 beschlossen. Bis 1919 starben insgesamt 585 Soldaten, davon waren 321 Russen, 178 Franzosen, 80 Italiener und sechs Engländer. Sie wurden alle auf dem 2200 Quadratmeter großen Areal bestattet. Die meisten waren wie Kalmykov der Spanischen Grippe erlegen, die 1918/19 ganz Europa heimgesucht hatte.

Im August 1919 wurde im Beisein von französischen, italienischen und russischen Militärkommissionen sowie der deutschen Militärbehörde ein Denkmal im Kriegsgefangenenfriedhof eingeweiht. Wenig später wurden die französischen Soldaten exhumiert und auf Friedhöfen in ihrer Heimat bestattet. Die Engländer wurden auf eine Kriegsgräberstätte in der Nähe von Kassel umgebettet, die Italiener wurden auf den Münchner Waldfriedhof verlegt. Nur die russischen Soldaten blieben in Puchheim.

321 Russen fanden in Puchheim ihre letzte Ruhestätte

Das Grab von Grigory Kalmykov.

311 namentlich bekannte und zehn unbekannte Russen fanden ihre letzte Ruhestätte. Im November 1919 wurde ein Gedenkstein für die russischen Toten muslimischen Glaubens errichtet. 1964/65 erhielten die Einzelgräber Grabzeichen aus Terracotta. In der Mitte des Areals wurde ein Gedenkstein aus Kalkstein mit der Inschrift „Diese Kriegsgräberstätte birgt mehr als 300 russische Soldaten. Sie starben 1914 bis 1918 fern der Heimat in Gefangenschaft“ aufgestellt. Alljährlich findet dort an Allerheiligen ein russisch-orthodoxer Gedenkgottesdienst statt. Dann und an weiteren zwei bis drei Tagen im Jahr ist die Kriegsgräberstätte für die Öffentlichkeit zugänglich.

Kalmykov hat das Grab seines Urgroßvaters inzwischen besucht und hinterließ ein Foto seines Vorfahren. So konnte einem der Gefangenen und hier Verstorbenen ein Gesicht und eine Geschichte gegeben werden. Kalmykov freute sich sehr, dass es das Grab noch gab: „Wir sind den Einwohnern von Puchheim dankbar, dass sie die Gräber russischer Häftlinge erhalten und gepflegt haben.“

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