Preis für Puchheimer Initiative 

Integration ist mehr als ein Sprachkurs

Marlies Eller kümmert sich mit ihrem Team sehr erfolgreich um die individuelle Förderung von Flüchtlingen – um passende Ausbildungsmöglichkeiten für sie zu finden. Dafür bekam sie nun den bayerischen Integrationspreis. Diesen hätte sie allerdings beinahe abgelehnt.

Puchheim – Alles begann mit einem Angebot zur Hausaufgabenbetreuung. Marlies Eller und ihre ehrenamtlichen Kollegen halfen Asylbewerbern seit 2015 dabei, in der Schule besser zurecht zu kommen. Schnell wurde klar: Diese Hilfe reicht nicht aus. „Es gab einfach größere Probleme als Hausaufgaben“, erinnert sich die 58-Jährige, die hauptberuflich als Grafikdesignerin arbeitet. Sie und die anderen Helfer wollten mehr tun. 2016 gründeten sie die Initiative „Learn4Work“ und nahmen seitdem eine ganze Reihe neuer Aufgaben wahr.

20 Ehrenamtliche betreuen zurzeit 25 Asylbewerber. Sie beraten sie beim Kontakt mit Behörden und auch bei gesundheitlichen Sorgen. Für die jungen Migranten organisieren sie Berufsschulplätze im Landkreis und in München. Die Arbeit trägt Früchte: Alle haben einen Ausbildungsplatz gefunden.

Doch Eller sah schon früh weitere Probleme: „Die Bildungsniveaus der jungen Leute sind sehr unterschiedlich. Und jeder hat seine eigenen Interessen. Darauf können staatliche Institutionen viel zu selten eingehen.“ In ihren Lerngruppen geht es nicht nur um Sprache. Genauso müsse man sich um andere klassische Schulfächer wie Mathematik kümmern. „Viele können die Sprache zum Beispiel sehr gut, aber ohne mathematisches Grundverständnis kommt man in keinem Job voran“, gibt Eller zu bedenken. Eine umfassende Bildung sei wichtig. Außerdem bemühen sich die Asylhelfer, die Stärken der jungen Auszubildenden herauszufinden und mögliche Traumata zu berücksichtigen. Alles wird erfasst, um passende Schulen, Ausbildungsplätze oder Einrichtungen zu finden.

Dieses individuelle Engagement brachte Marlies Eller als Trägerin der Initiative „Learn4Work“ den zweiten Platz beim bayerischen Integrationspreis ein. Eller und ihr Team freuen sich über die Auszeichnung und die damit verbundenen 2000 Euro.

Die Puchheimerin gibt aber zu: „Ich bin zwiegespalten wegen des Preises. Kurzzeitig hatte ich sogar vor, alles abzusagen.“ Ihr Unbehagen hänge mit dem unsicheren Bleiberecht und dem Klassensystem von anerkannten und nicht anerkannten Migranten zusammen, das ihre Arbeit stark erschwere. Darunter leide häufig das Lernen: „Wenn jemand keine großen Chancen auf Asyl hat, wird die Zeit auch von den Behörden oft nur noch ausgesessen.“ Laut Eller werde hier eine Chance verpasst, den jungen Menschen grundlegendes Wissen mitzugeben. „Was du im Kopf hast, kann dir keiner mehr nehmen. Selbst wenn du schon lange nicht mehr in Deutschland bist“, sagt sie mit Überzeugung. Der Bedarf an Bildungsmöglichkeiten durch den Staat sei nicht gedeckt. Neben einem erweiterten Bleiberecht wären Eller vor allem weitere Investitionen in das Bildungsangebot für Flüchtlinge wichtig. Für sie sei das die effektivste Form der Entwicklungshilfe. (Gabriel Kroher)

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