Von Puchheim nach Sheffield: Markus Rammelsberger, hier mit Sohn Kai, lebt seit über zehn Jahren in Großbritannien. foto: privat

Garten- und Landschaftsbauer lebt in England

Interview mit einem Exil-Puchheimer: „Die Briten haben die Schnauze voll“

Großbritannien taumelt aus der EU. Gibt es einen harten Brexit oder doch noch ein Abkommen? Momentan weiß niemand so genau, wie sich die Briten aus der Union verabschieden. Auch Markus Rammelsberger (46) hängt gerade ziemlich in der Luft.

Puchheim/Sheffield Vor über zehn Jahren ist der Puchheimer nach Sheffield im Herzen des Königreichs ausgewandert. Im Interview erklärt der ehemalige Filialleiter einer Germeringer Bank, wie die Briten über den Brexit denken, was er von dem Austritt hält und wie sein ganz persönlicher Plan B aussieht.

Herr Rammelsberger, wie ist die Stimmung im Königreich?

Die Briten haben die Schnauze voll. Keiner kann es mehr hören. Vor der Abstimmung über den von Premierministerin Theresa May ausgehandelten Deal haben wir gehofft, dass wir danach wenigstens wissen, wie es weitergeht. Jetzt sind wir aber auch nicht schlauer. Viele sagen, so ein Durcheinander hat es seit dem 2. Weltkrieg auf der Insel nicht gegeben. Viele Leute machen sich Sorgen um die Zukunft – vor allem die Jüngeren.

In Deutschland ist oft zu hören, dass die britische Gesellschaft tief gespalten ist.

Wenn es hart auf hart kommt, halten die Briten zusammen. Das ist ihre Mentalität. Eine Spaltung gibt es zwar momentan schon zwischen jenen, die den Brexit befürworten und jenen, die ihn ablehnen. Aber man schlägt sich deswegen nicht die Köpfe ein. Viele versuchen, das Thema zu verdrängen. Wie gesagt: Alle haben die Schnauze voll davon.

Haben die Briten eigentlich begriffen, was da passiert und was die Folgen sind?

Ich glaube noch nicht ganz. Viele haben tatsächlich geglaubt, sie können aus der EU austreten und trotzdem die ganzen Vorteile behalten. Manche, vor allem die Älteren, denken das immer noch. Für sie ist Großbritannien noch immer ein Empire. Viele, die für den Brexit gestimmt haben, sagen jetzt, sie seien nicht über die Folgen aufgeklärt worden. Jetzt dämmert vielen, dass es wohl keine so gute Idee war. Ich bin mir sicher: Bei einer neuen Abstimmung würde sich die Mehrheit gegen den Brexit aussprechen.

Wie bereiten sich die Briten auf den Brexit vor?

Es gibt natürlich die Geschichten über Leute, die hamstern und ihre Keller voller Lebensmittel packen. Aber das sind meist Spinner. Die große Panik herrscht meiner Meinung nach nicht. Gerade bei uns in der Gegend bei Sheffield gibt es viele kleine Handwerksbetriebe oder Mittelständler. Da fühlen sich die meisten nicht so betroffen von den Folgen des Brexit. Ich persönlich habe noch keine Vorbereitungen getroffen. Ich kann auch nicht klagen. Meine Auftragsbücher als Garten- und Landschaftsbauer sind voll.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man nicht weiß, wie es weiter geht? Als Deutscher ist ihr Status nach einem Brexit ja noch völlig unklar.

Das ist kein tolles Gefühl. Womöglich brauche ich dann ein Visum, vielleicht muss ich für meinen Aufenthalt bezahlen. Das weiß keiner. Sorgen, dass ich aus Großbritannien rausfliege, mache ich mir aber nicht. Ich bin mit einer Britin verheiratet, wir haben einen gemeinsamen Sohn.

Die Premierministerin hat gestern einen Plan B vorgelegt. Haben Sie so etwas eigentlich auch?

Wenn alle Stricke reißen, packe ich meine Familie ein und gehe zurück nach Puchheim. Das wäre aber wirklich die allerletzte Lösung. Ich habe mir hier etwas aufgebaut und bin glücklich in Großbritannien.  Interview: Tobias Gehre

Viele Engländer wollen Deutsche werden

Auch bei den im Landkreis lebenden Briten geht das Brexit-Schreckgespenst um. Nach Angaben des Landratsamtes wohnen derzeit 415 Männer und Frauen mit britscher Staatsbürgerschaft im Kreis. Und immer mehr von ihnen wollen Deutsche werden. So gab es 2017 insgesamt 34 Anträge auf Einbürgerung. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten fünf Menschen. 2018 gab es 44 Anträge. Die Zahl der Einbürgerungen stieg auf 50. 

Im November gab es laut Landratsamt noch 39 offene Anträge. Als Grund für ihren Einbürgerungsantrag gaben viele Briten die mit dem Brexit verbundenen Unsicherheiten an. Zudem häufen sich die Fragen zu den Folgen des Brexit für die hier lebenden Briten. Derzeit gebe es aber nur Mutmaßungen. Ab dem 30. März, dem Tag nach dem geplanten Brexit, sollen britische Staatsangehörige ihr Freizügigkeitsrecht verlieren und einen Aufenthaltstitel benötigen. Die Bundesregierung plant laut Landratsamt eine Übergangszeit von zunächst drei Monaten, die verlängert werden kann. (tog)

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