Feuer in der Kennedystraße

Nach Puchheimer Brand: Leben im Notquartier

Ein Feuer in einem Puchheimer Hochhaus hat zwei Stockwerke unbewohnbar gemacht. Eine Mutter erzählt vom Leben im Notquartier und dem Bemühen um ein wenig Normalität.

Puchheim – Fünf Matratzen, zwei Biertischgarnituren und ein Kühlschrank. Das sind momentan alle Einrichtungsgegenstände, über die Violette L. verfügt. Nach einem Brand kann die Kinderpflegerin mit Mann und drei Kindern nicht in ihre Wohnung. Das Leben im Notquartier zerrt an den Nerven der 42-Jährigen.  Tagsüber sind die Matratzen übereinander gestapelt. Kissen und Decken sind so drapiert, dass wenigstens der Eindruck von etwas Wohnlichkeit entsteht – etwas Normalität. Die wenigen Kleidungsstücke, die Violetta und ihr Ehemann Johann aus ihrer völlig verrauchten Wohnung holen konnten, sind inzwischen gewaschen und liegen in ordentlichen Stapeln auf dem Fensterbrett.

Violetta L. in der Küche ihrer Notunterkunft. Nur die Kaffemaschine konnte sie mitnehmen. Den Kühlschrank stellt die Stadt.

Die Küche besteht aus Kühlschrank und Kaffeemaschine. Spülen und Waschen muss die dreifache Mutter in der Badewanne. Wenn Violetta L. an die nächsten Tage und Wochen denkt, kommen ihr die Tränen. „Ich weiß gar nicht, wie ich das durchstehen soll,“ sagt sie. Am Mittwochvormittag hat es in dem Hochhaus, in dem Familie L. eigentlich wohnt, gebrannt. Ein Kinderwagen, den jemand im Treppenhaus hatte stehen lassen, fing Feuer. Die Polizei ermittelt noch ob es vorsätzliche oder fahrlässige Brandstiftung war. Wegen des Qualms, der bei dem Feuer entstand, sind die Wohnungen im siebten und achten Stock unbenutzbar – darunter die der L.’s. Da ist es nur ein kleiner Trost dass Eltern und Kinder (5, 11 und 13 Jahre) den eigentlichen Brand nicht miterleben mussten.

Die Mutter steht schon zum zweiten Mal vor den Trümmern ihrer Existenz 

Während andere Bewohner mit Drehleitern und Fluchthauben gerettet wurden oder in ihren Wohnungen ausharren mussten, waren die Eltern L. arbeiten, die Kinder in Schule beziehungsweise Kindergarten. Eine Freundin rief Viola L. an und berichtete ihr von dem Unglück. Sobald sie ihre Schützlinge alleine lassen konnte, eilte die 42-Jährige nach Hause in die Kennedystraße – und stand zum zweiten Mal in ihrem Leben vor den Trümmern ihrer Existenz. Unwillkürlich wurden Erinnerungen in ihr wach an die Zeit vor über 20 Jahren, als sie und ihr Mann vor Krieg und Zerstörung in ihrer Heimat Kosovo flohen, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. „Ich hatte nicht gedacht, dass es uns noch einmal so treffen wird.“

Jetzt ist der Zugang zu den oberen Stockwerken des Brandhauses mit Brettern vernagelt. Nur kurz konnten die Ausquartierten in ihre Wohnungen, um das nötigste zu holen. Neben Kleidung schnappte sich Violetta L. ihre Kaffeemaschine. Eine andere Frau barg nachträglich ihre vier Katzen aus dem unbewohnbaren Bereich. Manche der Betroffenen sind bei Bekannten untergekommen. Den anderen besorgte die Stadt Puchheim Notunterkünfte. Geschäftsleiter Jens Tönjes betont, dass die Hausverwaltung schnell und unbürokratisch geholfen habe, indem sie leer stehende Wohnungen in anderen Gebäuden zur Verfügung stellte. Violetta L. ist dankbar für die Hilfe. Die Stadtverwaltung hat sogar noch provisorisch einen Kühlschrank bereitgestellt, weil ihr Notquartier keine Einbauküche hat.

Gutachter prüfen nun den Schaden durch das Feuer. Danach soll möglichst schnell mit der Sanierung begonnen werden. Geschäftsleiter Tönjes hofft, dass die Menschen in etwa zwei Wochen in ihre Wohnungen zurück können. Violetta L. teilt diesen Optimismus nicht. Sie vermutet eher, dass das noch Monate dauert.

Die Ungewissheit macht der Frau zu schaffen. Denn ihr kleiner Sohn ist chronisch krank. Demnächst muss er wieder ins Krankenhaus. „Bisher konnte ich für die Klinikaufenthalte immer alles vorbereiten, zum Beispiel die ganze Wäsche waschen. Jetzt ist das reinste Chaos und ich weiß nicht, wie ich das alles neben meinem Beruf schaffen soll.“

Was an Möbeln und Kleidung zu retten sein wird, weiß die Familie nicht

Dabei sind die Kinderpflegerin, ihr Mann, der in der Gastronomie arbeitet, und ihre Kinder beengte Raumverhältnisse gewöhnt. Ihre eigentliche Wohnung hat nur zweieinhalb Zimmer. Sie leben dort seit 2009. „Wir suchen schon lange nach einer größeren Wohnung, haben aber noch nichts gefunden“, berichtet Violette L. 1000 Euro Miete könnte die Familie pro Monat zahlen. Im Moment wissen die L.’s allerdings noch nicht einmal, wie viel von ihren Möbeln sie noch benutzen können – und ob sie den Rauchgeruch jemals aus Kleidern, der Bettwäsche oder den Vorhängen herauswaschen können.

Angi Kiener/Tobias Gehre

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