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Sehr entspannt war Norbert Seidl beim Interview in einem Brucker Café. 

Interview mit Puchheimer Bürgermeister

Norbert Seidl: „Ich glaube schon, dass ich populär bin“

Puchheims Rathaus-Chef Norbert Seidl zieht in einem Interview Bilanz zu seiner bisherigen Amtszeit - und verrät, wie er sich selbst einschätzt und warum er Hängematten hasst. 

Puchheim– Eigentlich hatte er sich auch ein paar Nudeln bestellt, aber der Wunsch ging im Trubel eines Brucker Cafés unter. Macht nichts, auch mit leerem Magen wirkte Puchheims Rathaus-Chef Norbert Seidl beim Interview nach der Bürgermeister-Dienstbesprechung ziemlich entspannt. Mit dem Tagblatt sprach der 54-Jährige über sich selbst, Saatkrähen, die SPD, den Stadtrat und die Theologie als Hilfe in seinem Job.

Fürstenfeldbrucker Tagblatt (TB): Herr Seidl, normalerweise müssten Sie sich jetzt langsam Gedanken machen um Ihre Wiederwahl im nächsten Sommer. Sie amtieren aber ausnahmsweise acht Jahre, um Bürgermeister- und Stadtratswahl wieder gleichzeitig stattfinden zu lassen. Ist das ein angemessener Zeitraum, um etwas zu bewegen und zu gestalten?

Norbert Seidl: Dass das bei mir so gelaufen ist, war nicht meine Entscheidung. Eine Harmonisierung ist okay, aber eigentlich sind acht Jahre zu lang. In sechs Jahren kann man auch viel beweisen. Erst dachte ich, acht Jahre bringen auch Sicherheit, aber es ist doch eine lange Zeit ohne eine Zwischenbestätigung.

TB: Sind Sie denn populär?

Seidl: Ich glaub’ schon, ja. Es ist eine meiner Stärken, dass ich mit den Leuten, glaub’ ich, ganz gut auskomme.

TB: Woran liegt das?

Seidl: Ich mag die Menschen selber ganz gern. Ich hab keine Vorurteile und Berührungsängste. Ich kann mich gut in Andere hineindenken. Ich hab einfach gelernt, mit Leuten umzugehen.

TB: Die Puchheimer SPD hatte bei der Bundestagswahl das zweitbeste Ergebnis im Landkreis nach Schöngeising. Ein Grund zur Freude oder sind die 16,2 Prozent nur deprimierend für einen sozialdemokratischen Bürgermeister?

Seidl: Da muss man auch die Einwohnerzahlen sehen: In Schöngeising machen zwei Leute schon fünf Prozent aus. Wenn die SPD nicht direkt ins Bodenlose fällt, kann man zufrieden sein. Sagen wir mal so: Es geht auch um das Ranking mit den Wettbewerbern.

TB: Meinen Sie damit, noch vor der AfD zu sein?

Seidl: Die SPD muss sich darauf einstellen, dass sie als Volkspartei nicht mehr die Rolle spielt, sondern Unterstützung für ihre Themen suchen. Oder für ein Kernthema, für das man kämpft.

TB: Das bedeutet soziale Gerechtigkeit?

Seidl: Ja, soziale Gerechtigkeit, die Gestaltung von Arbeitswelt im 21. Jahrhundert. Es gibt die, die ihre Kinder zur Kita bringen und danach zum Brunchen gehen. Und eben die, die danach zum Arbeiten gehen müssen. Da muss man sehen, wie man das verbinden kann.

TB: Soziale Stadt, essbare Stadt, Stadtmitteplanung, Verkehrs- und Fahrradkonzept, Wohnungsbau und Geothermie: Nicht alles Ihre eigenen Ideen, aber in Puchheim tut sich dennoch viel. Stört Sie die Bezeichnung Macher?

Seidl: Nein, das ist es nicht. Macher würde bedeuten: Ich renne herum und vergebe Aufträge. Ich bin eher der Strukturierer, ich gebe Schritte für Prozesse vor. Macher hieße, dass ich sage: „Wir reißen jetzt die Wand weg.“ Dazu bin ich zu wenig rigoros.

TB: Muss sich immer etwas bewegen? Muss eine Stadt ständig im Wandel sein?

Seidl: Ich glaube nicht, dass das ein Gesetz ist. Wenn wir Bauen – das große Thema im Landkreis – anschauen, da haben wir gar nichts gemacht. Nur haben wir auch eine Struktur, die zum Handeln zwingt, beim Hallenbad, beim Altenheim. Und man merkt schon auch ein paar Defizite: Wir bräuchten einen gescheiten Bahnhof, eine gescheite Stadtmitte, eine Energiewende. Aber ob das ein Muss ist? Die Welt geht nicht unter, wenn da nichts passiert.

TB: Vor den Weihnachtssitzungen gibt’s immer Glühwein und Plätzchen und Musik, aber auch sonst scheinen sich alle lieb zu haben im Stadtrat. Ihr Verdienst?

Seidl: Sie stellen da eine These auf. Aber wenn es so ist, ist es nicht mein Verdienst allein. Der Kopf ist zwar wichtig, gegenseitiger Respekt muss von vorne ausgehen. Aber die Leute arbeiten schon lange zusammen, es sind keine Scharfmacher und Quertreiber dabei. Wir haben alle ein gemeinsames Ziel. Ich seh das außerdem im Kreistag: Mit großer Mehrheit kann ich locker regieren. Wir in Puchheim müssen überzeugen.

TB: Dass Sie einen anderen Stil pflegen als Ihr Vorgänger darf man aber schon behaupten?

Seidl: Es ist ein anderer als in der Zeit meiner beiden Vorgänger.

TB: Könnten Sie sich zum Beispiel Ihren Vorgänger Herbert Kränzlein bei der Maibaumwache in Puchheim-Ort vorstellen.

Seidl: Ja, so zuwider ist der gar nicht.

TB: Und als Hauptdarsteller in einem Volksfestfilm?

Seidl: Das weniger. Das ist nicht so seins.

TB: Wenn jetzt Martin Schulz anrufen würde: Würden Sie ihm Ihre Allparteienkoalition ans Herz legen statt einer GroKo?

Seidl: Er soll eine GroKo machen. Das war die letzten Jahre weder der Untergang der SPD noch des Abendlandes. Ich verstehe eh nicht, dass man am Wahlabend um 18 Uhr die Flinte ins Korn wirft. Da gibt es einen Ansatz in der Katastrophentheorie: Erst alles niederreißen und dann wie Phoenix aus der Asche zurückkommen. Das ist ein hochgefährlicher Ansatz.

TB: Sie sind Diplom-Theologe, haben Psychologie studiert, waren lange Jahre Lehrer. Welche Qualifikation hilft am meisten in dem Job?

Seidl: Die Theologie. Weniger wegen der Transzendenz und Gott, sondern wegen der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens, über die man nachdenkt: Warum sind die Leute so? Wo ist ihre Angst?

TB: Einen Erzieher braucht es in ihrem Job demzufolge nicht?

Seidl: Nein, ganz bestimmt nicht, es wäre sogar schädlich. Das war am Anfang im Übrigen meine Sorge, dass ich möglicherweise als Lehrer wahrgenommen werde. Kein Erwachsener lässt sich gern erziehen.

TB: Was haben Sie dagegen unternommen?

Seidl: Gefragt, ob ich es vielleicht doch mache.

TB: Sind Stadträte anders als Hauptschüler?

Seidl: Das müssen Sie die Stadträte fragen.

TB: Sie sind in – wie heißt es? – Neuraimundsreut aufgewachsen, einem niederbayerischen Dorf mit über 100 Einwohnern ...

Seidl: Ich erkläre es Ihnen: Bischof Raimund hat da roden lassen und so entstand Raimundsreut. Das war das Kerndorf und dann kam das neue dazu.

TB: Aha. Jedenfalls haben Sie dann lange in München gelebt und gearbeitet. Jetzt regieren Sie eine Vorstadt mit 22 000 Menschen. Hat Puchheim die richtige Größe?

Seidl: Ich glaube schon, aber es ist eine harte Nummer. Die Thematik ist so vielschichtig. Man muss sich in allen Bereichen auskennen. Ja, ich habe tolle Mitarbeiter, aber entscheiden können die auch nicht, Politik machen die nicht.

TB: Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Seidl: Da ist die Geografie. Es ist supergut, wenn du auf der einen Seite die Großstadt hast und auf der anderen eine wunderbare Landschaft.

TB: Das haben Germering und Gröbenzell auch.

Seidl: Ja, das ist ein Qualitätskriterium für die Gegend. Aber das andere ist die Lebensqualität: Die Leute sind wirklich gut drauf in Puchheim, das spürt man täglich. Sie helfen ziemlich gut zusammen, es gibt ein extrem starkes soziales Gefüge. Das habe ich schon vor der Bürgermeister-Zeit gemerkt. Sonst unterscheiden sich die Vorstädte nicht wesentlich. In Gröbenzell kann man auch gut wohnen. Aber eine tolle Geschichte, ein Alleinstellungsmerkmal, ist die Stadt mit Dorf, das hat schon was. Bei Bürgerversammlungen ist es in Puchheim-Ort fast ein bisschen gemütlicher für mich, obwohl ich da am Anfang zu kämpfen hatte um Akzeptanz.

TB: Und worauf könnten Sie in Puchheim verzichten?

Seidl: Ich bin süchtig, ich brauche das (lacht). Ach, ich glaube, es passt schon. Ein paar Sachen regen mich auf. Die Leute haben unterschiedliche Ansprüche, aber so sind halt die Leute.

TB: Können Sie schon den Ruf einer Saatkrähe imitieren?

Seidl: Die haben tatsächlich unterschiedliche Laute. Die ist gar nicht so ohne, die Sprache. Ich versuche, das auf die leichte Art zu verarbeiten. Wobei man aufpassen muss: Für die Leute ist das kein lustiges Thema. Aber es bringt mich auch zum Grübeln, ähnlich wie die Geothermie-Diskussion. Wie funktioniert politische Auseinandersetzung in unserer Zeit, wie geht man mit Protest um? Was anders geworden ist, ist dass jeder eigene Kanäle bespielen, eigene Politik betreiben kann über soziale Netzwerke. Und was in den letzten fünf Jahren anders geworden ist: Man bricht kein Tabu mehr, wenn man irgendetwas behauptet. Ich darf das nicht. Da haben sich die Gewichte verschoben.

TB: Reagieren Sie auch deshalb manchmal etwas dünnhäutig?

Seidl: Ich bin manchmal halt dünnhäutig. Ich versuche aber, nicht zu emotionsgeleitet in eine Diskussion zu gehen. Aber manchmal bin ich verärgert und das sag ich dann auch.

TB: 2020, bei der nächsten Wahl, wären Sie 56. Eigentlich das Alter, um noch einmal etwas Neues anzufangen. Landrat? Landtagsabgeordneter für eine Periode?

Seidl: Wenn ich in den Landtag wollte, wäre jetzt die beste Gelegenheit gewesen.

TB: Nominiert ist noch nicht.

Seidl: Ich glaube, wir haben ganz gute Kandidaten. Was ich jetzt plane, sind noch sechs Jahre Bürgermeister.

TB: Vom privaten Menschen Seidl weiß man in der Öffentlichkeit wenig. Gibt es eigentlich noch ein Privatleben?

Seidl: Ja, schon, wenig.

TB: Was sagen Frau und Kinder?

Seidl: Ich finde, mein Beruf hat mit meiner Familie eigentlich nichts zu tun. Ich werbe nicht mit schönen Kindern und einer attraktiven Frau, sondern mit dem, was ich kann. Die Entscheidung für das Bürgermeister-Amt ist auch in eine Lebensphase gefallen, als mich die Kinder nicht mehr so gebraucht haben. Meine Frau ist außerdem beruflich selber gut eingespannt. Ich passe aber auf, dass es ein Privatleben gibt. Was schwierig für mich ist: Ich arbeite wie blöd und habe dann plötzlich zwei Stunden frei. Das ist tote Zeit, das ist gefährlich.

TB: Sie haben nur noch halb soviel Ferien wie als Lehrer.

Seidl: Ich glaube, es ist nur noch ein Drittel. Lehrer sein ist schon gut. Aber im Sommer haben wir auch auf die Ferien verzichtet und den Garten komplett umgebaut.

TB: Kann man sich Norbert Seidl eigentlich auch in der Hängematte vorstellen, wo er den lieben Gott einen guten Mann sein lässt?

Seidl: Hängematten hasse ich, da liegt man so blöd. Ich habe einen Sessel, da sitze ich oft genug.

Das Interview führte Olf Paschen.

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