Keine Scheu vor dunklen Kapiteln der Stadtgeschichte: Archivleiterin Mandy Weidner bei ihrem Vortrag. Foto: tb

Stadtarchiv Puchheim

Offener Umgang mit eigener NS-Geschichte

Puchheim - Das Stadtarchiv Puchheim beschreitet neue Wege bei der Vermittlung von ortsgeschichtlichen Erkenntnissen. So hielt Archivleiterin Mandy Weidner kürzlich einen Vortrag über den Umgang der Stadt mit der NS-Geschichte im Rahmen eines regionalen Erfahrungsaustausches der „Wirtschaftsarchive Bayern“.

Das Stadtarchiv Puchheim beschreitet neue Wege bei der Vermittlung von ortsgeschichtlichen Erkenntnissen. So hielt Archivleiterin Mandy Weidner kürzlich einen Vortrag über den Umgang der Stadt mit der NS-Geschichte im Rahmen eines regionalen Erfahrungsaustausches der „Wirtschaftsarchive Bayern“.

Puchheim – Das übergeordnete Thema der Arbeitstagung im MAN Truck Forum in München lautete „Wirtschaft und Staat im Spannungsfeld: Herausforderung für Archive“. Welchen Spannungsfeldern ein kommunales Archiv dabei ausgesetzt sein kann, beleuchtete Weidner in Wort und Bild am Beispiel Puchheim.

Einführend schilderte sie die aktuell im Landkreis Fürstenfeldbruck ausgelöste Debatte über Straßennamen, die an Personen mit Nazi-Vergangenheit oder andere demokratie- und freiheitswidrige Meinungen oder Handlungen erinnern. Es folgte eine kurze Überleitung zur ortsgeschichtlichen Entwicklung Puchheims, bei der im ausklingenden 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hausmull-Fabrik Puchheim eine bedeutende Rolle spielte.

Weidner schilderte die Entwicklung des damals hochmodernen Abfallverwertungsbetriebes bis zum Tode des langjährigen Fabrikdirektors Julius Einhorn, der Jude war und 1929 starb. Sie hob hervor, dass der Ankauf der Fabrik im Jahr 1933 durch den Münchner Fuhrunternehmer Alois Harbeck wohl aus rein wirtschaftlichem Interesse erfolgt war. Denn Harbeck war es in den 1920er-Jahren gelungen, die Konzession für die Müllabfuhr in ganz München zu erlangen. „Da war die Übernahme der Puchheimer Hausmull-Fabrik der nächste logische Schritt“, so Weidner.

Weidner zeichnete nach, wie Harbeck, insbesondere nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, massiv mit Personalmangel zu kämpfen hatte. Immer wieder habe er sich mit Schreiben an den Münchner Bürgermeister gewandt und um Arbeitskräfte gebeten. In München seien neben Kriegsgefangenen auch Zwangsarbeiter zum Abtransport des Mülls eingesetzt worden. Hingegen lasse sich der Einsatz von Zwangsarbeitern im Verwertungsbetrieb in Puchheim anhand der bisher gesichteten Dokumente und Unterlagen nicht nachweisen.

„Der einzige, allerdings nicht weiter belegbare, Hinweis auf die Beschäftigung von Zwangsarbeitern in Puchheim findet sich in den Akten bei einer Aussage zur Herkunft der angeforderten Arbeitskräfte von 1942“, so Weidner. „Dort heißt es ganz unspezifisch, dass es sich dabei um Arbeitskräfte aus dem Lager Germering handelt.“

Das Lager Germering ging ab 7. September 1943 als ein weiteres Außenlager des KZ Dachau in Betrieb. Da Zwangsarbeiter primär in den kriegswichtigen Industrien und Betrieben eingesetzt wurden, sei nicht davon auszugehen, dass es in der Hausmull-Fabrik Puchheim zum Einsatz von Zwangsarbeitern kam. Darüber hinaus, so Weidner, habe die Fabrik bereits ab 1941 den Betrieb teilweise einstellen müssen. „Neben ständigen Zugausfällen und Blockierungen der Gleise gab es auch bald keine Ersatzteile mehr für die Fabrik. Der Betrieb konnte so nicht mehr aufrecht erhalten werden.“ Forschungen dazu liefen aber weiter, berichtete Weidner.

Als weitere Beispiele für den offenen Umgang der Stadt mit der NS-Geschichte übermittelte Weidner dem Arbeitskreis die wenigen nachweisbaren Daten und Fakten aus der Amtszeit der beiden nationalsozialistischen Bürgermeister Puchheims, Georg Schießl (1933 – 37) und Josef Steindl (1937 – 1945).

Auch auf das Schicksal der Familie Bäuml ging die Stadtarchivarin ein. Josef Bäuml war Jude und hatte in den Jahren 1905/07 die Fischzuchtanstalt „Gröben“ zwischen Gröbenzell und Puchheim erworben und 1912 erweitert. Bäuml starb 1938 in München. Zwischen 1938 und 1942 wurde der Familie Bäuml der gesamte Besitz in Puchheim nach den nationalsozialistischen Arisierungsbestimmungen entzogen. Um Wiedergutmachung nach dem Krieg kämpfte die Familie Bäuml vergeblich.

Abschließend berichtete Weidner von der Puchheimer Archivrecherche über Julius Wölfinger, Kunstmaler und Oberst a. D., der von 1963 bis 1993 in Puchheim gelebt und der damaligen Gemeinde eines seiner Bilder verkauft hatte: ein idyllisches Puchheimer Wintermotiv, das in scharfem Kontrast zu seiner Wehrmachtsvergangenheit steht.

Denn Julius Wölfinger war in der NS-Zeit als Kampfgruppenkommandeur mit der Gesamtführung des „Unternehmens Kalawrita“ betraut worden, der berüchtigten „Säuberungsaktion“ gegen griechische Partisanen auf dem Peloponnes. „Ein unbefangener Blick auf Wölfingers Puchheim-Bild ist nach der Erkundungstour durch die feldgraue Vergangenheit des Malers nicht mehr möglich“, stellte Weidner klar.

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