So große Flächen gibt es kaum mehr: Verschiedene Graffiti-Künstler dürfen sich ganz legal auf der Fassade des Abriss-Gebäudes am Alois-Harbeck-Platz austoben. Und das wird immer bunter. 	Fotos: Weber (4)/buntheim.de
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So große Flächen gibt es kaum mehr: Verschiedene Graffiti-Künstler dürfen sich ganz legal auf der Fassade des Abriss-Gebäudes am Alois-Harbeck-Platz austoben. Und das wird immer bunter.

Puchheim

Vom Glücksdrachen bis zum radelnden Schwein: Riesen-Graffiti am Abriss-Haus

  • Kathrin Böhmer
    VonKathrin Böhmer
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Der Alois-Harbeck-Platz in Puchheim böte eigentlich zur Zeit einen deprimierenden Anblick. Die Gebäude sollen abgerissen werden. Doch statt leere Schaufenster, möglicherweise mit eingeschlagenen Fenstern, und verwaiste Wohnungen sieht man knallbunte Graffiti und Kunst. Dahinter steckt eine ganz besondere Idee – die selbst Corona nicht vollständig stoppen konnte.

Puchheim – Glück kann man immer gebrauchen und in diesen Zeiten besonders. So empfängt die Passanten in der Beton-Passage des Alois-Harbeck-Platzes ein chinesischer Glücksdrache. Er ist auf die Scheiben der Schaufenster gemalt, wo früher Geschäftsleute ihre Waren angeboten haben. Nachts wird der Körper von den Lichtern der Läden erhellt – der Drache scheint sich tatsächlich hier entlang zu schlängeln. Ein echter Hingucker dort, wo jetzt trister Leerstand herrschen würde. Und noch dazu eine gute Abschreckung für potenzielle Randalierer.

Harbeck-Platz wird umgestaltet

Seit Sommer 2019 steht fest, dass der Puchheimer Harbeck-Platz umgestaltet wird. Die alten Wohn- und Geschäftsgebäude werden durch neue, schicke Häuser ersetzt. Das sorgte damals für Wirbel, weil etliche Mieter raus mussten und einzelne den Eigentümern deshalb grobe Vorwürfe machten. Die Stimmung war damals sehr angespannt, was die künftigen Pläne für das Areal angeht.

Kunst gegen Vandalismus

Doch die Immobilienfirma „Harbeck & Stieber“ machte sich Gedanken, wie man die Übergangszeit sinnvoll nutzen und auch Vandalismus in dem verwaisten Komplex verhindern könne. Die Eigentümerin wandte sich an Mehmet Ismail Birinci vom Quartiersmanagement. „Wir haben uns überlegt, dass wir den Ort zu einer Begegnungsstätte für alle Puchheimer machen wollen“, erklärt der Projektleiter. Es sollten Graffiti-Workshops und Kreativkurse für Kinder aus der Planie angeboten werden. Am Harbeck-Platz sollten dann aber auch alle Puchheimer eine Möglichkeit haben, Kunst zu erleben. Finanzielle Unterstützung boten der Kinderschutzbund Fürstenfeldbruck und die Eigentümerin an.

3D-Effekt: Das Schwein scheint aus der Wand zu radeln. 

Mit im Boot waren namhafte Künstler der Graffiti-Szene, wie „Loomit“, dessen Frau aus Puchheim kommt, und Melander Holzapfel, die beide zum festen Kurationsteam gehören. Die ersten Workshops konnten noch stattfinden, etwa 40 Kinder plus Eltern waren dabei – doch dann kam die Corona-Pandemie. „Und wir haben das Konzept erst einmal auf Eis gelegt“, berichtet Birinci.

Die Fassaden als Freilichtmuseum

Aber eben nicht ganz. Von Anfang an war geplant, dass sich die Kinder vor allem innen austoben und die Profi-Sprayer die Außenfassaden gestalten. .„Wir haben uns gedacht, wir machen das Ganze jetzt einfach zu einem Freilichtmuseum. Street-Art, für alle sichtbar“, erzählt Projektleiter Birinci.

Seit etwa einem Jahr kommen die Künstler immer wieder her. „Für sie ist das etwas ganz Besonderes. Zum einen architektonisch. Zum anderen: Wo gibt es noch so viel freie Fläche? In München sicher nicht“, sagt Birinci. Bis Anfang April sollen alle wichtigen Flächen fertig sein. Für 18. April ist ein Besuch von Bürgermeister Norbert Seidl geplant – sollte es die Pandemie zulassen mit Workshop.

Bauarbeiten verzögern sich

Sorgen darüber, dass man nun erst recht Schmierfinken anzieht, die weniger ansehnliche Werke hinterlassen, macht sich Birinci nicht. „Bisher hat es noch keine Probleme gegeben. Das ist ein gutes Zeichen, dass das Projekt angenommen wird.“ Auch von den Bürgern gab es nur positive Rückmeldungen. Birinci hofft auch, dass irgendwann noch weitere Workshops angeboten werden können.

Einige Zeit wird es das Freilichtmuseum jedenfalls noch geben. Die Bagger sollten nämlich schon im vergangenen Jahr anrücken. Doch wie es bei großen Baumaßnahmen oft der Fall ist, gibt es Verzögerungen im Planungsverfahren. Das Quartiersmanagement rechnet auch in diesem Jahr nicht mit dem Abriss.

Und Projektleiter Birinci sagt ganz ehrlich: „Wir haben nichts dagegen.“ So kann das Riesen-Graffiti in Puchheims Mitte noch ein wenig länger betrachtet werden – und der Drache allen Passanten Glück bringen.

Informationen

gibt es auf der Internetseite www.buntheim.de.

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