Die Enttäuschung lässt sich kaum verleugnen: Bürgermeister Norbert Seidl musste auch in diesem Jahr das Puchheimer Volksfest absagen. Man kann sich gerade auf nichts verlassen und das nervt, sagt er.
+
Die Enttäuschung lässt sich kaum verleugnen: Bürgermeister Norbert Seidl musste auch in diesem Jahr das Puchheimer Volksfest absagen. Man kann sich gerade auf nichts verlassen und das nervt, sagt er.

Corona-Pandemie

„Der Lockdown zehrt an den Kräften“ - Bürgermeister Norbert Seidl im großen Interview

Im Interview spricht Puchheims Bürgermeister Norbert Seidl über die Pandemie, seine Meinung zu den Maßnahmen als ehemaliger Lehrer und seine eigene Zukunft.

Puchheim – Zwei Tage nach der Kreistagssitzung und einen Tag vor Heiligabend leuchtete bei Norbert Seidl die Corona-Warn-App rot. Puchheims Bürgermeister ließ sich gleich testen, aber das – negative – Ergebnis stand erst am 26. Dezember fest. So wurden es sehr ungewöhnliche Quarantäne-Weihnachten zuhause: Meist im Arbeitszimmer, sonst mit viel Abstand und „noch mehr Hygiene als sonst“, wie er zwei Monate später sagt. Mit dem Tagblatt sprach er ganz allgemein über Puchheim in Corona- und Lockdown-Zeiten.

Bürgermeister Norbert Seidl über Corona: „Es nervt“

Sie haben das zweite Volksfest hintereinander absagen müssen. Nervt Sie Corona allmählich?

Es nervt mich tatsächlich. Weil man was absagen muss, aber auch, weil man Energie reingesteckt hat und dann alles in den Eimer werfen muss. Man kann sich auf nichts verlassen.

Ist es das Virus oder mehr der Lockdown, was Ihnen auf die Nerven geht?

Nerviger ist der Lockdown. Das Virus ist sehr gefährlich und man muss immer aufpassen und mitdenken. Aber der Lockdown zehrt an den Kräften. Weil auch immer noch ’ne Schippe draufkommt. Man denkt, man ist endlich bei 35, aber das reicht dann auch nicht.

Wie sieht die Arbeit eines Bürgermeisters in diesen Zeiten aus? Auch im Home-Office oder im leeren Rathaus?

Bei uns ist das Rathaus so weit wie möglich freigezogen, man versucht, dass nur eine Person im Büro ist. Leer ist es aber nicht, auch ich bin im Rathaus. Man ist nur vorsichtig, was die Kontakte betrifft, man geht nicht mehr herum. Die Arbeit ist nicht unbedingt weniger, die Verwaltung läuft weiter. Es werden nicht weniger Bauanträge gestellt deswegen. Was weniger geworden ist, ist die Veranstaltungsplanung. Aber da gibt es dann andere Formate, die mehr Zeitaufwand brauchen, zum Beispiel die Bürgerversammlung online. Bis da alles beinander ist. Die Techniker im PUC sind ja auch in Kurzarbeit.

Ist jetzt eine gute Gelegenheit, Pläne zu schmieden, Visionen zu entwickeln?

Doch, auch. 2020 haben wir jetzt in den Knochen, 2021 müssen wir schauen, dass wir rauskommen und das verarbeiten. Wir sind eh auf dem Weg, dass wir die Stadt neu ausrichten, damit sie den Ansprüchen der nächsten zehn Jahre genügt. Ich will ein Leitlinienpapier erarbeiten, wo man hin will, ich bereite Stadtratsklausuren vor, aber auch das Stadtfest am 17. Juli: Zehn Jahre Stadt, zehn Bühnen. Es macht auch Spaß, das vorzubereiten und darüber nachzudenken, wo ich hin will in Puchheim. Aber zum Aufräumen komme ich nicht. Unsere IT schimpft mich schon wegen meiner 5000 E-Mails. Aber ich glaube, das liegt nicht an Corona.

Wo Sie hin wollen? Das klingt nach einer neuerlichen Kandidatur.

In dieser Amtszeit fühle ich mich gut aufgehoben, aber danach kann ich mir schon etwas anderes vorstellen. Dann war ich 14 Jahre lang Bürgermeister. Irgendwann ist es dann auch mal gut.

Bürgermeister Norbert Seidl: „Online ist das nichts“

Kontakt nur über PC: Videokonferenzen sind an der Tagesordnung. Doch der persönliche Kontakt, Reisen und Leute an anderen Orten treffen, das fehlt, findet Seidl.

Was geht Ihnen am meisten ab zur Zeit?

Ja, vielleicht schon das Leute treffen, Reisen, Rumfahren. Es gibt da so kleine Fluchten, einfach mal zwei Tage weg zu sein. Oder einen Kongress besuchen mit fachlichem Input und dann abends Leute treffen und die Stadt erkunden. Online ist das nichts.

Haben Sie noch direkten Kontakt zu den Bürgern, kommt man noch ran an die Leute?

Na ja, es ist nicht so, dass man überhaupt keinen Kontakt mehr hat. Bis vor ein paar Monaten ging es ja noch. Und auf Spazierwegen trifft man den einen oder anderen, da ratscht man dann. Oder man schreibt zurück, telefoniert zurück. Ich hab aber den Eindruck, dass alles runtergefahren ist, auch von Seiten der Bürger. Jeder zieht den Kopf ein.

Was glauben Sie, wie geht es den Menschen?

Ich glaub’, insgesamt kommen sie zurecht. Sie zeigen wahnsinnig viel Durchhaltevermögen. Aber es strengt an. Die Leute halten das nur deshalb durch, weil sie ein Ziel sehen und das erreichbar ist. Manche haben natürlich besonderen Stress. Für Eltern ist das noch mal härter.

Gibt es eigentlich noch ein Vereinsleben in Puchheim?

Mei, eigentlich nicht. Die treffen sich auch über Zoom, 15 Aktive machen schon mal einen Vereinsabend. Aber wie willst du online schießen zum Beispiel? Das Ermüdungspotenzial wächst. Für die Kultur gilt das gleiche: Kultur lebt vom Publikum. Sich im Internet zu präsentieren ist eine Überlebenstechnik, aber nichts, was Spaß macht. Aber wir lassen nicht locker, wir planen für die Zeit danach. Die Kunstkommission für den Ankauf von Bildern wird in diesen Tagen starten. Online natürlich.

Bürgermeister Norbert Seidl über Schulschließungen: „Die sind schon vernünftig“

War die bisherige Corona-Politik richtig?

Ich glaub schon, sowohl im Bund wie in Bayern. Im Großen und Ganzen auf Nummer Vorsicht wär ich auch gegangen. Man kann natürlich über Einzelheiten diskutieren, etwa die Hoppla-Hopp-Grenzkontrollen.

Was hält ein ehemaliger Lehrer von den Schul-Schließungen?

Die sind schon vernünftig. Aber es ist Käse, mal auf- und mal zuzumachen, mal nur die Hälfte reinzulassen. Und die Übergänge hätte man anders gestalten können, nicht von Freitag auf Montag. Und dann sollte man sich halt irgendwann entscheiden. Nicht jede Woche ein anderes Modell ausprobieren.

Wer leidet mehr darunter? Die Schüler oder die Eltern?

Ich denke, da gab’s auch Phasen. Zuerst die Kinder, die praktisch rausgeschmissen wurden und in der Luft hingen. In der zweiten Phase die Lehrer, die nicht wussten, wie sie das managen sollen: fünf Kinder in der Klasse, 15 woanders und die dann gemeinsam aufwecken. Jetzt sind es die Eltern. Die wollen einfach mal wieder normal in die Arbeit fahren. Und nicht fair waren diese ausgefallenen Ferien. Das war eine Ohrfeige für alle, die sich ein Jahr lang mehr oder weniger bemüht haben, den Laden am Laufen zu halten.

Funktioniert es an den Puchheimer Schulen?

Es funktioniert tatsächlich, ich habe jedenfalls gute Rückmeldungen bekommen. Vielleicht kommen die schlechten aber auch nicht bei mir an. Die Grundschule Süd ist eh ein bisschen der digitale Vorreiter, in Puchheim-Ort gab es ab und zu ein paar Hänger, das scheint aber mittlerweile im Griff zu sein. Die Mittelschule hat im Herbst gesagt, sie kommt zurecht.

Bürgermeister Norbert Seidl zu den Folgen der Pandemie: „Da wird man noch lange bluten müssen“

Letzte Amtszeit? Bürgermeister Seidl, 57 Jahre alt, lässt zumindest durchblicken, dass die Zeit im Rathaus mit der nächsten Wahl ein Ende für ihn hat.

Der Lockdown trifft manche Branchen hart. Ist Puchheim mit seiner Gewerbestruktur weitgehend immun?

Das weiß man noch nicht. Wir haben ein paar Top-Player in sensiblen Bereichen: Autozulieferer, Maschinenbau. Am radikalsten zu leiden haben die, die geschlossen haben: Gastronomie und Touristik. Da wird man noch lange bluten müssen.

Was hören Sie vom örtlichen Einzelhandel?

Der örtliche Einzelhandel kämpft und versucht, nicht zu sehr ins Minus zu rutschen, über click&collect zum Beispiel. Es gibt schon bekennende Kunden, die gerade jetzt dort einkaufen, aber es ist halt zehn Mal leichter und schneller, am Sonntag im Internet was auszuwählen. Ich bekomm’ es am Montag und muss nicht raus. Diese Konkurrenz ist zusätzlich angeheizt worden.

Haben schon Läden ganz dicht machen müssen?

Das hab ich so nicht mitbekommen. Aber ich glaube, der eine oder andere wird überlegen müssen, ob es auch für ihn weitergeht, wenn im April der Lockdown weitergeht. Ob man nicht Insolvenz anmeldet, als noch mehr Schulden zu machen. Für Geschäftsleute ist es eine Riesenbelastung. Die arbeiten auf Pump, auch noch für die nächste Zeit.

Auch die Stadt wird sich ein wenig einschränken müssen, sagt Ihr Kämmerer. Wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um bei der künftigen Stadtmitte Abstriche zu machen?

Wir werden die Corona-Delle noch mitschleppen müssen, aber insgesamt sind wir auf einem guten Niveau. Es ist auch gar nicht tragisch, wenn man sich auf das Notwendige konzentriert. Wir werden uns über Gewerbegebiete und Wirtschaftsförderung Gedanken machen müssen, da macht Corona Druck. Und was das Zentrum betrifft: Da müssen wir entscheiden, was ist die Kernaufgabe, was wollen wir wirklich? Wir haben einen Bürgertreff, der auseinander bröselt, da kann ich nicht mehr 20 Jahre warten. Wir haben Rathaus-Außenstellen in drei Etagen, die kosten Geld. Und die könnten in die Bücherei. Vielleicht muss man Notwendigkeiten vereinbaren, je nach Kassenlage erst mal nur zwei Gebäude hinstellen. Aber nicht ganz auf die Stadtmitte verzichten.

Wer wünscht sich das neue Zentrum eigentlich sehnlicher? Die Puchheimer oder der Stadtrat?

Das Projekt ist nicht aufgesetzt, das beschäftigt die Bevölkerung schon länger. Man hat ja gesehen beim neuen Kaffeehaus, wie so etwas gefehlt hat. Vielleicht kann man ja auch ein bürgernäheres Pendant zum Alois-Harbeck-Platz schaffen. Vielleicht braucht’s da ein Gegengewicht.

Bürgermeister Norbert Seidl zur Zeit nach Corona: „Es wird nicht eins zu eins weitergehen“

Was wird bleiben von Corona, was hat sich bewährt außer den Video-Konferenzen?

Das ist ja schon mal was, das hab ich vorher so nicht gekannt. Ich glaub’, es könnte eine höhere Achtsamkeit bleiben, was die eigene Verwundbarkeit betrifft. Die Leute haben gemerkt: So unangreifbar ist man nicht. Vielleicht bleibt auch etwas von der Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig ist. Oder die Erfahrung, dass man zusammen halten kann, was man alles anders machen kann, wie viel man bewältigen kann.

Was wird anders sein in Puchheim als vorher?

Es wird nicht eins zu eins weitergehen. Da wird nicht der Schalter umgelegt und die Party beginnt aufs Neue. Es wird weniger Trubel sein. Es werden mehr Computer rumstehen, auch in den Schulen. Das eine oder andere Geschäft wird sich tatsächlich nicht mehr halten können. Dieses Jahr wird uns noch lange in den Knochen stecken. Ich glaub’, man wird nicht mehr so unbekümmert rumlaufen.

Weitere Nachrichten aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck finden Sie hier.

Alle Nachrichten aus der Stadt Puchheim gibt es hier.

Olf Paschen

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare