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Die bewegte Geschichte des Harbeck-Platzes - Vision von der Zukunft

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Vision von der Zukunft: Diese Visualisierung stellten die Architekten dem Stadtrat 2019 vor. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beginnen.	Visualisierung: POTT architekten ingenieure
Vision von der Zukunft: Diese Visualisierung stellten die Architekten dem Stadtrat 2019 vor. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beginnen. © Visualisierung: POTT Architekten Ingenieure

Gerade ist er in aller Munde: der Alois-Harbeck-Platz direkt südlich der Bahnlinie. Ursprünglich als eine Art Geschäftszentrum für Puchheim-Bahnhof gedacht, verlor er zunehmend an Bedeutung. Heute gilt er als aus der Zeit gefallen. Zu seinem 50. Geburtstag soll er ein ganz neues Gesicht bekommen.

Puchheim – Wer die Geschichte des Platzes erzählen will, der muss erst einmal den Namensgeber vorstellen (der im Übrigen nie von dieser Ehre erfuhr). Alois Harbeck, Jahrgang 1889, stammte aus München, besuchte das Luitpold-Gymnasium und begann ein Jurastudium, bevor er – wohl noch vor dem Ersten Weltkrieg – die Lohnkutscherei seines verstorbenen Stiefvaters übernahm. Mit dem Fuhrunternehmen gelang es ihm in den 1920er- Jahren, sämtliche Konzessionen für die städtische Müllabfuhr zu erwerben, die zuvor in vier Sektionen ausgeschrieben worden war. Und mit dem Erwerb der Hausmüllfabrik in Puchheim nach dem Tod des bisherigen Eigentümers Julius Einhorn kontrollierte er praktisch das gesamte Abfallwesen der bayerischen Hauptstadt.

Gutsherr und Großgrundbesitzer

Wann genau er sich in Puchheim einkaufte, ist unklar. Es gibt einen Vertrag von 1932, in dem er als Allein-Bevollmächtigter genannt wird. Später war er geschäftsführender Gesellschafter einer GmbH mit zwei Teilhabern. Über das Ende der Abfallverwertung 1949 hinaus blieb Harbeck aber Gutsherr und Großgrundbesitzer. Zwar konnte jetzt kein Dünger aus dem Restmüll mehr gewonnen werden, aber Gartenbau und Landwirtschaft auf den Ländereien florierten wohl. Milchvieh, Bullenmast, auch eine Schnapsbrennerei zur Gewinnung von medizinischem Alkohol waren Standbeine. Anfang der 90er-Jahre wurde der Betrieb aufgegeben.

Harbeck galt als durchaus leutselig

Harbeck lebte weiter in München, hatte aber eine Wohnung im Gutshof und hielt sich öfter in Puchheim auf. Laut dem Historiker Erich Hage ging er zur Brotzeit in die Bahnhofswirtschaft und galt als durchaus leutselig. Politischer und katholischer Gemeinde schenkte er jeweils Grund für Rathaus- und Kirchenbau. 1964 wurde er zum Ehrenbürger ernannt.

Für die einen ein Schandfleck, für die anderen eine Riesen-Leinwand: Nachdem die Mieter und Geschäftsleute vor über zwei Jahren auszogen, durften sich Graffiti-Künstler am Alois-Harbeck-Platz austoben. 	fotos: weber (2)
Für die einen ein Schandfleck, für die anderen eine Riesen-Leinwand: Nachdem die Mieter und Geschäftsleute vor über zwei Jahren auszogen, durften sich Graffiti-Künstler am Alois-Harbeck-Platz austoben. © Weber

Im Jahr 1971 begannen die Bauarbeiten für den neuen Platz, der als Einkaufszentrum und Treffpunkt für die neue Trabantenstadt, die Planie, gedacht war. Deren Architekt Ernst Maria Lang entwarf das neue kleine Quartier, in dem es anfangs Supermarkt und Bank gab. Harbeck nannte das Areal „Marktplatz“, erst ein Vierteljahr nach seinem Tod, im Januar 1978, bekam er den heutigen Namen.

Irgendwann wurde es recht einsam

Fast 50 Jahre später gab es immer noch Wohnungen und Geschäfte rund um den rechteckigen Platz. Die Betriebe beklagten sich eigentlich nicht über die Ungunst der Lage, aber es war schon klar, dass hier nie mehr der Bär steppen würde. Veranstaltungen fanden gegenüber, am Grünen Markt, oder im und am PUC statt.

Zunehmend war von Schandfleck die Rede

Und was für die einen noch ein gemütlich-altbackenes Ambiente war, empfanden andere zunehmend als Schandfleck. Die Stadt ließ das Areal auf seine Entwicklungsmöglichkeiten untersuchen. Der Alois-Harbeck-Platz wurde so zum Sanierungsgebiet erklärt und in den Umgriff der künftigen Stadtmitte-Planung aufgenommen. Die Eigentümer-Gesellschaft, namentlich Harbeck-Enkelin Laura Stieber, hatte sich ihrerseits wohl schon länger mit Modernisierungsgedanken getragen. Der Rauswurf aller gewerblichen und die (vorübergehende) Kündigung für viele private Mieter sorgte zwar für böses Blut und schlechte Presse, im Stadtrat rannte die Investorin aber offene Türen ein.

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Im Sommer starten wohl die Bauarbeiten

Geplant und praktisch genehmigt sind unter anderem zwei neue Wohngebäude, zum Teil mit gewerblicher Nutzung, ein Supermarkt und ein Hotel. Die Befürworter loben die energetische Gebäude-Sanierung, das fußläufig erreichbare Einkaufsangebot, die höhere Aufenthaltsqualität auf einem grüneren Platz. Die Gegner sprechen von einer unzeitgemäßen, autogerechten Planung, die auch keine Rücksicht auf einem Baumbestand nehme, den noch Harbeck senior 1972 anpflanzen ließ. Die ersten Bäume wurden mittlerweile schon gefällt. Wirklich losgehen werden die Bauarbeiten wohl aber erst im Sommer.

Riesen-Ärger um den neuen Namen für den Marktplatz

In schon hohem Alter war der Ehrenbürger Alois Harbeck nicht mehr zufrieden mit den Ratsherren in seinem Zweitwohnsitz. Hatten die sich doch erdreistet, die Bevölkerung um Namensvorschläge für den neuen Platz mit seinen Wohngebäuden und Geschäftszeilen zu bitten. Wie Werner Dreher für sein Buch über die Puchheimer Straßennamen rekonstruiert hat, ging das auf eine Anregung von Bürgermeister Erich Pürkner zurück.

Dieser hielt den historischen Namen „Marktplatz“ für ein Neubau-Ensemble für ungeeignet. Es folgte ein Ideenwettbewerb, der nicht weniger als 191 Vorschläge brachte, zur Hälfte von einem einzigen Einsender. Casanova, Andreas Hofer oder Louis Armstrong wurden als Taufpaten genannt, ebenso Herrgottsplatz oder Tumultplatz. Die Politiker entschieden sich für „Friedensplatz“, was ihnen einen erheblichen Rüffel eintrug.

In einem Brief an die Gemeinde ohne Anrede oder sonstige Höflichkeit verwahrte sich der alte Harbeck gegen solchen Unfug: Wie man einem Platz, der wie alle Marktplätze von Wohnungen und Geschäften umgeben sei, das Attribut „Markt“ absprechen könne, sei ihm unbegreiflich. Im Übrigen könne er seinen Privatgrund nennen, wie er wolle. op

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