Russische Kriegsgefangene beim Kartoffelschälen vor ihrer Küche im Lager Puchheim. Für die Russen war die Heimkehr nach Ende des Ersten Weltkriegs besonders schwer. Grund war der Bürgerkrieg in ihrer Heimat.
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Russische Kriegsgefangene beim Kartoffelschälen vor ihrer Küche im Lager Puchheim. Für die Russen war die Heimkehr nach Ende des Ersten Weltkriegs besonders schwer. Grund war der Bürgerkrieg in ihrer Heimat.

Geschichtsserie

Puchheim: Eine Kleinstadt mit Kriegsgefangenen

  • Andreas Schwarzbauer
    vonAndreas Schwarzbauer
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Im Ersten Weltkrieg kamen tausende Kriegsgefangene ins Lager auf dem ehemaligen Flugfeld in Puchheim. Es entstand quasi eine Kleinstadt innerhalb des Ortes.

Puchheim – Das bayerische Kriegsministerium hatte das stillgelegte Flugfeld im Jahre 1914 von der Akademie für Aviatik für 60 000 Mark gekauft. Das Areal war ideal: Die einstigen Flugzeughallen wurden zu Gefangenenbaracken, die Mauer um das Gelände hielt keine nicht-zahlenden Zuschauer mehr fern, sondern verhinderte eine Flucht der Insassen.

Im Oktober 1914 trafen bereits die ersten Insassen, 850 gefangen genommene Franzosen sowie 180 Wachsoldaten ein. Nach und nach entstand eine richtige Kleinstadt im Ort. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war das Lager mit 16 000 bis 17 000 Gefangenen belegt. Rund 12 000 bis 13 000 kamen aus Russland und etwa 4000 bis 5000 aus Frankreich. Hinzu kamen 4000 Wachsoldaten.

Umfangreiches Unterhaltungsprogramm und harte körperliche Arbeit

Beim Arbeitseinsatz im Jahre 1915: Die Insassen mussten beim Trockenlegen der Moorwiesen helfen.

Für die Insassen entstand ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm, das sie allerdings selbst gestalten mussten. Es fanden Fußballspiele, Musikveranstaltungen und sogar französische Theateraufführungen statt. Regelmäßig wurden katholische und protestantische Gottesdienste veranstaltet. Für jüdische Gefangene wurde eine eigene Synagoge errichtet, für Muslime ein Gebetsraum.

Die Gefangenen führten dennoch ein hartes Leben, denn sie wurden für Arbeitseinsätze eingeteilt. Dies war gemäß der Haager Landkriegsordnung aus dem Jahr 1907 möglich. Die Puchheimer Insassen mussten bei der Trockenlegung der Moorwiesen oder in der Landwirtschaft helfen. Außerdem arbeiteten sie in München bei der staatlichen Eisenbahn. Die Mehrzahl wurde allerdings auf 37 Arbeitslager in Oberbayern verteilt und war auf Bauernhöfen und in Bergwerken tätig.

585 Gefangene starben im Lager - die meisten an der Spanischen Grippe

Lagergeld: Hiermit konnten die Kriegsgefangenen Einkäufe tätigen.

Für ihre Arbeit wurden sie mit einem eigenen Lagergeld bezahlt, mit dem sie einkaufen konnten. Die medizinische Versorgung übernahmen ein Lager- und vier Assistenzärzte. Trotz der guten medizinischen Betreuung starben insgesamt 585 Kriegsgefangene in Puchheim, die meisten von Ihnen an der Spanischen Grippe 1918/1919.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 wurde das Kriegsgefangenenlager Puchheim schrittweise aufgelöst. Die französischen Kriegsgefangenen konnten bis Ende Januar 1919 in ihre Heimat zurückkehren.

Bei den russischen Kriegsgefangenen dagegen dauerte es aufgrund des Bürgerkriegs in Russland etwas länger mit der Heimkehr. Einige von ihnen unterstützten währenddessen die Münchner Räterepublik. 53 wurden deshalb am 2. Mai 1919 in Gräfelfing erschossen.

Erst 1921 wurde das Kriegsgefangenenlager Puchheim endgültig geschlossen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände zur Ansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen genutzt. Die Struktur des Kriegsgefangenenlagers ist heute noch erkennbar: Die sogenannten Bürgermeisterstraßen sind mit den Straßen im Lager identisch.

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