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Auf dem Weg zur Brandwohnung liegt schon ein Verletzter: Der junge Statist gab schauspielerisch sein Bestes. Die Feuerwehrleute kümmerten sich um ihn, Personenrettung geht vor.

Alarm in Puchheim

Einsatz im Hochhaus: Protokoll einer besonderen Feuerwehrübung

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Vor knapp einem Jahr hat sich in der Puchheimer Kennedysiedlung eine Tragödie ereignet: Ein kleines Mädchen starb bei einem Brand. Nun hatte die Feuerwehr die Gelegenheit, einen Einsatz in einem der Hochhäuser unter äußerst realistischen Bedingungen zu üben. Die Bewohner wurden dabei zu Statisten.

Puchheim – Eine Wohnung im siebten Stock des Hauses an der Kennedystraße 26 steht derzeit leer. Links und rechts davon befinden sich weitere Wohnungen. Genau hier sollte das Szenario stattfinden: Menschen schreien um Hilfe. Es wird Alarm geschlagen. Die Feuerwehr rückt an. Wie so oft in der Siedlung. Nur diesmal in einem gesicherten Rahmen für alle.

Aus der Wohnung quoll Rauch.

Möglich gemacht hat das die Vonovia, der das Gebäude mit den 24 Parteien gehört. „Für die Feuerwehr eine Top-Gelegenheit“, erklärt Übungsleiter Boris Grabmeier. Und auch die Bewohner können das Verhalten im Brandfall so realistisch wie nie zuvor üben. Die Vorbereitungen laufen bereits seit September. Am Tag der Übung selbst geht es etwa gegen 18 Uhr los.

18 Uhr

Übungsleiter Grabmeir ist vor Ort, ihn unterstützen Alexander Sabaraj und Christoph Arnold bei der Organisation. Sie besprechen noch einmal den Ablauf der Übung. „Der Einsatzleiter soll dabei schon gefordert werden“, erklärt Grabmeir. Sprich: Es wird die eine oder andere Schikane eingebaut.

Dafür werden Vorbereitungen getroffen und Rollen verteilt. Acht Bewohner, acht Mitglieder der Jugendfeuerwehr und drei Puppen mimen die Opfer, die gerettet werden müssen. Sie werden in den siebten Stock hinaufgeschickt beziehungsweise gebracht.

Auch die Wohnung wird präpariert, so dass später dicke Rauchschwaden aus den Fenstern quellen. Der Rauchwarnmelder piepst penetrant. Von außen ist noch nicht viel zu erkennen. Unten am Eingang steht lediglich ein Feuerwehrmann zur Koordination. Auch einige Bewohner finden sich unten vor dem Parkplatz zusammen.

18.30 Uhr

Die Übung kommt nicht überraschend: Sie wurde angekündigt. So sammelt sich ein kleiner Pulk vor der Hausnummer 26. Bei einigen Bewohnern werden in dieser Atmosphäre schlimme Erinnerungen geweckt.

Silvia Harcewic konnte am Tag der Tragödie vor knapp einem Jahr von ihrem Balkon aus den Einsatz beobachten. Der Schock sitzt immer noch tief. „Ich habe drei Monate nicht mehr richtig geschlafen“, sagt sie.

Nina Sorana hat auch eine kleine Tochter. „Ich denke viel daran“, sagt sie. Sie benutzt nur noch LED-Kerzen, einfach um sich ein wenig sicherer zu fühlen. Die Feuerwehrübung sieht sie positiv. „Es ist gut, dass etwas für den Brandschutz getan wird.“

19.15 Uhr

Jetzt geht es los: Die Feuerwehr Puchheim-Bahnhof wird alarmiert – auf eine Wohnungsöffnung. An diesem Tag übernimmt Simon Pfundstein die Einsatzleitung – eine ungewohnte Aufgabe. Besonders fies: „Ich bin los und dachte, es geht um eine Wohnungsöffnung.“ Den Plan, den er sich auf der Hinfahrt zurechtlegt, kann er aber schnell vergessen.

Pfundstein geht das Treppenhaus hinauf, um die Lage zu erkunden. „Wer ist mein Mitteiler?“, fragt er die Gruppe von Statisten. Er wird fündig und es ist klar: Hier geht es nicht nur um eine Wohnungsöffnung. Hier brennt es. Auf dem Balkon stehen Menschen und schreien um Hilfe. Anscheinend ist jemand bewusstlos. Es muss nachalarmiert werden.

Puchheim-Ort rückt auch an (im Normalfall wären es noch andere umliegende Feuerwehren). Insgesamt stehen jetzt sieben Feuerwehrautos rund um das Hochhaus, alles schimmert im blauen Licht. Um die 50 Feuerwehrleute laufen umher, jeder hat seine Aufgabe. Auf der Rückseite wird die Drehleiter in Stellung gebracht. Ein Fahrzeug leuchtet alles aus.

Versorgung von Verletzten.

Vorne beim Parkplatz bauen die Einsatzkräfte ein Versorgungszelt auf und die Wasserversorgung. Auch hier haben sich die Übungsleiter eine kleine Falle ausgedacht: Die Pumpe des ersten Löschfahrzeuges geht kaputt. Jetzt muss die Wasserversorgung über das weiter weg geparkte Auto laufen – was komplizierter ist. Für Pfundstein war die Devise: „Erst einmal das Chaos in den Griff bekommen.“

19.30 Uhr

Im Treppenhaus geben die Statisten derweil alles. Ein Bub fällt hin und rollt sich jammernd hin und her. „Aua, aua“, schluchzt er jämmerlich. Etwas weiter unten ertönt ein schrecklicher Schrei. Die Atemschutzgeräteträger, die sich in den siebten Stock hinauf kämpfen, stoßen ständig auf Hindernisse. Erst einmal müssen die Personen gerettet werden. Also geht es wieder runter – mit all dem Gewicht der Ausrüstung. Und dann wieder rauf: Die Tür der Wohnung muss geöffnet, der Brand gelöscht werden. Auf dem Balkon liegt noch mindestens eine bewusstlose Person (Puppe).

19.45 Uhr

Über die Funkgeräte ertönt: Mayday, Mayday, Mayday. Das bedeutet: Jemand von der Feuerwehr ist verletzt, ab sofort ist der Kanal dafür blockiert. Die Einsatzkräfte kümmern sich um den Kameraden. Er wird nach unten gebracht und versorgt.

20 Uhr

Währenddessen läuft die Drehleiter-Rettung bereits in vollem Gange. Hier gilt es einiges zu beachten, damit die Opfer in der Panik nicht einfach in den Korb springen. Drei Menschen haben bereits den sicheren Boden erreicht. Schwieriger wird es bei dem Bewusstlosen. Eine Trage wird in Position gebracht. Die rote Puppe schwebt in schwindelerregender Höhe über den Köpfen der Schaulustigen – das wäre mit einem echten Menschen zu gefährlich.

20.10 Uhr

Es ist geschafft. Der Einsatz ist beendet. Der Brand ist gelöscht, alle Menschen sind gerettet. Die Führungsriege der Feuerwehr zieht sich für eine kurze, erste Lagebesprechung zurück. Die Bilanz des Übungsleiters Grabmeir bis dahin: Das Team arbeitet hochprofessionell. Man merkt, dass sich die Feuerwehrleute in der Siedlung auskennen.

Interview zum Einsatz:

Boris Grabmeir

Feuerwehrmann Boris Grabmeir hat die Übung mit zwei Helfern organisiert. Im Tagblatt-Interview spricht er über den Zweck.

 Was ist das Ziel? 

Bestimmte Situationen in einem gesicherten Umfeld abzuarbeiten. Dass wir das erste Mal in eine Wohnung konnten, noch dazu im siebten Stockwerk, ist eine Top-Gelegenheit für uns. Je realistischer eine Übung ist desto besser. 

Wie wird die Übung entworfen? 

Es gibt Grundszenarien und standardisierte Meldebilder. Im Prinzip geben wir einen Trigger, also einen Auslöser, vor. Hier war es, dass Personen in der Wohnung um Hilfe gerufen haben. Daraus wurde ein Wohnungsbrand. Wir geben dem Einsatzleiter aber bewusst kein Drehbuch an die Hand. Die Übung entwickelt sich dynamisch. 

Wie ist die Bilanz? 

Man merkt, dass unsere Leute öfter hier sind. Sie kennen sich aus, kennen die Zufahrtswege gut. Alle arbeiten extrem professionell. Würde ich eine Schulnote vergeben müssen, wäre es eine Eins mit Stern.

Das war der Bericht über die Tragödie vom Silvestertag.

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