Puchheim

Serie zum Kriegsende: So erlebte er als Bub den US-Einmarsch

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Am Anfang ist es nur ein leises Brummen im Westen. Doch es kommt näher. Motoren dröhnen, Ketten rasseln. Einzelne Schüsse zerfetzen die Luft. 

Puchheim – Michael Leutenstorfer (87) und die anderen Einwohner von Puchheim-Ort wissen: „Jetzt sind sie nicht mehr weit weg.“ Sie, das sind die amerikanischen Truppen.

Es ist der 30. April 1945. Ein kalter Tag. Verspätete Schneeflocken tanzen vom Himmel. Ans Wetter verschwendet in diesen Stunden aber keiner im Dorf einen Gedanken. Michael Leutenstorfer ist damals 13 Jahre alt. Und wie alle fragt er sich: Was passiert, wenn der Feind da ist? Bringen die fremden Soldaten Zerstörung oder Befreiung? „Wir hatten alle Angst“, sagt Leutenstorfer.

Die Verteidigungsstellungen

Militärisch sind die Amerikaner der sich auflösenden Wehrmacht haushoch überlegen. Ihre größte Sorge ist, dass fanatische deutsche Soldaten oder SS-Leute das Feuer auf die Invasoren eröffnen. „Dann hätten sie unser Dorf in Schutt und Asche gelegt“, sagt Michael Leutenstorfer.

Als junger Bursche kennt er sich genau aus im Dorf. Er weiß, wo die Verteidigungsstellungen der Deutschen sind. Westlich des Ortes, wo heute ein Aussiedler-Hof steht, ragen Flak-Geschütze in den Himmel. Am Holzkirchner Weg haben sich zwei Maschinengewehr-Stellungen eingeigelt. Auch Richtung Germering hat man sich eingebunkert.

Leutenstorfer erinnert sich noch genau: „Einige Ältere und der Pfarrer sind zu den Kommandanten der Wehrmacht gegangen. Und die haben versprochen, nicht zu schießen.“ Doch werden sie ihr Wort halten? Die Nacht verbringt die Familie Leutenstorfer im Keller der Scheune. Dort gibt es einen Bunker. Es sind bange Stunden. Am nächsten Morgen gibt es für den Burschen kein Halten mehr. Er läuft auf die Straße. Und dann sind sie da. Im Morgengrauen rollen die ersten amerikanischen Panzer durchs Dorf. „Sofort ins Haus“, herrscht ihn der Vater an.

In der Küche neben dem warmen Ofen harrt die Familie aus – bis es laut an der Tür bumpert. Der Vater öffnet. „Soldat, Soldat“, rufen die Uniformierten mit amerikanischem Akzent. Sie wollen wissen, ob sich deutsche Kämpfer bei den Leutenstorfern verstecken. Doch die haben längst das Weite gesucht.

Die Befreier frieren

Die Amerikaner bleiben. „Die haben so gefroren und sich erst mal alle um den Ofen gedrängt“, erinnert sich Michael Leutenstorfer. Und sie haben Hunger. Das Geräucherte, das ihnen der Vater anbietet, schlagen sie aber aus. Sie wollen nur Eier – wohl aus Angst, vor Gift. Schließlich sind sie im Feindesland.

Es sind seltsame Minuten. Feindliche Soldaten, fremde Uniformen und eine fast unbekannte Sprache in der Küche der Leutenstorfers. Doch die Amerikaner sind sehr freundlich. „Meine Schwester und ich haben Bonbons bekommen“, sagt Leutenstorfer mit einem Lächeln.

Nach gut einer Stunde ziehen die Besatzer aufgewärmt weiter, durchkämmen Haus für Haus. Am Ende des Tages rücken sie ab. Der ganze Ort ist erleichtert. Der Krieg ist für die Puchheim-Ortler vorbei. Und das Dorf steht noch. Nur einer hat davon nichts mitbekommen, erinnert sich Michael Leutenstorfer. „Ein Bewohner hatte sich drei Tage lang mit einer Kuh im Wald versteckt.“

Vor 75 Jahren

ging der 2. Weltkrieg zu Ende. Das Tagblatt veröffentlicht dazu eine Serie. Beim Merkur ist zudem das Magazin „Besiegt und frei“ erschienen. Erhältlich in der Geschäftsstelle Stockmeierweg 1 in Fürstenfeldbruck

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