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Zurückversetzt in die Jahre des Wirtschaftswunders: Tagblatt-Fotograf Peter Weber wurde von der Ausstellung derart inspiriert, dass er dieses Foto der Vereinsmitglieder (v.l.) Rosemarie Schwaiger, Hannelore Keil und Lydia Bleifuß der Zeit anpasste.

Ausstellung über die Wirtschaftswunderjahre

Als die Welt noch einfach schien

Puchheim –Der Verein d‘Buachhamer zeigt in der Alten Schule in Puchheim-Ort eine Ausstellung über die Jahre des Wirtschaftswunders. Auch manch urtümliche Gegenstände können bestaunt werden.

Wenn er einige der Gegenstände seinem Enkel erklären müsste, würde er richtig Zeit brauchen, meinte einer der älteren Besucher. Denn was ist ein Tintenfass? Wofür braucht man einen Zirkelkasten? Und welchem Zweck dienen diese Kugeln namens Schusser? Solche und zahlreiche andere urtümliche Exponate zeigt derzeit eine liebevoll zusammengestellte Ausstellung in der Alten Schule in Puchheim-Ort. Dort lässt der Heimatverein d’Buachhamer die Wirtschaftswunderjahre der jungen Bundesrepublik wiederauferstehen.

Die 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelten gemeinsam als Wiederaufbauzeit, obgleich Konrad Adenauers Nachkriegsdeutschland von 1950 nur mehr wenig mit Willy Brandts Reform-Republik von 1969 gemein hatte. Für diese Zeitenwende stehen auch in der Alten Schule die Musik von Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“) und den Beatles, Kernseife und modernes Vollwaschmittel, Persil-Werbefilme und Star-Trek-Plakate. Aber vor allem der zeitgenössische Alltag, Kinderspielzeug und Mutters Haushaltsgeräte werden präsentiert. Der Kaufladen und das Holz-Feuerwehrauto, die Nudelmaschine und das Küchenregal mit Schublade für „Feigenkaffee“.

Blickfang: der Buachhamer-Vorsitzende Johann Aichner (l.) und Oldtimer-Fan Helmut Schwarzmann in dessen BMW Isetta.

Mancher – für damals – hochmoderner Luxus wie das Spulentonbandgerät steht neben schon seinerzeit eher verstaubten Utensilien wie der Holz-Kaffeemühle aus Uromas Zeiten. Verständlicherweise nicht mehr produzierte Artikel wie das Bräunungsstudio im Taschenformat neben zu Unrecht vergessenem Nützlichem wie dem „Bleistiftstummel-Verlängerer“. Es gibt einen großen Blickfang wie den Messerschmitt-Kabinenroller von 1959 mit 200 Kubik und 10,2 PS Leistung und kleine Kostbarkeiten wie eine alte Sparbüchse der Germeringer Raiffeisenbank.

Ein bisschen Wohlstand für alle

Obwohl ein historischer Überblick auch Flüchtlingselend, Mauerbau und Studentenrevolte skizziert, wird vor allem Wert auf lokalen Bezug gelegt. Ein Plakat lädt zum Heimatabend für „Flüchtlinge und Ausgebombte“ in der Unterpfaffenhofener Turnhalle – mit einer 20 Mann starken Egerländer Flüchtlingskapelle. Ein Akkordeon der Puchheimer Firma Hess hat sich erhalten, ebenso eine Flasche des örtlichen Limonade-Brauers Daser.

In den zwei Jahrzehnten stieg das bundesdeutsche Bruttosozialprodukt um 120 Prozent, die Arbeitslosigkeit sank bis zur faktischen Vollbeschäftigung. Ein bisschen Wohlstand für alle, Stabilität und sozialer Ausgleich versöhnten die Deutschen mit einem demokratischen System, das beim ersten Versuch nicht funktioniert hatte und eigentlich von den westlichen Alliierten aufgezwungen war. Vergessen wird in Puchheim aber, dass später viele Gastarbeiter und anfangs viele Flüchtlinge ihren Anteil daran hatten, dass es scheinbar endlos aufwärts ging. An den gigantischen Wissenstransfer von Ost- nach Westdeutschland erinnerte auch Bürgermeister Norbert Seidl in seiner Ansprache zur Ausstellungseröffnung.

In einem anderen Punkt blieb der Rathauschef vorsichtig. Buachhamer-Chef Johann Aichner hatte die Präsentation als Grundlage und „Appetitanreger“ für eine ständige Ausstellung, also ein Stadtmuseum, ins Gespräch gebracht. Im neuen Stadtzentrum wäre vielleicht der richtige Ort, um an die Geschichte zu erinnern, meinte Seidl. Auch an diese Wirtschaftswunderjahre. „Die Welt war einfacher damals und das Leben ebenso“, hatte Aichner gesagt. „Meinen wir zumindest heute.“

Die Ausstellung

ist noch am kommenden Wochenende jeweils zwischen 9.30 Uhr und 16 Uhr geöffnet. Am Donnerstagabend zuvor (19 bis 21 Uhr) besteht die Möglichkeit zu einem geführten Besuch. Interessierte aus Germering und Fürstenfeldbruck können im 20 Minuten-Takt mit dem Expressbus X 845 zum Veranstaltungsort fahren. Auch die Ortslinie 854 fährt alle 20 Minuten.

von Olf Paschen

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