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Sie hatten keine Scheu, sich die Hände schmutzig zu machen: Die Kinder der Ganztagsklasse der Puchheimer Grundschule Süd haben vergangenes Jahr am Bürgeracker am Büchelweg mitgeholfen. Sie haben dort über 700 Kartoffeln, darunter auch alte Sorten, gepflanzt, gehegt und dann geerntet und verarbeitet. Heuer machen das drei andere Klassen.

Stadtbeete Puchheim

Wenn eine Stadt zum Garten wird

Salat und Gemüse mitten in der Stadt: Beim Puchheimer Projekt „Stadtbeete“ kann jeder garteln. Startschuss war 2016. Die Hobbygärtner berichten nun von ersten Erfahrungen.

Puchheim – Alle Kinder mitgezählt werden es mehrere hundert Puchheimer gewesen sein, die auf einigen tausend Quadratmetern quer über die Stadt verteilt im vergangenen Jahr gesät, gegossen, gejätet und schließlich geerntet haben: Unter dem Titel „Stadtbeete Puchheim“ wurde 2016 ein Projekt ins Leben gerufen, das andernorts als „Essbare Stadt“ bekannt wurde und in Puchheim nun auch zur Dauereinrichtung werden soll.

Die Idee verfolgt gleich eine ganze Reihe von Zielen: Menschen ohne eigenes Beet vor der Tür können den Umgang mit Pflanzen lernen und an der frischen Luft garteln. Vorschüler und Schüler erfahren, dass Lebensmittel nicht im Supermarkt wachsen. Das Stadtbild wird bunter und ansprechender. Nicht nur die Selbstversorger bekommen garantiert biologische und regional erzeugte Produkte, jeder Einwohner kann sich – in begrenztem Umfang – an Obst und Gemüse selbst bedienen.

Kartoffel war die beliebteste Pflanze

Und, was ursprünglich nicht der Zweck war: Die Tierwelt kommt ebenfalls auf ihre Kosten. Denn auch Hasen und Kartoffelkäfer feierten auf manchen Äckern ein einziges Fressfest. Ein Jahr nach der ersten Auftaktveranstaltung und einige Wochen vor Beginn der nächsten Vegetationsperiode ist es Zeit für eine kleine Bilanz.

Gemessen an der Anbaufläche und der Erntemenge war die Kartoffel mit Abstand die beliebteste Pflanze in Puchheim. Die Knolle wuchs auf den sogenannten Bürgeräckern am Büchlweg und ganz in der Nähe, Richtung Puchheim-Ort, auf dem Selbsternte-Acker, einem Projekt der Ortler Bauern. Vom restlichen Acker durch einen Blühstreifen getrennt, wurden dort acht 250 Meter lange Ackerbeete, sogenannte Bifangs, angelegt. Wie Landwirt und Stadtrat Max Keil erzählt, ging es ihm und seinen Kollegen auch um den Kontakt zum Verbraucher, der wiederum einen Einblick in die Nahrungsmittelproduktion gewinnen sollte. Die Kartoffelfreunde sollten sich darum auch nicht überanstrengen. Die Pflanzen wurden maschinell gesät, auch für die Unkrautbekämpfung war nicht unbedingt Handarbeit erforderlich.

Salat und Gemüse ernteten vor allem die Hasen

Auch im interkulturellen Garten, einem Integrationsprojekt für Asylbewerber, wurde fleißig gewerkelt.

Dafür war das Einpflanzen eine rechte Gaudi, als sogar der Bürgermeister einen Schlepper steuern wollte, und bei der Ernte selbst mit landwirtschaftlichen Geräten, die auch im Museum stehen könnten, soll es ein „Riesenhallo“ gegeben haben. Soviel Spaß ließ verschmerzen, dass es schon bessere Kartoffeljahre gab. Die nasse Witterung und eine Invasion der Kartoffelkäfer ließen den Ertrag deutlich schrumpfen. Verglichen mit anderen Sorten war die Menge aber noch zufriedenstellend: Denn Salat und Gemüse ernteten vor allem die Hasen. Weshalb die Landwirte für heuer mit dem Gedanken an einen Wildschutzzaun spielen.

Fast schädlingsfrei, wenn auch nicht ohne Unkraut, konnten dagegen die rund zehn Naturfreunde arbeiten, die den „Bürgergarten“ direkt am Bahnhof betreuten. Hier war unter anderem Erika Zwack mit ihrem Mann Eduard im Einsatz, der zumindest in der warmen Jahreszeit nicht nur vor dem Computer hängen wollte. Alle 14 Tage traf sich die lose Gruppe vor Ort, beim Gießen wechselten sich die Hobbygärtner ab. „Wir wollten uns einfach einbringen,“ sagt die Hausfrau. Denn die Idee der Stadt sei aller Unterstützung wert. Auch am Bahnhof gedieh freilich nicht alles nach Wunsch. Salat und Bohnen wuchsen gut, Blaukraut und Tomaten verdienten sich nicht mehr als ein na ja. Vielleicht sollte man heuer eine andere Erde nehmen, findet Erika Zwack, und düngen. Natürlich biologisch, mit Hornspänen.

Für eine leckere Suppe reichte die Kartoffelernte allemal

Auf der „Hochzeitswiese“, wo auch die „Stadtbienen“ zuhause sind, wachsen die ersten fünf Obstbäumchen. Hinter dem Haus Elisabeth entstand eine kleine Beerensträucher-Plantage, Kräuterspiralen wurden gepflanzt, an zwei Grundschulen wurden Hochbeete eingerichtet, und vieles mehr. Auch ein erster „Bewohnergarten“, ein Projekt des Quartiersbüros in der Planie für die gewöhnlich gartenlosen Bewohner der Hochhaussiedlung, nahm Gestalt an. Die syrische Familie Hamad, die zuhause in Damaskus eine Gemüsehandlung betrieben hatte, konnte mit Einverständnis ihrer Hausverwaltung zwei Beete anlegen.

Und dort, im Quartiersbüro, wurden die Stadtbeete-Produkte schließlich auch zu fertiger Nahrung weiterverarbeitet: Aus den Kartoffeln vom Selbsternteacker kochten Groß und Klein aus verschiedenen Nationen eine – dem Vernehmen nach köstliche – Suppe. Dafür reichte die Ernte allemal.

von Olf Paschen

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