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50 Jahre Sozialdienst: Von der Selbsthilfe-Gruppe zum Sozialunternehmen

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Geschäftsstelle in der Garage: An der Lochhauser Straße kam der Sozialdienst in den Anfängen unter. Heute ist er am Aubinger Weg. 	foto: sozialdienst nachbarschaftshilfe puchheim
Geschäftsstelle in der Garage: An der Lochhauser Straße kam der Sozialdienst in den Anfängen unter. Heute ist er am Aubinger Weg. © Sozialdienst Nachbarschaftshilfe Puchheim

Seit einem halben Jahrhundert hilft ein Puchheimer Verein kräftig bei den sozialen Belangen der Stadt mit. Der Sozialdienst hat Nachbarschaftshilfe in organisierte Bahnen gelenkt. Und dabei auch herbe Krisen gemeistert.

Puchheim – Leider weiß man nicht mehr, was genau die knapp 30 engagierten Menschen umtrieb, die vor einem halben Jahrhundert eine Selbsthilfe-Einrichtung planten und einen Verein aus der Taufe hoben. Die Gründungsmitglieder sind verstorben oder schlicht nicht mehr bekannt.

Viele hatten keinen Familienanschluss

Aber es war wohl schon so, dass Puchheim in den 1960er-Jahren rasant gewachsen war und in der Planie eine Hochhaus-Siedlung entstand. Zwar war es kein Zuzug von Problemfällen, aber es gab wohl doch genug Neubürger, die gelegentlich Hilfe brauchten. Keine Oma in der Nähe, die auf die Enkel aufpassen konnte, wenn die Mama krank wurde. Keine Kinder nebenan, wenn es diesen Großeltern nicht gut ging. Eine Art von organisierter statt spontaner Nachbarschaftshilfe werden sich die Gründer des Sozialdienstes Puchheim wohl vorgestellt haben, als sie sich 1971 zu einem Verein zusammenschlossen.

Und die Suche nach Anschluss und Geselligkeit in der neuen Heimat wird wohl ebenso eine Rolle gespielt haben. 50 Jahre später jedenfalls ist aus diesen Anfängen eine Art mittelständisches Unternehmen geworden, das – bis auf ein eigenes Pflegeheim – praktisch sämtliche sozialen Bedürfnisse in der Stadt abdeckt.

Mit einem Zimmer im Rathaus fing es an

Den Anstoß sollen damals einerseits Gemeinderäte gegeben haben, denen die nicht nur infrastrukturellen Herausforderungen durch die Bevölkerungsexplosion bewusst war, zum anderen engagierte Frauen aus der evangelischen Kirche. Schon 200 Mitglieder und ein eigenes kleines Zimmer im Rathaus hatte der Verein am Ende seines Gründungsjahres. Die Vereinschronik weiß von einem ersten Kinderkleider-Flohmarkt im Jahr darauf und – wieder ein Jahr später – von der Gründung eines Arbeitskreises für ausländische Arbeitnehmer.

Zu dieser Zeit wurden auch zwei Garagen an der Lochhauser Straße als Geschäftsstelle angemietet und hergerichtet. 1974 schließlich übernahm der Sozialdienst erstmals eine offizielle Aufgabe in Puchheim – als Träger des neuen Fröbel-Kindergartens. Seitdem ist der Verein, der sich schließlich auch den Beinamen „Nachbarschaftshilfe“ gab, praktisch ungebremst gewachsen. Immer neue Aufgaben drängten sich auf oder wurden gefunden. So, noch in den 1970er-Jahren, Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung sowie Essen auf Rädern. Schon 1980 gab es eine „Kontaktgruppe für psychisch Belastete“, einige Jahre später wurde die erste hauptamtliche Krankenschwester eingestellt.

Hans Renner, Vorsitzender
Hans Renner, Vorsitzender © mm

Schon 1992 bekam die Verwaltung einen Computer und bald darauf auch eine hauptamtliche Geschäftsführerin. Weitere Meilensteine: Betreutes Wohnen zuhause (2005), Trägerschaft für das Mehrgenerationenhaus ZaP (2007), Angebote für Demenzkranke (2012). Zu den letzten Neuerungen zählte ein Stammtisch für pflegende Angehörige.

Vor drei Jahren kam die große Krise. Konkreter Anlass war ein erhebliches Defizit bei der Mittagsbetreuung in den drei Grundschulen, das Problem bestand aber schon länger: Die Stadt förderte den Sozialdienst alljährlich mit einem Pauschalbetrag von über 100 000 Euro statt für einzelne, sauber abgerechnete Tätigkeiten einen Zuschuss zu gewähren. Für mehrere, vom Sozialdienst übernommene Aufgaben, gab es nur mündliche Förder-Absprachen und auch die waren teilweise schon Jahrzehnte alt. Die Stadt, gedrängt vom Kommunalen Prüfungsverband, zog die Bremse und verlangte größere finanzielle Transparenz.

Finanz-Debakel gerade noch vermieden

Schatzmeister und Geschäftsführerin hörten auf, die Insolvenz drohte. Mit Haushaltssperre und Abbau von Arbeitszeiten konnte die Katastrophe vermieden werden, Mitarbeiter mussten nicht entlassen werden. Dennoch war es eine kritische Zeit, wie die damalige Vorsitzende Dorothea Sippel im Rückblick meinte. Ironie am Rande: Der Sparkurs der Stadt begann unter Bürgermeister Norbert Seidl, Sippels SPD-Parteifreund und Stadtratskollege und Vorgänger als Vorsitzender des Sozialdienstes.

Auch in dieser schwierigen Zeit aber wurden Haare gekämmt und Verbände gewechselt, gab es Nachhilfe und Kinderbetreuung, wurden Einkäufe erledigt und Essen ausgefahren. Der Sozialdienst sei „sehr vielfältig und sehr, sehr groß geworden“, findet auch der seit diesem Jahr amtierende neue Vorsitzende Hans Renner.

Umsatz ist jetzt 400 mal so hoch

Er lernte die Nachbarschaftshilfe schon in den 1980er-Jahren kennen, als seine erkrankte Schwiegermutter mitversorgt wurde und versprach sich, später mal etwas zurückzugeben. Er ist heute Chef von 86 Festangestellten, rund 120 Ehrenamtlichen, die für eine kleine Pauschale arbeiten, und weiteren 100 Mitarbeitern, die einfach so helfen. Seit den 1950-Jahren hat sich Puchheims Einwohnerzahl verdreifacht, die Zahl der Sozialdienst-Mitglieder vervierfacht. Der Umsatz ist verglichen mit den 16 000 Mark aus dem ersten Haushalt von 1971 400 mal so hoch. (op)

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