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Rätsel um verschollene Kondolenzliste

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Damals in der Heimatzeitung: Am 9./10. September 1972 erschien dieser Artikel im Fürstenfeldbrucker Tagblatt. Nach dem blutigen Ende des Olympia-Attentats auf dem Fliegerhorst war die Bevölkerung der Stadt tief betroffen.

Landkreis - Eigentlich nur ein Stück Papier, doch historisch unheimlich wertvoll: die Brucker Kondolenzliste für das Olympia-Attentat von 1972. Aber wo ist sie?

Wie sie aussieht, weiß keiner mehr so genau. Auch ob sie kurz oder lang ist, ist unklar. Fest steht, dass es sie gegeben hat: Die Kondolenzliste der Stadt Fürstenfeldbruck für das Olympia-Attentat von 1972. So manche alteingesessenen Brucker können sich noch an das Dokument erinnern und auch ein Tagblatt-Artikel mit Foto vom 9./10. September 72 zeugt von dessen Existenz.

Das Bild zeigt den damaligen zweiten Brucker Bürgermeister Max Steer, wie er sich in die Kondolenzliste einträgt. „Er war einer der ersten Prominenten, die auf diese Weise ihre Anteilnahme ausdrückten“, heißt es in dem Artikel. Tausende Bürger hätten sich dort bereits ebenfalls unterschrieben.

Insgesamt drei Tage, vom 7. bis zum 9. September, lag die Kondolenzliste im Fürstenfeldbrucker Rathaus aus. Damals, als die ganze Welt auf die Kreisstadt schaute. Damals, als Fürstenfeldbruck in die Schlagzeilen geriet und mit Tod und Terror assoziiert wurde. Denn auf dem Fliegerhorst, auf Fursty, hatte die geplante Befreiungsaktion für die israelische Olympiamannschaft, die von palästinensischen Terroristen entführt worden war, im Kugelhagel geendet. Die traurige Bilanz des Desasters vor dem Tower: Elf Geiseln, ein deutscher Polizist und fünf Terroristen sterben.

Weltweit löste das Geschehen, das auch als „Massaker von München“ in die Geschichte einging, Entsetzen aus. Auch im Landkreis war man zutiefst geschockt. Ihre Fassungslosigkeit, ihre Betroffenheit und ihre Ängste drückten die Brucker in der Kondolenzliste aus.

Doch was schrieben sie genau? Was fühlten die Brucker 1972? Das Tagblatt wollte es wissen und machte sich auf die Suche nach der Liste.

Erste Anlaufstelle, ganz klar, das Brucker Stadtarchiv. Archivar Gerhard Neumeier konnte aber nichts in seinen Beständen finden. Er verwies auf das Brucker Landratsamt. Doch auch hier Fehlanzeige. Natürlich wurden parallel zur der Archiv-Recherche Zeitzeugen gesucht, alte Brucker, die sich vielleicht noch an die Kondolenzliste und deren Verbleib erinnern können. Das erwies sich aber ebenfalls als schwierig

Die damaligen Bürgermeister Willy Buchauer und Max Steer, die bestimmt etwas gewusst hätten, sind bereits gestorben. Auch von den Kommunalpolitikern, die 1972 im Stadtrat waren, sind viele bereits verschieden. Eine Ausnahme ist Ludwig Lösch. Er sitzt auch heute in dem Gremium, das die Geschicke Brucks lenkt. Doch an die Kondolenzliste kann sich der 75-Jährige nicht erinnern.

Ein entscheidender Tipp kam schließlich von Alt-Landrat Gottfried Grimm: Ursula Nitsche, 1972 Sekretärin im Rathaus, könnte etwas wissen. Und tatsächlich: Die ehemalige Verwaltungsmitarbeiterin erinnerte sich noch sehr genau daran, dass die Liste verschickt wurde. Auch das Begleitschreiben des Bürgermeisters hat sie nicht vergessen. Doch an welche Adresse ging die Sendung? Bei dieser Frage muss Ursula Nitsche passen.

Weil in der Kreisstadt selbst nicht mehr herauszubekommen war, wurde der Suchradius erweitert. Die Stadt München, das Bundesarchiv, der Deutsche Olympische Sportbund und das Israelische Generalkonsulat wurden kontaktiert. Bis an das israelische Außenministerium wurde die Anfrage weitergeleitet. Überall wurde fleißig gewühlt. Doch überall war das Ergebnis das gleiche: leider völlige Fehlanzeige! Die Kondolenzliste blieb unauffindbar.

Die wahrscheinlichste Vermutung ist, dass die Blätter wohl in die vom Terror am schlimmsten getroffene Nation Israel gelangt sind und dort in den Tiefen irgendeines Archivschrankes weiter auf ihre Wiederentdeckung warten. Das wäre folgerichtig, vermuten einige der kontaktierten Geschichts- und Archivexperten. Schade, denn die verschollenen Blätter spiegeln wie wohl kaum ein anderes Dokument die Gefühle der Brucker in jenen Tagen wider.

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