Tagblatt-Reporter Max-Joseph Kronenbitter hat sich auf den Beiwagen eines Speedway-Motorrads gewagt.

Selbstversuch

Rasender Reporter im Speedway-Rausch

Olching  - Von 0 auf 80 Stundenkilometer in 2,2 Sekunden: Tagblatt-Reporter Max-Joseph Kronenbitter hat’s ausprobiert – und zwar im Beiwagen eines Speedway-Motorrads. Ein rasanter Ritt, der ihm Einiges abverlangte.

Das wichtigste beim Speedway? Wer bremst verliert! Sehr lustig. Denn ich als Insasse des Seitenwagens hab es gar nicht in der Hand, ob gebremst wird oder nicht. Das allerlustigste erfahre ich aber erst, als ich schon auf dem ungefederten Bock kauere: das Höllengespann hat gar keine Bremse! Zu spät erkenne ich, dass Martin Smolinskis Lieblingsspruch ‚wer bremst verliert’ ein Running Gag ist.

Okay, in jüngeren Jahren war ich mit meinem Alfasud vielleicht auch nach dem Motto ‚Wer bremst hat Angst’ unterwegs. Aber heute im Speedwaystadion geht’s nicht um verlieren oder Angst haben oder nicht, sondern ums Überleben! Der mehrmalige Deutsche Meister wollte vorher meine Unterschrift unter einer Haftungsfreistellung – was vermutlich bedeutet, dass die Lebensversicherung nicht mal mehr ein Gesteck auf meinem Sarg spendiert. Vielleicht hätte ich mich daheim doch ordentlich verabschieden und etwas näher beschreiben sollen, auf welchen Termin man mich diesmal geschickt hat.

Martin Smolinski hat mir in eine Jacke geholfen („da sind sicherheitshalber ein paar Protektoren eingenäht“), einen Rennhelm in die Hand gedrückt und mich dem Seitenwagenprofi Imanuel Schramm vorgestellt. Schon schieben wir das Gespann, bei dem nach laienhaftem Verständnis noch viele Teile fehlen, Richtung Sandbahn. Irgendwie schaut Schramms Jacke anders aus. Eine Spraydosen-große Gaspatrone mit einem kurzen Band und Karabiner ist daran befestigt. „Das häng ich an die Maschine,  und wenn’s mich runterzieht bläst sich meine Jacke wie ein Airbag auf – damit überlebe ich den Sturz“, erklärt der Allgäuer. Dass es funktioniert hat er schon rund 20 mal erfahren müssen/dürfen. Toll – und ich? Verschmitzt hebt er Augenbrauen und Schultern und lächelt.

Nachdem wir also die Fülle der vertrauensbildenden Maßnahmen durchgesprochen haben, gibt’s für mich und ein paar andere Wahnsinnige eine Einweisung vom Chef persönlich. Das dritte Rad am Seitenwagen hängt so schief dran, als ob da schon ein Lastwagen reingefahren wäre. Das gibt schon mal die Richtung vor in der sich Fahrer und Beifahrer den Fliehkräften entgegenstemmen möchten. „Die Beschleunigung ist mit gut 2,2 Sekunden schneller als bei einem Formel 1 Wagen, deshalb sollte man sich gut festhalten“, empfiehlt der Champion.

So überflüssige Dinge wie einen Sattel gibt es weder für Pilot noch Copilot. Letzterer soll in der Hocke auf der kleinen Blechpritsche verharren und aufpassen, dass die Hinterrad-Speichen keine Pommes aus dem Fuß machen.

Los geht’s. Betty Laubengeiger, die sonst den Platz in Schramms Seitenwagen einnimmt, schiebt an, worauf der Motor mit einem Ruck anspringt. Erster Test, ob man sich auf der Maschine halten kann. Erste Runde zum Warmwerden. Mit Kopfbewegungen bedeutet er mir, dass ich mich mehr in die Kurve legen möge. Gern, denn jeder Zentimeter weg von der nur spärlich gepolsterten Außenbande ist schon psychologisch sehr wichtig.

Meine 67 Kilo sind zwar bei der Beschleunigung kein allzugroßer Ballast, aber eben auch kein großes Gegengewicht, selbst wenn man fast schon bäuchlings auf der Hinterradverkleidung liegt. Jedenfalls geb ich mir große Mühe, kein Kartoffelsack zu sein, „denn die kann ich gar nicht brauchen“, sagt Imanuel Schramm. Das führt dazu, dass der Narrische die Geschwindigkeit jede Runde steigert.

Gefühlsmäßig haben wir die 80 Stundenkilometer, die auf dem 400 Meter Rundkurs höchstens möglich sind, schon weit überschritten. „Wem‘s zu schnell wird, nix sagen, versteh ich eh ned, sondern mir auf die Schulter hauen“, hatte er uns noch vor dem Start gesagt. Auch wieder so ein Witz, denn eine Hand auch nur kurz von den Handgriffen zu lösen, würde den sicheren Abstieg von dem Gespann bedeuten.

Nach den vorgesehenen drei Runden lässt er’s auslaufen und ich löse die verkrampfte Umklammerung der Haltegriffe. Erstaunlicherweise habe ich sie während der Fahrt nicht abgerissen. Mit weichen Knien steige ich ab und stelle fest, dass ich wohl das Atmen vergessen habe – jedenfalls schnaufe ich wie nach einen 1000-Meter-Lauf.

„Mir hat’s super gefallen, aber ich hab zu wenig Kraft in den Händen zum Festhalten“, sagt Sandra Grimm aus Dachau, die mit einem Sponsor zu diesem Familiennachmittag gekommen ist, und sich ebenfalls auf den Beiwagen gewagt hat. Andere haben schon nach zwei Runden abgebrochen. „Wenn die Technik stimmt, braucht man keine Kraft“, stellt Schramm’s Freundin Laubengeiger nüchtern fest. Die Ravensburgerin fährt nicht nur bei den gut zehn internationalen Rennen mit, sondern schraubt auch an den durchwegs Eigenbau-Gespannen rum. Als Nageldesignerin ist sie da vermutlich selbst ihre beste Kundin. (mjk)

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