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Die „Zeitzeugen“ in ihren Zimmern: Anton Reinhardt (31) aus Eichenau ist in den 1990er-Jahren groß geworden.

Bauernhofmuseum

Ausstellung im Jexhof zeigt Kinderzimmer gestern und heute

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Für alles gibt es DIN-Normen, auch für Kinderzimmer. Die Baufibeln der 1950er- und 1960er-Jahre gestanden den kleinen Bewohnern gerade mal sieben Quadratmeter pro Kopf zu – höchstens.

Schöngeising – Ein Zimmer mit zwei Kinderbetten durfte zwölf Quadratmeter klein sein. Solche erstaunlichen Fakten erfährt man in der neuen Sonderausstellung auf dem Jexhof. „Jugendzimmer und Kinderkammern“ zeigt, wie der Nachwuchs einst und jetzt untergebracht war – was auch viel über die Einstellung der Gesellschaft zum Kind verrät.

Aus einer Künstlervilla

Schwerpunktmäßig reicht die Ausstellung von 1950 bis in die Gegenwart, doch es gibt auch Rückblicke in die fernere Vergangenheit. Die reine Verwahrung der jüngsten Hausbewohner wandelte sich in der Biedermeierzeit, als in Kinderzimmern Schreibtische auftauchten und Jugendzimmer zu Studierstuben wurden. „Bildung und Erziehung waren wichtige Themen im 19. Jahrhundert“, erzählt Museumsleiter Reinhard Jakob. Das heimelige Kinderzimmer aus einer Pasinger Künstlervilla zu Beginn des 20. Jahrhunderts kontrastiert mit einem Bild des Schlafsaals im damaligen Münchner Waisenhaus – weiß bezogene Betten, aufgereiht wie eine Kompanie Soldaten, kahle Wände, nichts, was auch nur einen Hauch von Nestwärme verströmen würde.

Menschen aus der Region stellen Zimmer für den Jexhof zur Verfügung

Für die Beispiele jüngeren Datums haben Menschen aus der Region die Einrichtung ihrer eigenen Kinderzimmer zur Verfügung gestellt. Der 31-jährige Anton Reinhardt aus Eichenau ist in den 1990er-Jahren groß geworden, aber nicht unbedingt ein typisches Kind seiner Zeit. Auf seinem weiß lackierten, ergonomisch verstellbaren Schreibtisch steht eine alte Schreibmaschine, die er gern und viel benutzte. Im Regal erinnern ein Briefmarkenalbum und Wissensbücher an seine früheren Hobbys. „Mich hat alles über Vögel interessiert“, erzählt Reinhardt. Und wenn er mal Dampf ablassen wollte, gab es den an der Decke befestigten Boxsack.

Der zehnjährige Ben aus Bruck teilte sich bis Herbst 2018 ein Zimmer mit seinem Bruder. Um ihm ein eigenes Reich zu ermöglichen, schlafen seine Eltern jetzt im Keller. Nun kann Ben sich auch mal zurückziehen – der Lieblingsplatz in seinem Zimmer ist die Kuschelecke mit grünen und blauen Polstern. „Da kann man so schön chillen.“

Im Jexhof ist auch ein Internat-Zimmer zu sehen

Überraschend spartanisch präsentiert sich ein Zimmer aus dem teuren Internat Landheim in Schondorf (Kreis Landsberg) – schlichte Möbel aus Buchenholz lassen keinen Luxus erkennen. Auf den ersten Blick geradezu nett wirkt das zeitgenössische Bild eines Kinderzimmers in der JVA Aichach, bis man die großen Schlösser an der Tür entdeckt. Jakob war es wichtig, auch diese Facette zu zeigen – wie Kinder untergebracht sind, die bei ihren inhaftierten Müttern im Gefängnis leben.

Von Kindern selbst gedrehte Videos, in denen sie über ihre Zimmer erzählen, machen die Ausstellung lebendig. Und wenn ein Besucher das Kind in sich selbst wiederentdeckt, kann er auch ein bisschen spielen. An einer Wand laden der Grundriss eines Hauses und kleine magnetische Möbel dazu ein, die Zimmer ganz nach Belieben einzurichten. 

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