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Porträt

Bei ihm dreht sich alles rund ums Rad

Bei Ulrich Nußmann dreht sich fast alles um Fahrräder. Der Schöngeisinger hat früh seine Liebe zum Drahtesel entdeckt. Räder haben ihm Welten eröffnet und ihn zur Kunst geführt. Auch zu Eisen hat der 68-Jährige eine besondere Beziehung: durch einen Bombensplitter, der seine Familie begleitet.

Schöngeising – Die große Freiheit hat zwei Räder – das wusste Ulrich Nußmann spätestens ab seinem 13. Geburtstag. Nach diversen gebrauchten und größenmäßig unpassenden Drahteseln bekam er zum ersten Mal ein neues Fahrrad geschenkt. Bald erkundete er darauf nicht nur seine Heimatstadt Kempten, sondern das ganze Allgäu – alle sehenswerten Orte, von denen er im Fach Heimatkunde gehört hatte.

Und das war erst der Anfang. Später unternahm Nußmann, der heute in Schöngeising lebt, viele weite Fahrradreisen. Und er entdeckte sein Lieblingsgefährt auch als Kunstobjekt. Eines seiner Werke ist die „Radl-Uhr“, ein Kunstwerk aus alten Fahrradteilen, das bereits in Bruck vor dem Rathaus ausgestellt war und die Passanten in Staunen versetzte. Ausgediente Fahrradrohre bilden ein Gerüst, an dem Ketten und Zahnräder die Zeiger einer alten Turmuhr bewegen. Alte Fahrradreifen drehen sich und setzen ein Pendel in Gang, das von einem Bombensplitter aus dem Zweiten Weltkrieg beschwert wird.

Dieser Bombensplitter krachte vier Jahre vor Nußmanns Geburt bei einem Fliegerangriff durch das Dach seines Elternhauses und verfehlte knapp seine Mutter. Die Familie hob das Stück Eisen auf. „Bei Nußmanns wird nichts weggeworfen“, sagt der 68-Jährige und lacht in sich hinein.

Für sein Kunstwerk kam ihm das Stück Alteisen gerade recht. Er hatte gemeinsam mit Asylbewerbern Fahrräder hergerichtet und viel über Fluchtursachen, Terror und Bombenanschläge nachgedacht. „Es ist die Zeit, die aus den Fugen ist.“ Gleichzeitig erinnerte ihn der Weltkriegssplitter daran, „dass es immer schon verrückte Zeiten gab“.

Mit einem Kurzfilm über die „Radl-Uhr“ belegte der leidenschaftliche Tüftler jetzt im Rahmen des „Deutschen Fahrradpreises 2018“ in der Sparte Video den zweiten Platz. Der Film zeigt die Entstehung des Kunstwerkes.

In seinem urgemütlichen, 200 Jahren alten Haus hat der pensionierte Berufsschullehrer reichlich Platz, um seine Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Natürlich hat er sich in einem Nebengebäude eine Fahrradwerkstatt eingerichtet – auch wenn er und seine Frau Ingrid keine allzu großen Touren mehr unternehmen.

Früher war das anders. 1982 radelten sie von München an die Nordsee, 1244 Kilometer in vier Wochen. Hightech-Räder mit zig Gängen, Funktionskleidung und ein nennenswertes Radwegenetz waren damals noch Zukunftsmusik. Die Nußmanns fuhren auf ganz normalen Tourenrädern mit Dreigangschaltung ihrer Zeit voraus und ernteten blasses Erstaunen, wenn sie irgendwo mit Leuten ins Gespräch kamen.

Die beiden wussten schon damals, was der moderne Radltourist erst in jüngerer Zeit für sich entdeckt hat: dass man vom Sattel aus eine Gegend ganz anders wahrnimmt als aus dem Auto. Dass man auf zwei Rädern problemlos in Stadtzentren fahren und Eis essen kann, ohne vorher eine nervtötende Parkplatzsuche auf sich zu nehmen. „Es ist diese Freiheit, die man im Auto nicht hat“, sagt der Vater von zwei erwachsenen Kindern, die – wen wundert’s – beide das Radl-Gen geerbt haben.

Mit Sohn und Tochter sind sie früher viel um den Ammersee geradelt, am Bodensee entlang und einmal von Passau nach Wien. Ulrich Nußmann konnte damals seinen Kindern von den Touren erzählen, die er selbst als Jugendlicher unternommen hatte. Von Kempten nach Ulm, Ingolstadt, Nürnberg und Würzburg – meist auf Bundesstraßen, die er sich mit Autos und Lastwagen teilte. „Das kann man nur machen, wenn man jung und dumm ist“, sagt der 68-Jährige schmunzelnd. Sein Vater ließ ihn ziehen, seiner Mutter war mulmig, auch wenn sie es nicht offen aussprach.

1964 brach Nußmann mit zwei Freunden zu einer Elsass-Fahrt auf. Es gibt kein Foto von dieser Reise, aber eine Collage aus Postkarten, die die Erinnerungen lebendig halten – an die erste Begegnung mit einer fremden Sprache, einer anderen Währung, ungewohntem Essen und dem Mädchen Mireille, mit dem er sich verstand, ohne sich verständigen zu können. Zurück ins Allgäu ging es bei Gewitter, Sturm und Starkregen. Doch auch diesmal kam Ulrich Nußmann wieder heil zu Hause an. (Ulrike Osman)

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