Bereit zur Uraufführung. Die in Schöngeising lebende Schauspielerin Michaela Stöbauer und ihr aus Deggendorf stammender Kollege Kurt Schürzinger (r.) hören auf die Regieanweisungen von Rolf Parchwitz (l.). tb-foto

Ein Fluchtkoffer wird geöffnet

Schöngeising – Schon öfter war die Tenne des Bauernhofmuseums Jexhof Bühne für Theateraufführungen. Jetzt gibt es dort eine Uraufführung. Gespielt wird „Fremd. Sein. Heimat. oder Wenn Vergangenheit und Zukunft Gegenwart werden“. Das Stück passt zur Sonderausstellung Flucht.

 Dem Erzähltheater liegen Zeitzeugengespräche zugrunde, die von der in Schöngeising lebenden Schauspielerin Michaela Stögbauer vor einigen Jahren mit ihren im bayerisch-österreichisch-tschechischen Grenzraum lebenden Verwandten geführt wurden. Die Erinnerungen sind in ein knapp 600 Seiten umfassendes Manuskript eingeflossen. Aus diesem Material destillierte der deutsch-rumänische Dramaturg und Autor Franz Cisky in enger Zusammenarbeit mit Michaela Stögbauer für den Jexhof das Stück, das nun am 8. September erstmals aufgeführt wird.

Es spielen in dem von Rolf Parchwitz inszeniertem Stück Co-Autorin Michaela Stögbauer und der nordöstlich von Deggendorf wohnende Schauspieler und Kabarettist Kurt Schürzinger. Die beiden verkörpern das Geschwisterpaar Linda und Jost und schlüpfen in eine Vielzahl anderer Rollen dieser dramatischen Erzählung.

Unterstützt vom Musiker David Jäger (Bass-Klarinette und C-Saxophon) entsteht so ein Bild, das auf nachdenkliche Weise ein „Damals“ mit dem „Heute“ zusammenführt und eindringlich vor dem erneuten Entstehen von Ressentiments, Ablehnung und Rassismus warnt. Die Geschichte ist schnell erzählt und Grundlage für die vielfachen dokumentarischen Erinnerungen und Erlebnisse, aber auch kabarettistisch-satirische Einschübe und Kommentare.

Nach dem Tod einer Tante erbt das Geschwisterpaar Linda und Jost einen „Fluchtkoffer“ voller Aufzeichnungen über die Vertreibung der Familie aus dem Böhmerwald und dem Neuanfang im Bayerischen Wald und in Übersee. „Es geht nicht um Nostalgie. Wichtiger ist der Spannungsbogen zwischen altheimlicher Prägung und neuheimatlichen Assimilationswunsch und Anpassungsdruck“, erklärt Rolf Parchwitz. Und dies sei letztlich auch der Mechanismus, der aktuell bei vielen Flüchtlingen und Vertriebenen wirke. Bewusst verzichteten die Autoren und der Regisseur auf jeden theatertechnischen Aufwand. Der „Fluchtkoffer“, in dem sich die Dokumente über die Vertreibung und die niedergeschriebenen Erinnerungen, aber auch Fotos der Familie finden, und ein Kleiderständer genügen.

Ein Hut, ein paar zeittypische Klamotten und Clownsmasken für die Zwischenstücke charakterisieren die verschiedenen Rollen.

Die karge Bühnenausstattung erleichtert auch die Absicht von Parchwitz, Stögbauer und Kürzinger mit dem Zwei-Personen-Stück auf Tournee zu gehen. So sind im nächsten Kalenderjahr Gastspiele unter anderem beim Badischen Landestheater mit Sitz in Bruchsal, an dem Rolf Parchwitz einige Jahre als Intendant und Franz Cisky nach seiner Flucht aus Ceaucescus Rumänien als Dramaturg wirkte, und auf Bühnen vornehmlich im südlichen Bayerischen Wald geplant.

Ein tragische Komponente: Franz Cisky kann bei der Uraufführung im Jexhof nicht mehr dabei sein. Er ist wenige Tage nachdem er die letzte und endgültige Fassung des Stücks vorgelegt hatte, plötzlich und unerwartet verstorben.

Geboren wurde der Autor und Dramaturg 1950 in Siebenbürgen. Nach einem Germanistikstudium war er zunächst als Dramaturg an der deutschen Abteilung des Rumänischen Nationaltheaters in Sibiu (Hermannstadt) tätig und wirkte anschließend in gleicher Funktion am Deutschen Staatstheater in Timisoara (Temeswar). 1983 gelang ihm und seiner Familie die Fucht aus Ceausescus Rumänien, von 1984 bis 1987 arbeitete er als Chefdramaturg am Badischen Landestheater und war seitdem dieser Bühne eng verbunden. So ist die Partnerschaft des Deutschen Staatstheaters Temesvar mit der Badischen Landesbühne auf das Engagement Ciskys zurückzuführen, ebenso die Kooperation der Bruchsaler Bühne mit dem Deutschsprachigen Theater in Hermannstadt. (wk)

Karten

für die Aufführungen des Stücks in der Jexhof-Tenne am 8., 9. und 10. September gibt es im Vorverkauf an der Kasse des Bauernhofmuseums.

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