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Beim Gautschen werden nicht nur die Auszubildenden nass: Daniela Vogel rächt sich an Andreas Ebsen und Oliver Bauer, indem sie die beiden „Packer“ ordentlich nass spritzt. Die trockenen Zuschauer haben gut lachen.

Druckerhandwerk

Alter Brauch: Azubis erhalten Wassertaufe

Lehrlinge in einem Handwerksberuf werden am Ende ihrer Ausbildung freigesprochen. Mediengestaltern blüht noch etwas anderes: Sie werden buchstäblich ins kalte Wasser geworfen. „Gautschen“ heißt der alte Brauch aus der Buchdruckerzunft. In Schöngeising lebte er jetzt auf.

SchöngeisingDie Lehrlinge in der „schwarzen Kunst“ werden nach bestandener Prüfung in einen Wasserbottich getaucht, um „den Unfug, die Fehlerhaftigkeit und Hudelei der Lehrzeit“ abzuwaschen. Heutzutage wird Gautschen kaum noch praktiziert, doch eine Druckerei in Schöngeising ließ die Tradition jetzt wieder aufleben.

Anna Gauck (23), Christina Zeeb (21) und Daniela Vogel (20) wissen, was sie erwartet an diesem recht kühlen Sommerabend. Und sie haben sich entsprechend angezogen: T-Shirts, Shorts oder Jeans, die Handys raus aus der Tasche. Straßenkleidung muss sein, ist ihnen gesagt worden. Das Ritual im Badeanzug über sich ergehen zu lassen, das gilt nicht.

Mit gemischten Gefühlen stehen die drei Mediengestalterinnen am Samstagabend vor dem grünen Wasserbottich mit der Aufschrift „Gautschfeier 2017“. Er steht schon seit drei Tagen im Hof der Druckerei Gauck – das Wasser sollte sich etwas erwärmen, doch da hat das Wetter nicht mitgespielt.

Erst die Dusche, dann das Bad: Nach dem Schwall von oben landet Anna Gauck gleich komplett im Wasser.

„Ein bisschen aufgeregt bin ich schon“, gibt Daniela Vogel zu. Doch die 20-Jährige findet es auch „cool, dass sowas noch gemacht wird“. Um Punkt 18 Uhr tritt Gautsch-Meister Gerhard Gauck aus der Haustür, flankiert von zwei „Packern“ – Berufskollegen, die das Ritual ebenfalls vor vielen Jahren durchlaufen haben. Sie haben sich historisch kostümiert mit roter Hose, schwarzem Wams und Federhut. Bevor es zur Sache geht, verliest Gauck humorvolle Gedichte auf Anna, Christina und Daniela. Darin werden – auch dies ist Teil des Brauchs – vor allem die „Schlechtigkeiten“ und Fehler aufgezählt, die den Azubinen in ihrer Lehre unterlaufen sind. Der einen gehen die Kunden auf den Wecker, die andere neigt zum Chaos und zu Unpünktlichkeit, erfahren die Zuschauer. Die Dritte fällt aus dem Rahmen. Nichts als Lob vom Betrieb und in der Schule nur super Noten.

Dann ist es soweit. „Packer, tut eure Pflicht“, kommandiert Gerhard Gauck. Andreas Ebsen und Oliver Bauer greifen nacheinander Anna, Christina und Daniela bei den Oberarmen. Jede wird zuerst auf einen nassen Schwamm gesetzt, mit einem Eimer Wasser übergossen – und dann rücklings in den Bottich geschubst. Die Zuschauer applaudieren, die Mädels prusten im kalten Wasser. Daniela spritzt die Packer ordentlich nass – Rache ist süß. Dann klettert sie aus dem Bottich, lässt sich ein Handtuch reichen und stellt sich zu den anderen.

Alle drei bibbern im kühlen Abendwind und sehen ein bisschen aus wie begossene Pudel. Doch auf Gaucks Frage, ob sie sich künftig „guter und echter kollegialer Art befleißigen“ wollen, antworten die Drei mit fester Stimme: „Jawohl, wir wollen es.“

Nass, aber glücklich: (v.l.) Daniela Vogel, Christina Zeeb und Anna Gauck mit ihrer Ausbildungsurkunde. Hinten (v.l.) Oliver Bauer, Gautschmeister Gerhard Gauck und Andreas Ebsen.

Das Gautschen gibt es seit über 350 Jahren. Gerhard Gauck hat nach seiner Ausbildung in einem Würzburger Zeitungsverlag die Buchdrucker-Taufe bekommen. 39 Jahre ist das her. Inzwischen führt er mit Frau Eva längst seinen eigenen Betrieb. Die beiden haben ihre Tochter Anna selbst ausgebildet und sind dadurch auf die Idee gekommen, eine Gautsch-Feier zu veranstalten und andere Azubis dazu einzuladen. „Die meisten Mediengestalter lernen heutzutage in größeren Agenturen“, erzählt Gauck. „Da wird so etwas nicht mehr gemacht.“

von Ulrike Osman

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