Der alte Kramerladen: Das Geschäft befand sich an der Amperstraße 7 in Schöngeising. Das Haus steht noch, ist jedoch zum Wohnhaus umgebaut worden.
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Der alte Kramerladen: Das Geschäft befand sich an der Amperstraße 7 in Schöngeising. Das Haus steht noch, ist jedoch zum Wohnhaus umgebaut worden.

Dorfrundgang

Reise zurück in die Zeiten des Kramerladens

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Die Geschichte des Ortes Schöngeising ist eng mit der Abtei Fürstenfeld verknüpft, zudem mit dem Bauingenieur Oskar von Miller, dem Musiker Heinrich Scherrer und der Malerin Johanna Oppenheimer. Ein Rundgang führte zurück in die Vergangenheit.

Schöngeising – Warum steht das ehemalige Schöngeisinger Pfarrhaus nicht neben der Kirche, sondern gegenüber dem Badeplatz an der Amper? Wie kam der Ort zu seinem Wasserkraftwerk? Und wieso war der Musikvirtuose Heinrich Scherrer wichtig für das Selbstbewusstsein seiner Mitmenschen? Fragen, die bei einem spannenden Streifzug durch Schöngeising beantwortet wurden.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Besondere Orte“ nahmen Rainer Maurer, Vize-Vorsitzender des Kulturvereins Schöngeising (KuSch), und Susanne Poller, Kreisheimatpflegerin für Baudenkmäler, Interessierte mit in die Vergangenheit des Ortes. So viele wollten mitreisen, dass alle drei Termine sofort ausgebucht waren.

Die Vergangenheit des Ortes ist eng mit der 1263 gegründeten Zisterzienserabtei Fürstenfeld verknüpft. Das Kloster kaufte im Laufe der Jahrhunderte umfangreiche Ländereien auf und konnte dabei oft andere Interessenten ausstechen, weil es dem Veräußerer neben dem Kaufpreis auch das Seelenheil versprach.

So gelangte auch Schöngeising in den Besitz des Klosters. Erst nach der Säkularisierung 1803 wurde die Gemeinde selbstständig. War sie bis dahin von Fürstenfeld aus seelsorgerisch betreut worden, so musste man sich nun selbst um einen Pfarrer kümmern, was sich schon damals als gar nicht so einfach erwies. „Es gab häufige Wechsel und immer wieder Pausen“, so Rainer Maurer.

Der Bau des Pfarrhauses in einem ehemaligen Garten an der Amper war ein Weg, den Ort für mögliche Kandidaten attraktiver zu machen. Dass der Bewohner später einen Panoramablick auf leicht bekleidete Badende haben würde, konnte man im 19. Jahrhundert nicht voraussehen.

Nur wenige Schritte weiter, und man steht vor dem Wasserkraftwerk, das Oskar von Miller ab 1891 im Gebäude einer ehemaligen Mühle baute. Die Stadt Bruck hatte das Gebäude gekauft und nutzte den Strom für die Trinkwasserförderung. Das Kraftwerk aber wollte man möglichst weit vor der Stadt wissen – der Standort im Amperdorf war gerade recht.

„Bis Schöngeising selbst Stromanschluss hatte, dauerte es noch einmal 15 bis 20 Jahre“, berichtete Susanne Poller. Zunächst besaß kaum jemand Geräte, für die er Elektrizität benötigt hätte.

Ein Kramerladen in der Amperstraße war damals eines von fünf kleinen Geschäften im Dorf. Lebensmittel bauten die meisten Leute selbst an – im Laden kaufte man Waschmittel, Schuhcreme, Eimer, Besen und andere Utensilien des täglichen Bedarfs. „Und man tauschte Sensationen aus, sofern es in Schöngeising welche gab“, so Poller.

Einen kulturellen Aufschwung erlebte die Gemeinde mit der Ankunft Heinrich Scherrers. Der Königliche Kammervirtuose und Musikforscher kaufte 1917 ein Haus in Schöngeising, gründete einen Singkreis und rief ein Krippenspiel ins Leben, das scharenweise Besucher – sogar aus München – anzog.

Kulturelle Aktivitäten außerhalb der Arbeit mögen heutzutage normal sein – vor 100 Jahren war das anders. „Die Leute hatten wenig Freizeit und kaum Hobbys“, so die Kreisheimatpflegerin. Wer mit Scherrers Ermutigung plötzlich feststellte, dass er eine Singstimme oder Talent für ein Instrument besaß, gewann ungeahntes Selbstvertrauen. „Heinrich Scherrer war ein großes Glück für Schöngeising.“

Vor dem Scherrer-Haus, in dem heute die Gemeindekanzlei untergebracht ist, erinnert ein Stolperstein an Johanna Oppenheimer. Die jüdische Malerin, die sich 1919 ebenfalls in Schöngeising niederließ, wurde von den Nationalsozialisten deportiert und starb 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. Den Stolperstein putzt KuSch-Vorsitzender Gerhard Gauck jedes Jahr am 23. Dezember, Oppenheimers Todestag.

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