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Durch sie wurde der Briefwechsel lebendig: die Musiker Robert Graf und Birgit Regler, Ignaz Fischer-Kerli, Enkel des Bildhauers, und Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler. 

Lesung am Jexhof

Thoma und Taschner: Über die Briefe eines knorrigen Grantlers

Es war eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Der Eine ein wortgewandter Schriftsteller mit sicherer satirischer Feder, aber im Umgang ein knorriger Grantler. Der Andere ein eher wortkarger Künstler, aber umgänglich und direkt. Im Jexhof ging es jetzt um den Briefwechsel von Ludwig Thoma und Ignaz Taschner.

Schöngeising – Ludwig Thoma hatte womöglich nur einen einzigen wirklichen Freund, den Grafiker und Bildhauer Ignaz Taschner. Die Briefe, die sich die beiden schrieben, sind für die Nachwelt eine berührende, zuweilen amüsante Lektüre. Teile des Briefwechsels ließ der Historische Verein Fürstenfeldbruck (HVF) gemeinsam mit dem Jexhof Förderverein im Rahmen einer Lesung lebendig werden.

In der bis auf den letzten Platz besetzten Wirtsstube des Bauernhofmuseums lasen Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler und Ignaz Fischer-Kerli, der Enkel Taschners, aus den Briefen der beiden Freunde vor. Geschrieben wurden sie zwischen 1903 und 1913. Wenn also Thoma seinen Freund mit „Mein lieber alter Nazi“ anredete, dann zuckt zwar der heutige Zuhörer zusammen – damals jedoch war die Koseform des Vornamens Ignaz noch ein unschuldiger Begriff. Taschner war 32 Jahre alt, als sie sich kennenlernten, Thoma vier Jahre älter.

Im Gefängnis fehlen Ludwig Thoma Madln und Zigaretten

„Die gemeinsame Freude am Gestalten und Probieren verband die beiden Kreativen“, sagte Norbert Göttler. Taschner illustrierte mehrere Geschichten Thomas, und der vermittelte seinen Freund auch an Kollegen. Für die Gestaltung der Titelseite seiner Kulturzeitschrift „März“ wollte Thoma den Künstler ebenfalls engagieren. Umso mehr ärgerte er sich, als der Verleger den Auftrag anderweitig vergab. Das wäre nicht passiert, „wäre ich draußen gewesen“, echauffierte sich der Schriftsteller, der zu dieser Zeit eine sechswöchige Haftstrafe in Stadelheim absaß – wegen Verunglimpfung der Evangelischen Kirche.

Selten habe sich Thoma so tief geöffnet wie in seinen Briefen an Taschner, weiß Norbert Göttler, der Publizist, Schriftsteller und Fernsehregisseur mit der – in einer Hörfunkausbildung geschulten – wunderbaren Lesestimme. In seinen Briefen aus dem Gefängnis beklagt Ludwig Thoma, dass es dort „keine Madln“ gab, man nicht rauchen durfte und einem auch sonst jegliche leiblichen Genüsse versagt waren – „dein Ludwig, Zelle 17“.

Auf Auslandsreisen plagte ihn Heimweh. Aus Paris schrieb er an Taschner, er fühle sich „wie ein entwurzelter Radi“. Auch den Herzschmerz aus seiner kurzen Ehe mit „dem lebenslustigen Frauenzimmerchen“ Marion vertraute er Taschner und seiner Frau Helene an, die übrigens oft stellvertretend für ihren Mann zurückschrieb. Denn der war chronisch gehetzt und überarbeitet, pendelte zwischen Aufträgen in Berlin, Breslau und seinem Wohnort Mitterndorf hin und her und litt zudem unter einer schwachen, oft angegriffenen Gesundheit.

Thoma versuchte auf seine Weise zu helfen. Er betrachtete frische Luft als Allheilmittel und lud den schmächtigen Künstler immer wieder zur Jagd ein.

Hochschulkanzlerschlüpft in die Rolleseines Großvaters

Doch die Begeisterung Taschners für die Jagd hielt sich in Grenzen. „Obwohl er sich sogar im Tontaubenschießen übte“, wie Enkel Ignaz Fischer-Kerli anmerkte.

Dass der Kanzler der Hochschule für Philosophie in München bei der Lesung in die Rolle seines Großvaters schlüpfte, war das i-Tüpfelchen einer rundum gelungenen Veranstaltung, die für die Zuhörer obendrein Bratäpfel mit Vanillesoße und Musik von Birgit Regler und Robert Graf bereithielt. Fischer-Kerli kennt die in einem der Briefe erwähnte neugeborene Tochter Taschners noch als „Tante Maja“. Seinen Großvater hat er nicht mehr kennengelernt, denn der starb 1913 im Alter von nur 42 Jahren – an Erschöpfung und Herzversagen.

Briefwechsel alsDokument derFreundschaft

Der Niedergang Thomas hatte zu diesem Zeitpunkt schon begonnen. „Er überwarf sich mit allen, wurde verbittert und reaktionär“, so Göttler. In dieser Zeit entstanden die antisemitischen Pamphlete, die den Schriftsteller später viel von seinem Renommee kosten sollten. Umso wichtiger, dass andere Seiten Thomas nicht in Vergessenheit geraten. „Der Briefwechsel zwischen ihm und Taschner ist nicht nur ein künstlerischer Austausch, sondern das Dokument einer Freundschaft“, betont Göttler. „Und ein Stück bayerische Kulturgeschichte.“ (Ulrike Osman)

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