Aufführungen locken Besuchermassen an 

Vor 90 Jahren: Krippenspiel macht Furore

Vor 100 Jahren zog der Musiker Heinrich Scherrer nach Schöngeising, vor 80 Jahren starb er dort. Und vor 90 Jahren inszenierte Scherrer in seiner Wahlheimat erstmals ein Krippenspiel. Es sollte ein großer Erfolg werden und sogar in Scharen Besucher aus München anlocken.

Schöngeising„Der Stern von Bethlehem“ wurde von 1927 bis 1931 jedes Jahr in der Advents- und Weihnachtszeit im Saal des Gasthauses zur Post aufgeführt. Gespielt wurde an jedem Sonn- und Feiertag bis Heilige Drei Könige. „So ziemlich das ganze Dorf“ war an der Produktion beteiligt, wie Scherrer in einem Interview anlässlich seines 70. Geburtstags der „Fürstenfeldbrucker Zeitung“ erzählte. Kein Wunder, denn „Theaterspielen liegt den Amperanwohnern im Blut“, hatte der gebürtige Schleswig-Holsteiner festgestellt. Über 60 Mitwirkende waren vor und hinter den Kulissen aktiv, darunter alle Schulkinder, der Pfarrer und der Lehrer, die örtlichen Handwerker und die Wirtsfamilie Braumiller.

Die Originalversion des weihnachtlichen Theaterstücks stammt aus dem 19. Jahrhundert. Von 1888 bis 1890 wurde es dreimal in Schöngeising aufgeführt und geriet dann offenbar in Vergessenheit. Scherrer stieß irgendwann auf den Text, aufgezeichnet im Jahr 1891 von der damals 18-jährigen Anastasia Baumgartner aus Holzhausen. Sie hatte selbst eine Rolle in dem Krippenspiel gehabt und war offenbar bestrebt, den Text für die Nachwelt festzuhalten. Ihre Urenkelin Ilse Drexler erinnert sich an sie als eine liebenswerte, heimatverbundene und fromme Frau, die noch im hohen Alter jeden Tag in die Kirche ging. Anastasia Baumgartner starb 1960 im Alter von 87 Jahren.

Als Scherrer die Aufzeichnung des Krippenspiels in die Hände fiel, erkannte er sogleich das Potenzial des Stückes. „Aus alten handschriftlichen Rollen und nach mündlicher Überlieferung trug ich Verlorenes wieder zusammen, gab dem Spiel seine jetzige Form und studierte es den Schulkindern ein“, erzählte er in dem Zeitungsinterview.

Protagonisten sprechen Bairisch

Das in Süterlinschrift geschriebene Manuskript landete viele Jahre später bei der Schöngeisinger Familie Hörger. „Mein Vater hat es 1984 mit der Schreibmaschine abgetippt“, erinnert sich Wilhelm Hörger. Heute hütet Ortschronist, Hobby-Historiker und Scherrer-Experte Rudolf Pettinger ein Exemplar des Textes. Für ihn belegt die Wiederbelebung des alten Schauspiels das „bemerkenswerte Engagement“ Scherrers in Schöngeising.

Das Krippenspiel umfasst viel mehr als nur die Kerngeschichte, die man landläufig mit dem Begriff verbindet – sprich, Maria und Josef auf Herbergssuche, Geburt des Jesuskindes und betende Hirten an der Krippe. In Scherrers Inszenierung wurde in insgesamt sieben Szenen die biblische Zeit lebendig. Amüsant dabei ist allerdings, dass einige der Protagonisten laut Textvorlage breitestes Oberbairisch sprachen – unter anderem die Hirten Steffl, Michl und Josl. Bevor sie dem Stern von Bethlehem zum Stall folgten, tauschten sie Gedanken über die Volkszählung und soziale Ungerechtigkeit aus.

Überregionale Zeitungen berichten

Die Zuschauer erlebten, wie Maria und Josef mit dem Neugeborenen nach Ägypten flohen, während König Herodes die Ermordung aller Kleinkinder in Bethlehem anordnete und später von Schuldgefühlen und Höllenangst gepeinigt wurde. Die wohlbekannte Geschichte erhielt in den gereimten Dialogen erstaunlich viel Spannung und Dramatik.

Auch optisch muss das Ganze sehenswert gewesen sein, denn die ebenfalls in Schöngeising lebende Kunstmalerin Johanna Oppenheimer gestaltete Bühnenbild und Kostüme. Natürlich durfte auch Musik nicht fehlen, sie war schließlich Scherrers Lebensinhalt als Lauten- und Gitarrenvirtuose sowie Musikforscher. Zwischen den einzelnen Aufzügen sang „ein Chor weiß gekleideter Frauen“, wie es in einer zeitgenössischen Beschreibung heißt.

Das Krippenspiel erlangte bald überregionale Bekanntheit. Scharenweise kamen mit dem Zug Zuschauer aus München nach Schöngeising, das damals ein Bauerndorf mit 400 Einwohnern war. Überregionale Zeitungen schickten Kritiker, die meist begeistert von den Aufführungen berichteten.

Nach dem Jahr 1931 wurde das Schöngeisinger Krippenspiel nicht mehr aufgeführt. In dem Geburtstags-Interview im März 1935 sprach Heinrich Scherrer zwar davon, dass er sich „nach ein paar Jahren Ruhe“ eine Wiederaufnahme erhoffe. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Vollblutmusiker starb am 3. Oktober 1937. (Ulrike Osman)

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