Der Landwirt und der Kriegsgefangene: Anton Rottenfußer (li.), ein Kleinbauer im Nebenerwerb, arbeitete auch in der Holzschleiferei Medicus & Cie. in Deutenhofen (Kreis Dachau), die ein Zulieferbetrieb für die Dachauer Papierfabrik war. Dort traf er einen russischen Gefangenen (re.), dessen Name nicht überliefert ist. Deutenhofen ist 17 Kilometer von Puchheim entfernt, vermutlich stammt der Mann von dort. Eingesandt von Alfred Laut aus München.

Kontrollbesuch im Lager

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Puchheim – Wie war die Behandlung der Kriegsgefangenen in Bayern? 1917 konnte der Apostolische Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., das Puchheimer Lager besuchen. Sein Eindruck war nicht der beste.

Der Weg war beschwerlich, aber erfolgreich. Nachdem er etliche bürokratische Schikanen überwunden hatte, betrat der Apostolische Nuntius Eugenio Pacelli am 17. Oktober 1917 das Puchheimer Kriegsgefangenenlager, mit damals 600 französischen und über 1000 russischen Gefangenen eines der größten in Bayern. Sein Kommen war von den Gefangenen schon erwartet worden. Geduldig stellten sie sich an, um eines der begehrten Pakete mit Schokolade, Keksen, Zigaretten, Seife, Tee und Zucker zu erhalten. „Vor mir begann eine lange und erbärmliche Reihe von Kriegsgefangenen vorbeizulaufen“, schilderte Pacelli in seinem Bericht. Der größte Teil sei „zerlumpt, bleich, abgemagert, einige, besonders unter den Russen, wie benommen.“ Pacelli fand tröstende Worte, aber wie er selbst schreibt, fühlte er sich durch neugierige deutsche Offiziere gestört. Diese hätten sich ihm genähert, um „unsere Gespräch besser mithören zu können“. Einen Franzosen konnte Pacelli dann doch unter vier Augen sprechen – prompt erfuhr er, dass die Päckchen, die die Gefangenen von ihren Familien erhielten, oft unterschlagen würden.

Pacellis Bericht, handschriftlich verfasst und mit Stempel versehen („Nunziatura Apostolica Baviera“), ist eines von mehreren tausend Dokumenten, die Pacelli in seiner Zeit als Apostolischer Nuntius in Deutschland zwischen 1917 und 1929 nach Rom sandte. Die Berichte sind erst 2003 vom Vatikanischen Geheimarchiv zugänglich gemacht worden. Sie werden federführend von dem Münsteraner Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf online editiert.

Pacellis Visite steht im Zusammenhang mit der päpstlichen Friedensinitiative Benedikt XV., für die er Pacelli im Sommer 1917 auf eine schwierige diplomatische Mission zu Reichskanzler von Bethmann Hollweg und Kaiser Wilhelm II. schickte. Die Initiative scheiterte schließlich rundweg. Die Mission Pacellis in den Lagern war hingegen nicht wirkungslos. Er besuchte nicht nur Puchheim, sondern auch das Kriegsgefangenenlager Ingolstadt und sensibilisierte die Behörden für die Lage der Gefangenen. In Puchheim hatte Pacelli auch die Küchen inspiziert. Das Essen überzeugte ihn nicht – „nur mit Mühe“ habe er etwas Fleisch in der Suppe gefunden, und das dazu gereichte Brot sei „ein Kommissbrot der schlimmsten Sorte“. Zu generalisieren sind solche Berichte nicht. Gefangene, die zur Arbeit nach auswärts „verliehen“ wurden, hatten es manchmal besser. Ein solches Beispiel ist ein russischer Gefangener, der in der Holzschleiferei Medicus & Cie in Deutenhofen bei Dachau arbeiten musste, und der mit deutschen Arbeitern offenbar ein fast kollegiales Verhältnis hatte. Wer in solchen Kleinbetrieben oder bei Bauern in der Landwirtschaft arbeiten konnte, der hatte Glück.

Im Puchheimer Massenquartier war das anders. Im Januar 1918 wandte sich Pacelli wegen Beschwerden italienischer Gefangener in Puchheim an den bayerischen Kriegsminister Philipp von Hellingrath. Der sicherte zu, dass die Italiener, die entkräftet angekommen seien, nun größere Essensportionen erhalten würden. Ob diese Zusage eingehalten wurde, ist heute nicht mehr zu überprüfen.

Dirk Walter

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