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Klosterpforte, Erzabtei Hausnummer 1, St. Ottilien: Das ist die alte und neue Adresse von Abt Notker Wolf. 

Das aktuelle Interview 

Abt Notker Wolf: „An der Kirche stört mich die Rechthaberei“

St. Ottilien – Abt Notker Wolf wohnt seit ein paar Wochen wieder im Kloster St. Ottilien, dem er von 1977 bis 2000 als Erzabt vorstand. Ein Gespräch über seinen Unruhestand und den Glauben.

Wolf war bis 2000 Abtpräses der Missionsbenediktiner, danach dann Abtprimas der Benediktinischen Konföderation und damit höchster Repräsentant aller rund 7500 Mönche und 16.500 Nonnen und Schwestern der Benediktiner in der Welt. Der 76-Jährige lebte, wenn er nicht die Klöster in der ganzen Welt besuchte, im Kloster Sant’Anselmo in Rom. Ein Gespräch mit dem Abt, nachdem er sich in St. Ottilien weitgehend wieder eingelebt hat.

-Abt Notker, haben Sie schon alle Kisten ausgepackt oder bleiben sie verpackt bis zu einer neuen Aufgabe irgendwo in der Welt?

Leider hatte ich noch keine Zeit zum Auspacken meiner 20 bis 30 Kisten – ich habe festgestellt, dass man mit sehr wenig leben kann. In den Kartons sind vorwiegend Bücher für die Bibliothek und das Archiv des Klosters. Denn ich bin ein Jäger und Sammler – aber ich finde auch alles. Eine neue Aufgabe, die mich dauerhaft an einen anderen Ort ruft, sehe ich nicht.

-Worauf haben Sie sich bei Ihrer Rückkehr nach St. Ottilien am meisten gefreut?

Auf meine Mitbrüder und die klösterliche Gemeinschaft in St. Ottilien. Einige aus meiner damaligen Zeit sind zwar zwischenzeitlich gestorben, aber es ist schön, dass die Gemeinschaft weiter gewachsen ist, es gibt eine junge Generation tüchtiger Benediktiner hier.

-Wie stellt man sich so einen Abt im Ruhestand vor, etwa wie bei Papst Benedikt mit eigenem Klostergebäude, Musizieren, gelegentlich Besuch und ansonsten wenig Öffentlichkeit?

Ruhestand ist ein eher weltlicher Begriff, ich mache jetzt einfach etwas anderes. Man kann sagen, dass ich jetzt stärker in der Volksmission tätig bin, täglich kommen Anfragen für Vorträge, Einweihungen und Termine in Pfarreien, sogar schon für 2018. Am klösterlichen Leben nehme ich – soweit ich da bin – teil, auch an den Exerzitien des Konvents, die zur Zeit stattfinden. Für meine E-Gitarre und Querflöte habe ich leider zu wenig Zeit. Aus einem beschaulichen Weihnachten im Kloster wurde auch nix, weil mich die Benediktinerinnen von Venio in München gebeten haben, mit ihnen die Christmette zu feiern. Man tut, was man kann.

-Wenn man 16 Jahre in der Weltstadt Rom gelebt hat und jetzt wieder auf einem Dorf – wie geht es einem da?

Das Kloster Sant’Anselmo liegt auf dem Aventin. Vom Orangengarten hat man einen wunderschönen Blick auf die Stadt, von der ich aber leider nicht viel mitgekriegt habe. Meine wichtigste Bewegungsrichtung war vom Kloster zum Flughafen Fiumicino und wieder zurück. Eigentlich sollte ich mal eine Woche Urlaub machen und mir Rom anschauen (lacht).

-Die deutsche Kirche ist zu bürokratisch, wie Sie selbst einmal in einem Interview gesagt haben. Würde der Wegfall der Kirchensteuer zu mehr Spontanität zwingen?

Vermutlich nicht, denn an der Inkulturation der Kirche in die deutsche Kultur kommen wir nicht vorbei. Bei uns scheint die Organisation wichtiger zu sein als der Mensch. In Italien und Frankreich organisieren sich Bewegungen als „Kirche von unten“. Die haben aber dann nicht lange Bestand. Sie bräuchten einen Träger wie es ein Orden sein kann, der zum Beispiel eine Klosterschule betreibt.

Die Frage der Kirchensteuer ist für mich sekundär, zumal wir Orden ja höchstens durch Zuwendungen der Diözesen für ein spezielles Projekt an der Kirchensteuer partizipieren. Ansonsten leben wir gemäß der benediktinischen Regel von unserer Hände Arbeit.

-Sie haben oft Klöster in politisch als schwierig geltenden Ländern wie China und Nordkorea besucht. In welchen Fällen ist es richtig, das Brustkreuz besser abzunehmen?

In Nordkorea habe ich das International Catholic Hospital eingeweiht – natürlich mit Brustkreuz. Wenn ich meine, es geht mit dem Pektorale nicht, dann geht man halt ganz privat dorthin – oder verzichtet gänzlich auf den Besuch. In China oder Nordkorea, aber auch sonst reise ich immer in zivil, weil der Habit einfach unpraktisch ist. Trotzdem weiß jeder, wer ich bin. Und in China kann ich auch problemlos die Messe feiern und predigen. Bei dieser Kritik (Anmerkung der Redaktion: Weil die Bischöfe Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm jüngst beim Besuch des Jerusalemer Tempelberges ihr Brustkreuz abgenommen hatten, wurden sie in der Heimat angegriffen) sollte man keine Ideologie daraus machen und sich lieber am Glauben aufhängen als am Brustkreuz.

-Aus der Ferne – und seit einigen Wochen aus der Nähe – betrachtet: Was stört Sie an der deutschen Kirche?

Eindeutig die Rechthaberei – in vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel in der Ökumene. Warum kann man nicht akzeptieren, dass es noch nicht so weit ist? Ich kann halt nicht bei den Evangelischen zur Kommunion gehen, aber das muss ich ja auch nicht! Die Liebe und die Wahrheit machen uns frei – und dafür können wir miteinander beten. Stattdessen hängen wir uns an der Rechthaberei auf. Wir könnten sogar den evangelischen und katholischen Religionsunterricht gemeinsam machen und trotzdem separate Traditionen pflegen. Und warum darf ich die Muttergottes nicht erwähnen. Das gebietet schon allein der Respekt vor einer Frau und Mutter. Sogar Martin Luther war ein Marienverehrer. Wir müssen uns mehr entkrampfen, miteinander reden und uns gemeinsam für das Gute einsetzen. Zum Beispiel für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen, denn wir sind alle Christen.

Das Gespräch führte Max-Joseph Kronenbitter.

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