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Moderne Gänsemagd: Bruder Daniel Felber, der den Hofladen in St. Ottilien leitet, hat ab Mitte Mai jeden Tag mehrfach mit den Gänsen Kontakt. Wenn er Zeit hat, sitzt er gerne auf der Treppe zur Sternwarte (hinten) und schaut seinem Federvieh zu. 

Festtagsbraten

Aus dem Leben einer Weihnachtsgans

Das Geschnatter wird weniger, wenn die Gänse kurz vor Weihnachten Bruder Daniel Felber sehen. Kein Wunder: Vom Federvieh bleibt am Heiligen Abend keines übrig. Die letzten 120 Gänse enden als Festtagsbraten. Bis dahin aber hatten sie ein schönes Leben im Klosterdorf von St. Ottilien.

St. Ottilien„Am meisten Spaß haben sie, wenn es frisch geschneit hat und sie raus dürfen“, berichtet Bruder Daniel. Dabei schlagen die Tiere wild mit ihren imposanten Flügeln und rennen schnatternd durcheinander. Ganz anders, wenn der Mönch einmal etwas später am Abend dran ist, seine Tiere wieder in den Stall zu treiben. Dann laufen sie alle ganz gesittet im sprichwörtlichen Gänsemarsch in einem großen Kreis herum. „Später würden die Herdentiere sich dann im Freien hinsetzen, denn in den Stall geht eine Gans, anders als eine Henne, nicht freiwillig.“

Am liebsten sitzt der Benediktiner auf der Treppe zur Sternwarte und beobachtet seine Tiere – wenn er denn mal Zeit hat. Denn als Leiter des Hofladens, zu dem auch der Geflügelhof dahinter gehört, hat er nicht viel davon. Neben Gänsen und Hühnern gibt es auch noch klösterliche Perlhühner, Warzen- und Pekingenten, Brathendl, seit neuestem auch Freilandputen, auch Truthühner genannt. Am liebsten sind Bruder Daniel die Enten-Erpel, weil „die Männer“ anders als die Enten-Damen seines Hofes „überhaupt keinen Mucks machen“ – wozu er vieldeutig grinst.

Die Geflügelhaltung hat in St. Ottilien eine lange Tradition. 1912 ist die erste Erwähnung in der Klosterchronik verzeichnet. Viele Bauern der Umgebung schätzten die Legehennen aus St. Ottilien, die Bruder Willibald je nach Wunsch der Kunden mit einem langen Haken aus dem Stall gefangen hat. Die gibt’s seit einigen Jahren nicht mehr – dafür aber Brat- und Suppenhühner und vor allem hunderte Eier jeden Tag, die nicht zuletzt zu Klosternudeln verarbeitet werden.

Wassergeflügel hielt erst 2012 in die Ställe hinter dem Hofladen Einzug. „Ich mag die Gänse einfach recht gern“, sagt Bruder Jürgen Foitl, der die weißen Viecher mit dem orangefarbenen Schnabel damals eingeführt hat und – neben seiner Tätigkeit in der Klosterverwaltung – Mitbruder Daniel im Hofladen hilft.

Mitte Mai treffen die ersten Gössel, wie die jungen Gänse heißen, im Klosterdorf ein. In Ermangelung eines bayerischen Züchters kommt das Federvieh aus Nordrhein-Westfalen. Die Jungtiere genießen den Auslauf und das frische Gras auf zwei verschiedenen Weiden.

„Wenn das Leben von 600 Tierseelen nach vier bis fünf Monaten zu Ende geht, ist das schon komisch.“

Anders als die Hühner, die jede Wiese innerhalb kürzester Zeit mit ihren Krallen kaputt scharren, betätigen sich die Gänse nur als Rasenmäher. „Freilich fressen sie alles, was sie kriegen, so auch Bruder Altos Äpfel, die ihnen praktischerweise vom Baum direkt vor ihre Watscheln fallen“, sagt Bruder Daniel lachend. Durch den großen Auslauf sind die Gänse kerngesund und widerstandsfähig. „Die Ausfallquote beträgt gerade mal ein Prozent – schuld dran ist oft der Fuchs, der sich welche holt“, berichtet der Benediktiner.

Trotz vieler Arbeit hält er die Gebetszeiten in der Früh, mittags und am Abend meistens ein: „Das ist mir wichtig, auch wenn ich mich jedes Mal umziehen muss. Aber sonst hätte ich nicht ins Kloster eintreten brauchen.“

Gänse zu kaufen gibt’s in St. Ottilien nicht das ganze Jahr, sondern nur zur Kirchweih Mitte Oktober, als Martinsgans um den 11. November oder eben als Weihnachtsgans. Rund 600 Tiere sind es zu Beginn der Saison, vor Weihnachten sind noch etwa 120 übrig.

Geschlachtet wird am Ort, denn die beim Kloster angestellten Metzger haben eine Zulassung, in dem Kleinschlachtbetrieb maximal 10 000 Tiere im Jahr zu schlachten. In den Tagen vor Weihnachten herrscht Hochbetrieb, denn es wird nur auf Bestellung geschlachtet.

Die Schlachterei zählt nicht zu Bruder Daniels Lieblingsbeschäftigungen, zumal die Gänse schnell beleidigt sind und das Fressen einstellen, wenn es zuviel Unruhe gibt. „Wenn das Leben von 600 Tierseelen nach vier bis fünf Monaten zu Ende geht, ist das schon komisch“, sagt der Ordensmann, der mehrmals täglich mit ihnen Kontakt hat. Im Stall sei es an Weihnachten still und leer.

Auf den Teller kriegt Bruder Daniel „seine“ Gänse im Normalfall nicht. Denn das Kloster verkauft die Gänse lieber und isst an Weihnachten etwas anderes. Nicht zuletzt deswegen, weil es für rund 100 Mönche, die von der Klosterküche täglich versorgt werden müssen, gar nicht reichen würde. Ähnlich verhält es sich außerhalb des Klosters: Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot, nur 16 Prozent des hier verzehrten Gänsefleisches stammt aus Deutschland.

Die Gänse von St. Ottilien sind also ein Weihnachts-Geheimtipp. Aber wer nicht schon Mitte Dezember eine Gans reserviert hat, für den gibt’s an Weihnachten im Extremfall nurmehr ein Suppenhuhn.

von Max-Joseph Kronenbitter

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