+
Im Alter von 95 Jahren gestorben: Traudl Well.

Mutter der Volksmusik gestorben

Traudl Well: Darum hat sie Bayern so sehr geprägt

  • schließen
  • Stefan Sessler
    Stefan Sessler
    schließen

Günzlhofen - 15 Kinder, ein eigenes Mofa und die Volksmusik im Herzen: Traudl Well hat Bayern geprägt wie kaum eine andere Frau. Jetzt ist sie gestorben – mit 95.

Traudl Well war ja schon viel in ihrem Leben. Mutter von 15 Kindern, Mutter der „Biermösl Blosn“, der „Wellküren“ und damit irgendwie auch Mutter der neuen bayerischen Volksmusik. Aber mit 88 Jahren wird sie plötzlich auch noch Model.

Die „Vogue“, dieses Hochglanz-Magazin mit Vorliebe für aufgebrezelte Schönheiten, druckt ein Foto von Traudl Well – dieser Frau, die Handarbeit liebt, Dirndl, Zitherspielen im Herrgottswinkel und die an der Volkshochschule 20 Jahre lang Kurse im Kerzenmachen gibt. Als sie die „Vogue“ damals durchblättert, ein Foto von Claudia Schiffer sieht und ein paar Seiten später eines von sich selber, sagt sie: „Geh, so a Schmarrn.“

Aber es hat natürlich einen guten Grund, warum das Magazin die Bayerin mit Südtiroler Wurzeln zeigt. In der Ausgabe vom September 2007 gibt es eine Fotostrecke über außergewöhnliche Frauen, über außergewöhnliche Großmütter.

36 Enkel, 31 Urenkel und 15 Kinder

Und wenn jemand Erfahrung im Omasein hat, dann diese Frau aus Günzlhofen, einem Ortsteil von Oberschweinbach im Kreis Fürstenfeldbruck. Traudl Well hat es in ihrem Leben auf 36 Enkel gebracht, hinzu kommen 31 Urenkel und natürlich die 15 Kinder. Unfassbar. Unfassbar schön. „Ich darf ned jammern“, sagt sie an ihrem 90. Geburtstag, „weil koans danebengeraten ist.“

Menschen wie Traudl Well werden nicht geboren, sie werden einem geschenkt. Umso schlimmer, wenn sie einem genommen werden. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Traudl Well gestorben – mit 95 Jahren. Friedlich eingeschlafen im Familienkreis.

„Freilich haben wir gewusst, dass es irgendwann so weit ist“, sagt Sohn Stofferl Well unserer Zeitung. „Aber wenn der Zeitpunkt da ist, dann ist es schon hart.“ Die weitverzweigte Familie ist tieftraurig, aber ihre Kinder sagen auch: „Ihr langes, erfülltes Leben konnte sie bis zum Schluss genießen.

Zu Hause, wo sie in den letzten zwei Jahren täglich von einem von uns 15 Kindern besucht, bekocht und betreut wurde.“

Die Mutti, wie die Kinder sie nennen, ist das Herz dieser einzigartigen Familie gewesen. Sie bringt die Karrieren ihrer Kinder ins Rollen – ohne es zu wissen natürlich. Vater Hermann, der frühere Dorfschullehrer von Günzlhofen, schreibt damals Gedichte, die die Kinder lernen sollen.

Die Wells als bekannteste Volksmusik-Familie Bayerns

Er sucht Lieder aus, die sie singen oder mit ihren Instrumenten spielen sollen. So fängt alles an. So wird aus den Wells die bekannteste Volksmusik-Familie Bayerns. Sie gehen schon bald gemeinsam auf Tour, sie spielen in Mehrzweckhallen und dampfigen Wirtshaussälen – manchmal sitzen sie vor den Auftritten zu siebt im VW-Käfer, dazu noch die Instrumente, Harfe und der Kontrabass.

Gage? Wiener Würstl für alle und ein paar zugesteckte Münzen. Lohnen, wenn man das Geld meint, tut sich das nicht – doch so werden die Well-Kinder schon früh zu Bühnenprofis. Aber es ist immer wieder die Mutti, die sich mit den Kindern an den Stubentisch setzt, die Verse paukt und die Musikstücke mit ihnen einstudiert.

„Von ihr haben wir den Drang zur Bühne“, sagt Stofferl Well. Und sie bringt den Kindern das Schafkopfen bei. Jedem einzelnen Kind. Zu ihrem 90. Geburtstag veranstaltet der Veteranenverein viele Jahre später zu ihren Ehren ein Schafkopfturnier – natürlich kartelt sie mit. Sie mag es, unter Menschen zu sein.

An Heiligabend sang sie ein letztes Mal mit ihrer Familie

Am vierten Adventssonntag des vergangenen Jahres steigt Traudl Well selbst noch mal auf die Bühne – in der vollbesetzten Wallfahrtskirche Herrgottsruh bei Friedberg. Nach dem Konzert lassen die Kinder ihrer Mutti den Vortritt, sie darf sich ganz alleine verbeugen.

Als sich die kleine, alte Dame mit den weißen Haaren nach vorne neigt, folgt minutenlanger Applaus. Das Publikum ist überwältigt. Was für eine Frau. Was für eine bayerische Jahrhundertfrau, Jahrgang 1919.

Seit fast 50 Jahren gibt es dieses Konzert in der Wallfahrtskirche, es ist Traudl Well besonders wichtig. Irgendwie, glaubt Stofferl Well, ahnt sie an diesem Adventsnachmittag, dass das ihr letzter Auftritt ist.

Ein letztes Mal singt sie mit ihrer Familie an Heiligabend. „Da war sie noch sehr gut drauf“, sagt Stofferl Well. Und er sagt: Danach habe die Mutti loslassen können. Das wollte sie unbedingt noch erleben. Sie durfte es erleben.

Traudl Well hat ein Leben geführt, das man sich nicht ausdenken kann. Mit 40 lernt sie Zither, mit 55 Harfe. Alles nur, „damit sie mit uns auf die Bühne kann“. Mit allen ihren Lieben. Aber 15 Kinder großzuziehen ist keine Gaudi, sondern oft das Gegenteil. Bei jedem Laib Brot muss sie überlegen, ob sie ihn sich leisten kann.

Noch heute ist es den Kindern ein Rätsel, wie die Eltern die hungrige Meute durchgebracht haben. 340 Mark hat die Mutti für Lebensmittel zur Verfügung, minus die Miete. Eine ausgewogene Ernährung, schreibt Sohn Hans Well in seinem Buch über die „Biermösl Blosn“, versucht sie mit einer täglichen Portion Lebertran zu erreichen.

Eigentlich hätte Traudl gerne Medizin studiert

Barmherzige Bauern ergänzen den Speiseplan. „Es kam immer wieder vor, dass eine Henne oder ein Gockel unter ungeklärten Umständen verreckt war.“ Und dann den Wells zugesteckt wird. Es sind Zeiten der Not. Noch heute, erzählt Hans Well, kann er kein halbes Hendl ohne schlechtes Gewissen essen. Früher sind ein paar Hendlfetzen das pure Glück.

Das Familienleben hat bei den Wells feste Regeln, die braucht’s auch. Jeden Samstag wird der Badeofen geheizt. Die kleinen Kinder kommen zu dritt in die Wanne, erzählt Hans Well. Dann kommt die nächste Schicht. „Das Wasser färbte sich dabei hell- bis dunkelgrau.“ Auch das Frühstück findet im Schichtbetrieb statt, Vater Hermann überwacht den Schuhputzdienstplan.

Nach Günzlhofen soll es die Familie nur deswegen verschlagen haben, weil das dortige Schulhaus die größte Lehrerwohnung in ganz Bayern hatte.

Eigentlich hätte Traudl gerne Medizin studiert, aber das können sich ihre Eltern nicht leisten. Der Vater ist Dorfbader. Mit 14 kommt sie als Haushälterin und Arzthelferin zu einer Arztfamilie in Hilgertshausen im Kreis Dachau.

„Damois, da hods no koane Fachärzte gegeben“, erzählt sie einmal. „Mir ham no ois selber gemacht.“ Klar, dass die junge Traudl mit zu den Patienten geht. Vor allem „des Narkosegebn“, sagt sie, „war schön.“

Drei Jahre später lernt sie Hermann kennen – die Liebe ihres Lebens. Doch der muss bald in den Krieg. „Im Laufe des Krieges bekam mein Mann dreimal Urlaub“, sagt sie, „und ich drei Kinder.“ Vor neun Jahren stirbt ihr Ehemann Hermann mit 83 Jahren.

Traudl Well ist ihr Leben lang umtriebig, vor allem, wenn es um die Familie geht. In der Weilachmühle, einem Wirtshaus in Thalhausen im Kreis Dachau, das ihr Sohn Berti viele Jahre betreibt, hilft sie noch im hohen Alter in der Küche. Eine ihrer Spezialitäten: Kiachl.

Ins Wirtshaus fährt sie immer mit dem Mofa. Ihr Markenzeichen. Die rasende Traudl. Aber irgendwann verbieten ihr die Kinder das. „Die ham Angst ghabt“, sagte sie damals, „dass mir was passiert.“ Das Mofa hat Traudl Well danach Enkel Benni geschenkt. Soll ja in der Familie bleiben.

Nächsten Freitag ist die Beerdigung. Die Großfamilie will keinesfalls unter sich bleiben, das wäre nicht in ihrem Sinn gewesen.

Die Kinder, Enkel und Urenkel werden Musik spielen auf dem Friedhof in Günzlhofen. „Das hat sie sich gewünscht“, sagt Stofferl Well. „Sie freit sich, wenn’s a schöne Leich’ wird.“

Von Stefan Sessler, Sabine Kuhn und Carina Lechner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Feuerwehreinsatz: Wohnhaus in Fürstenfeldbruck in Flammen
Bei Abdichtungsarbeiten ist es am Mittwochmittag zu einem Brand an einem Haus an der Oskar-von-Miller-Straße in Fürstenfeldbruck gekommen.
Feuerwehreinsatz: Wohnhaus in Fürstenfeldbruck in Flammen
Kleine Schritte beim Kampf gegen Flächenversiegelung
 Vor fast fünf Jahren hat der Umweltbeirat der Stadt mehrere Flächen vorgeschlagen, bei denen man eine Entsiegelung prüfen könnte. Nach etliche Untersuchungen und …
Kleine Schritte beim Kampf gegen Flächenversiegelung
Hier können E-Bikes aufgeladen werden
E-Bike-und Pedelec-Fahrer können ihre Fahrräder ab sofort hinter dem Rathaus kostenlos mit Strom versorgen. Die Stadt hat am Seiteneingang des Stadtmuseums Zeit+Raum …
Hier können E-Bikes aufgeladen werden
Ein ungewöhnlicher Adventskalender für die Klosterschüler
Den Adventskalender des Rhabanus-Maurus-Gymnasiums zu öffnen, erfordert turnerische Fähigkeiten: In einer zwei Meter hohen, waagrechten Mauerlücke stehen bunt verzierte …
Ein ungewöhnlicher Adventskalender für die Klosterschüler

Kommentare