Historisch wertvolle Ansicht: Dieses Luftbild zeigt die Straße aus Richtung Geltendorf nach Türkenfeld. Rechts über der Straße sind die Fundamente des im Bau befindlichen Außenlagers des KZ Kaufering zu sehen, unten im Bild die Bahnlinie.	foto: NCAP 
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Historisch wertvolle Ansicht: Dieses Luftbild zeigt die Straße aus Richtung Geltendorf nach Türkenfeld. Rechts über der Straße sind die Fundamente des im Bau befindlichen Außenlagers des KZ Kaufering zu sehen, unten im Bild die Bahnlinie.  

Historie

Alte Luftbilder von Türkenfeld entdeckt

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Um unbekannte Schätze zu heben, muss ein Archivar nicht unbedingt alte Akten auf staubigen Dachböden wälzen. Bei einer Internet-Recherche entdeckte der Türkenfelder Dieter Hess Wertvolles aus der Ortsgeschichte in den Beständen eines aufgelösten Dortmunder Verlags – Luftaufnahmen der Gemeinde aus den 1950er-Jahren.

Türkenfeld – „Ich habe im Internet nach Bildern von Türkenfeld gefahndet“, erzählt der Ortsarchivar. Bei der Suche stieß er auf einen Zwischenhändler, der alte Ansichtskarten der Cramers Kunstanstalt KG anbietet. Der Verlag war in Dortmund ansässig und existiert heute nicht mehr.

Türkenfeld heute: In den vergangenen 70 Jahren ist der Ort enorm gewachsen – vor allem südlich der Bahnlinie. 

Insgesamt zwölf Bilder konnte Hess für die Gemeinde ankaufen. „Das sind Aufnahmen, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Ich war völlig von den Socken.“ Hess vermutet, dass die Bilderserie im Rahmen einer Reihenbefliegung entstanden ist. Die Fotos zeigen ein Türkenfeld, das es schon lange nicht mehr gibt.

Das heute dicht besiedelte Gelände südlich der Bahnlinie ist bis auf ein paar wenige Häuschen noch freies Feld. Die vorhandene Bebauung trägt die Handschrift der Nachkriegszeit – „kleine Siedlerhäuser mit einer Kantenlänge von 7,90 Meter“, wie Hess sagt. Ab acht Metern sei nämlich ein teures Genehmigungsverfahren notwendig gewesen, in dessen Verlauf man die Baupläne sogar nach Berlin schicken musste.

An der Geltendorfer Straße sieht man neben dem ehemaligen Café Bichler Baracken und einen hölzernen Wasserturm aus der Nazi-Zeit – Gebäude der paramilitärischen Bautruppe Organisation Todt (OT). Eine Aufnahme aus Richtung Südwesten zeigt die Sägerei Pittrich, die viele Türkenfelder Dachstühle sägte und noch bis 1993 in Betrieb war.

Eine Ansammlung von Häusern: So sah Türkenfeld in den 1950er-Jahren aus. Kleine Siedlerhäuser prägten das Ortsbild.  

Hess ist auch deshalb so froh über seinen Fund, weil es von manchen der Gebäude keine weiteren Aufnahmen gibt – zumindest nicht im Ortsarchiv. Dazu zählen neben dem genannten Wasserturm und den OT-Baracken zwei später abgebrannte Bauernhöfe und ein hölzernes Blockhaus, das einst einem Hausierer gehörte. Die Villa San Jose, von einem heimgekehrten reichen Amerika-Auswanderer als Alterssitz errichtet, steht noch ohne enge Nachbarbebauung an der Bahnhofstraße.

Die Beurer Straße verläuft rechtwinklig über die Bahnlinie statt angeschrägt wie heute. Die Schule an der Zankenhausener Straße existiert noch nicht, das heutige Kinderhaus Pfiffikus hingegen schon – bereits Mitte der 1950er-Jahres ein imposanter Bau. Damals befand sich darin die Dorfschule. Die Fundamente stammen aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, als man hier den Verwaltungsbau für eine geplante Arbeitersiedlung errichten wollte. Hess hat die Vorder- und Rückseiten der Postkarten digitalisiert.

Eine ist sogar beschrieben – eine Besucherin schildert die Feier des 85. Geburtstags einer gewissen Erna im Juli 1967 („Abends kam noch der Bürgermeister mit einem großen Fresskorb und Erna ist mehrere Male fotografiert worden, ganz groß.“)

Ein weiteres historisch wertvolles Luftbild hat Ortsarchivar Hess in den ehemaligen Beständen der englischen Luftwaffe aufgetrieben. Entstanden in den letzten Kriegstagen im April 1945, zeigt es die Straße aus Richtung Geltendorf und ein am Waldrand angelegtes Außenlager des KZ Kaufering.

„Die Nazis wollten von Buchloe bis hier alle paar Kilometer so ein Lager bauen“, weiß Ortsarchivar Hess. Das Lager am Türkenfelder Waldrand sei Anfang 1945 gebaut worden, aber nie in Betrieb gegangen.

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