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Der Geigenbaumeister und seine Holzliebe

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Von: Ulrike Osman

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„Ich spiele nicht so gut Geige, wie ich sie baue.“ Trotzdem muss das Instrument für den Klang eingespielt werden.
„Ich spiele nicht so gut Geige, wie ich sie baue.“ Trotzdem muss das Instrument für den Klang eingespielt werden. © Weber

Aus der Werkstatt des Geigenbaumeisters Paul Lijsen sind schon viele wohlgereifte Instrumente hervorgegangen. Das Holz für seine Geigen, Bratschen und Celli kauft der Türkenfelder nicht irgendwo bei einem Händler: Er sucht sich die Bäume selbst aus, jedes Jahr einen.

Türkenfeld – Ein hartes und ein weiches Holz sind notwendig für eine gute Geige. Fichtenholz für die Vorderseite, Ahorn für die Rückseite. Und dann braucht das Instrument genug Zeit zum Reifen, „wie ein guter Rotwein“, sagt Paul Lijsen.

Ein Baum-Kandidat für die Geigenbauwerkstatt muss auf über 1000 Meter Höhe wachsen, an einem windgeschützten Platz, in Gemeinschaft mit anderen Bäumen. Er sollte bis zu einer Höhe von etwa 15 Metern astfrei sein und das haben, was Paul Lijsen als „unheimlich appetitliche Rinde“ bezeichnet – fein geschuppt, mehrfarbig, mit roten, grauen und schwarzen Schattierungen.

Resonanzhölzer wie diese wachsen nicht an jeder Ecke. An besten gedeihen sie in der mediterranen Wuchszone, wo sie sanften Südwinden und gleichmäßiger Beregnung ausgesetzt sind.

Hat der 74-Jährige einen solchen Baum gefunden, transportiert er ihn selbst auf dem Lkw nach Türkenfeld. Hier wartet in seinem Holzlager viel Rohmaterial darauf, zu einem edlen Instrument verarbeitet zu werden – von Lijsen selbst oder anspruchsvollen Kollegen, die sich gern bei ihm eindecken.

Lijsen wuchs mit Musik auf, wie schon sein Vater vor ihm. Beide Großeltern waren Berufsmusiker. Mit 14 ging der Lenggrieser auf die Geigenbauschule in Mittenwald, wo er ein solides Fundament für sein Berufsleben erwarb. Hinaus in die Welt zog es ihn nicht. „Ich blieb schön standorttreu“, erzählt der Vater von fünf Kindern – zwei Söhne sind ebenfalls Geigenbauer geworden. Aus seiner Heimat habe er nie weg gewollt, jedenfalls nicht weiter als bis nach München.

Dort arbeitete er lange für die – heute nicht mehr bestehende, aber für ihre Aufnahmen immer noch berühmte – Capella Antiqua unter der Leitung von Konrad Ruhland. Zwölf Jahre lang reparierte und restaurierte Lijsen die Instrumente für die in der Tradition barocker Aufführungspraxis spielenden Musiker. 1974 begann er, selbst Streichinstrumente zu bauen. „Ihnen einen individuellen Sound zu geben, ist mir bald gelungen.“

Zunächst ließ er sich in Moorenweis nieder. 1977 kam er nach Türkenfeld, wo er seitdem lebt und arbeitet.

Kleine Deko-Geigen an der Fassade seines Hauses lassen keinen Zweifel daran, womit sich der Bewohner beschäftigt. In der Werkstatt hängen Streichinstrumente in Mengen – zusammengerechnet das Ergebnis Tausender Arbeitsstunden. In einem Instrument stecken schon 200.

Lijsen bezeichnet sich als „rustikalen Geigenbauer“. Der volle Klang entfaltet sich erst nach Jahren – außer, man investiert jeden Tag mehrere Stunden des Einspielens. Auch das kann Lijsen selbst besorgen. „Aber ich spiele nicht so gut Geige, wie ich sie baue.“ Er unterscheidet Meister- und Manufakturinstrumente – beides handgemacht, aber Letztere entstehen in Serie und sind daher weniger kostspielig. In den Musikschulen der Region sind viele Mietgeigen aus Lijsens Werkstatt in Gebrauch. Darüber hinaus übernimmt er den gesamten Service rund ums Streichinstrument – Klangeinstellung, Reparatur, Instandhaltung.

„Meine Kinder“ nennt Lijsen seine Instrumente. Jedes bekommt einen „Geburtsschein“ mit eigenem Namen, wobei als Geburtstag der Tag gilt, an dem das Instrument geschlossen wurde. Der Heilige, der Patron dieses Datums ist, wird Teil des Namens.

Auch wenn Paul Lijsen mal nicht seinem Kunsthandwerk nachgeht, ist er künstlerisch tätig. Er malt – am liebsten Szenen aus seiner Kindheit in Lenggries. Den Blick aus seinem Schlafzimmer zum Beispiel oder die verschneiten Wege, auf denen mit Pferdeschlitten frisch gefällte Baumstämme vom Berg geholt wurden. Oft durfte er aufspringen und mitfahren – damals noch nicht ahnend, wie wichtig Baumstämme für sein Leben werden würden.

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