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Hier steht  Hans Well mit Ehefrau Sabeeka Gangjee-Well vor dem Denkmalschutz-Haus.

Serie: Häusergeschichten (6)

Musiker rettet denkmalgeschützte Häuser

Hans Well ist bekannt als Musiker und Künstler. Er hat aber auch noch eine weitere Leidenschaft: das Restaurieren denkmalgeschützter Häuser. In einem dieser Gebäude in Zankenhausen lebt er mit seiner Familie.

Zankenhausen – Wenn die Bremsen quietschen, der Rückwärtsgang eingelegt wird und kurz drauf eine Autotür zuschlägt, weiß Hans Well, dass wahrscheinlich wieder jemand vor dem Haus steht und es fotografiert. Eine schöne Bestätigung für eine geglückte Sanierung, mit der der Künstler und Musiker seine zweite Karriere als Bewahrer ländlicher Baukultur begann.

Taubenblaue Läden an den mit einer feinen roten Linierung eingerahmten Sprossenfenstern und ein großes Tennentor, das zu öffnen eine üppig wuchernde Glyzinie schon längst unmöglich macht. So präsentiert sich der ehemalige Ott-Hof, im Ortskern von Zankenhausen, einem wunderbar gelegenen Ortsteil von Türkenfeld, auf den ersten Blick.

„Es war mein erstes von mittlerweile sieben alten Häusern, die ich hergerichtet hab und teils gegen ein neues Altes wieder hergegeben hab“, erzählt Hans Well. Alle stehen unter Denkmalschutz, das Haus direkt daneben, in dem er mittlerweile wohnt, wurde erst kürzlich offiziell für die Denkmalliste nachqualifiziert. „Nachdem wir mit dem Sanieren fertig waren“, berichtet Well stolz.

Eine Wohngemeinschaft hauste in dem alten Mittertenn-Haus, bevor er es einer alten Frau abkaufte. „Die rückwärtige Wand war teilweise eingefallen und das Abwasser der Waschmaschine wurde über einen aus dem Fenster hängenden Schlauch entsorgt“, erinnert sich Well. Vermeintlich Wohlmeinende rieten ihm, mit dem Radlader einmal ans Haus zu fahren, dann sei das Problem erledigt. Deswegen hat der damalige Gemeinderat auch seinen Antrag eines Sanierungszuschusses einstimmig abgelehnt.

Der Start im Jahr 1989 verlief mehr als holprig. Ein rostiger Nagel, der sich auf der Baustelle durch seine Sandalen in den Fuß bohrte, schränkte die Theaterrevue „Diridari“ mit seiner Biermösl Blosn an den Kammerspielen wochenlang ein. Hinzu kam ein Sturz aus drei Metern Höhe mit dem Kopf voraus in einen Eisenrechen.

„Aber auch bautechnisch hab ich viel Lehrgeld bezahlt – heute weiß ich besser, wie’s geht“, stellt Hans Well fest. Bei dem Haus in Zankenhausen war ihm sein Bruder Werner, der Werklehrer an der Brucker Hauptschule-Nord war und handwerklich äußerst geschickt ist, eine große Hilfe. Heute hilft ihm der Maurer, Schreiner und Bildhauer Stefan Walter aus Hohenfurch.

Gelegentlich packen auch seine Kinder mit an, weil er findet, „dass sie sich auch was erarbeiten und nicht etwas Schlüsselfertiges erben sollen“. Sein Sohn Jonas überlegt sogar, zwei Frei-Semester von seinem Politologie-Studium zu nehmen, um mit anzupacken, erzählt Hans Well, der mit seinen Kindern als Wellbappn oft musikalisch unterwegs ist. Selbstredend, dass die drei in einem von Wells sanierten Häusern leben, nämlich in einem unter Denkmalschutz stehenden Herbergshäusl im Münchner Stadtteil Haidhausen.

Das alte Haus war in einem ziemlich desolaten Zustand, als es Hans Well 1989 übernommen hatte.

Auch bei der Verwendung von Materialien hat er dazugelernt. Die ungebrannten Ziegel seines Hauses, das 1604 erstmals erwähnt und 1815 umgebaut wurde, seien ungeschützt nach einem Regen nur noch ein Lehmklumpen gewesen.

Besonders freut er sich, wenn er durch Zufall irgendwo was bekam und wieder verwerten konnte. Die Solnhofer Natursteinplatten in der Küche stammen ursprünglich aus dem ehemaligen Kloster Adelshofen, die Bodendielen aus Günzlhofen und die Türen aus Dünzelbach.

Trotzdem müssen es nicht immer nur alte Materialien sein, ein hochdämmender aber teurer Aerogel-Dämmputz trägt kaum auf und verändert den Charakter des Hauses nicht. „Die Diktatur des rechten Winkels macht ein altes Haus kaputt“, findet er und plädiert dafür, dass eine Wand auch schief sein darf. Das Haus, das früher auch Kerschgut (von Kirschen) hieß, bewohnen heute wechselweise Wells Schwiegereltern aus Kalkutta oder der Cartoonist Hans Traxler, der viel in Zankenhausen zeichnet und den Ort durch Abdruck der Skizzen in seinen Büchern berühmt macht.

Wenn ein altes Haus mit Charakter, wovon es zum Beispiel im Nachbarort Kottgeisering einige gäbe, leer steht und langsam verfällt, schmerzt es den Musiker Well. Woran es liegt, dass die Leute es nicht herrichten? „Viele trauen es sich wohl nicht zu, weil sie denken, dass der Denkmalschutz furchtbar einschränkt – was vielleicht früher so war. Und weil sie sich nicht vorstellen können, dass man das Haus zum Beispiel mit einer Wandheizung und modernen Baumaterialien auf einen zeitgemäßen Wohnstandart bringen kann“, vermutet Well.

Alte Häuser hätten eine wichtige Funktion im Dorf, die Erhaltung trage zur Tradition und bayerischen Kultur mehr bei als jeder Trachtenverein und nebenbei sei die Erhaltung ein Respekt, den man früheren Generationen erweist. „Wenn du’s nicht selber machen willst, dann gib’s wem. Aber reiß es nicht weg!“, plädiert er deswegen immer wieder.

Die meisten seiner bisherigen Häuser seien ihm angeboten worden. Aber das renovierte Objekt hätte dann, mit zeitlicher Verzögerung, manchmal auch Nachbarn überzeugt, selber zu renovieren. Ob Hans Well noch ein achtes Projekt angeht, hat er noch nicht entschieden. „Obwohl – ich hab noch einige alte Baumaterialien, die ich vor dem Abriss gerettet hab“, lacht er.

Max-Josef Kronenbitter

Hier finden Sie Teil 5 der Häusergeschichten

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