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„Türkenfeld ist so ein schöner Ort, schöner geht’s doch gar nicht.“ Das sagt Altbürgermeister Pius Keller über seine Heimat.

„Ich wollte für den Ort etwas tun“

Pius Keller verabschiedet sich nach zwölf Jahren als Türkenfelds Bürgermeister

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Zwölf Jahre lang war Pius Keller Bürgermeister von Türkenfeld. Er hatte seinen nun erfolgten Abschied aus dem Amt bereits Ende 2018 bekannt gemacht.

Türkenfeld – Im Interview blickt der 67-Jährige zurück auf geglückte und gescheiterte Projekte. Und der Altbürgermeister verrät, was er künftig alles machen will – daheim in Türkenfeld, denn längerer Urlaub ist nicht geplant.

Was ist es für ein Gefühl, Herr Keller, morgens aufzuwachen und nicht mehr ins Rathaus zu müssen?

Der Wecker läutet immer noch um 6 Uhr. Dann höre ich die Nachrichten und kann mich nochmal umdrehen. Das ist ein gutes Gefühl. Es ist schön, nicht mehr diesen Druck zu haben.

Was haben Sie als größten Druck empfunden?

Druck ist eigentlich nicht das richtige Wort. Ich habe die Arbeit für die Gemeinde ja immer gern gemacht. Ich bin Türkenfelder und wollte für den Ort etwas tun. Mein Vater war Flurbereinigungsvorstand und auch schon im Gemeinderat. Ich habe da eine gewissen Erbmasse mitbekommen.

Viele neue Gemeinderatsmitglieder starten sehr ambitioniert und erleben dann, dass sich ihre Ideen längst nicht so schnell umsetzen lassen wie erwartet. Haben Sie in Ihrer Anfangszeit solche frustrierenden Momente erlebt?

Ich bin 1990 das erste Mal in den Gemeinderat gewählt worden. Als aktiver Feuerwehrmann wurde ich damals Feuerwehrreferent und habe den Bau des Feuerwehrhauses in Zankenhausen begleitet. Das war schon ein Erfolgserlebnis. Ansonsten musste man erstmal schauen, dass man sich einordnet und seinen Platz findet. Ich habe am Anfang vor allem viel zugehört. Heute wollen neue Ratsmitglieder immer gleich ihre Meinung durchdrücken, aber das funktioniert meistens nicht. Bei der Feuerwehr war ich übrigens auch noch als Bürgermeister aktiv. Wenn ich gerade eine Besprechung im Rathaus hatte und es kam ein Alarm, habe ich die Herrschaften nach Hause geschickt und gesagt, kommt’s morgen wieder. Erst mit 63 war Schluss, das ist die Altersgrenze.

„Ich hätte damals gern am Bühlacker ein Einheimischenmodell entwickelt“

Wie hat sich denn die erste von der zweiten Amtsperiode unterschieden?

Die war ganz anders als die erste, 2008 bis 2014. Da haben wir viel geschaffen: den Neubau der Turnhalle, den Umbau der Schule mit energetischer Sanierung, die Errichtung von Aula und Mensa, die ein Riesenerfolg ist mit 100 Essen am Tag. Wir haben im Kinderhaus Pfiffikus die Krippe gebaut und natürlich unser Glasfasernetz. In meiner zweiten Amtsperiode als Bürgermeister klappte die Zusammenarbeit im Gemeinderat nicht mehr so gut. Ich hätte damals gern am Bühlacker ein Einheimischenmodell entwickelt. Der Bauträger, mit dem wir damals zusammenarbeiten wollten, hätte Wohneigentum für 3500 bis 3800 Euro pro Quadratmeter errichtet. Heute sind wir bei 5000 Euro. Aber das Projekt wurde damals komplett zerredet. Ich habe nie verstanden, warum. Es wurde eine zu städtische Architektur bemängelt, dabei waren wir noch gar nicht beim Bebauungsplan angekommen.

Es ist über drei Jahre her, dass das Projekt zum Erliegen kam. Warum ging es nicht mit einem anderen Bauträger weiter?

Wenn am Bühlacker gebaut wird, steigt die Verkehrsbelastung in der Bahnhofstraße, weil das bislang die einzige Erschließung ist. Man muss das Baugebiet deshalb auch im Zusammenhang mit dem Ausbau der Bahnhofstraße sehen, der ja jetzt erst bevorsteht. Eine Planung dafür hatten wir schon vor 15, 20 Jahren. Aber damals mussten wir den Kindergarten Sumsemann bauen, weil Betreuungsplätze gebraucht wurden. Für beide Maßnahmen reichte das Geld nicht. Jetzt bekommt die Gemeinde im Rahmen der Dorfentwicklung 62 Prozent Zuschuss für die Bahnhofstraße. Damit wird der Ausbau finanzierbar.

„Man kann nicht jedem alles recht machen“

Die Dorfentwicklung hat sich seinerzeit aus dem Protest gegen den Edeka neben der Schule entwickelt, der dort letztlich nicht zustande kam. Versöhnt Sie das im Nachhinein?

Was heißt versöhnt. Ich wollte damals für die Bürger etwas erreichen. Viele waren unzufrieden mit dem vorhandenen Tengelmann und wollten eine zusätzliche Einkaufsmöglichkeit. Ich fand es schade, dass es nicht dazu gekommen ist. Aber aus der Dorfentwicklung sind schon viele gute Dinge entstanden, zum Beispiel der Ausbau der Türkenfelder Straße in Zankenhausen und der Wochenmarkt im Schlosshof. Und die Bürger bekommen Zuschüsse für Sanierungsmaßnahmen an ihren Häusern.

Was ist Ihr wichtigster Ratschlag an Ihren Nachfolger Emanuel Staffler?

Man kann nicht jedem alles recht machen. Ich wünsche ihm ein glückliches Händchen, ein Gefühl dafür, wie man die Dinge steuert. Ich bin überzeugt, das hat der Emanuel. Es ist übrigens nicht schlimm, wenn ein Projekt, das man anstößt, nicht zustande kommt. Schlimm ist nur, wenn man keine Ideen hat. Wenn man nichts anschiebt, passiert auch nichts. Manchmal ist für eine Idee die Zeit einfach noch nicht reif. Die Verlegung des Sportplatzes zum Beispiel wurde schon vor 25 Jahren diskutiert. Damals gab es dafür keine Mehrheit, weil die Leute, die den Platz angelegt hatten, noch aktiv waren. Das ist jetzt anders.

Mit dem Bau des Glasfasernetzes waren Sie Ihrer Zeit voraus...

Ja. Wenn ich sehe, wie andere Gemeinden um schnelles Internet kämpfen, bin ich froh, dass wir damals die Courage hatten. Unser Glasfasernetz ist heute nicht mehr wegzudenken, aber es hat mir während der Bauzeit manche schlaflose Nacht bereitet, als unser damaliger Projektpartner pleite ging. Aber es hat sich alles zum Guten gewendet. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Inzwischen hat die Gemeinde das Netz verkauft.

Das war die richtige Entscheidung. Die Gemeinde ist heute schuldenfrei und hat Rücklagen. Da kann ich mich beruhigt aufs Sofa setzen und mir sagen: gut gemacht.

„Mein Ausgleich war immer die Landwirtschaft“

So gerne sitzen Sie aber gar nicht auf dem Sofa, oder?

Ich arbeite ja noch in der Landwirtschaft meines Sohnes mit und bewirtschafte den Gemeindewald. Da gibt es viel zu tun – Neupflanzungen, Pflegearbeiten, Fällung von Bäumen, die vom Borkenkäfer befallen sind. Das muss man alle drei, vier Tage kontrollieren. Außerdem braucht unser Walderlebnispfad eine Grundsanierung, da werde ich jetzt als erstes einen neuen Steg bauen. Das macht Spaß.

Bis auf zwei krankheitsbedingte Ausfälle haben Sie in Ihren zwölf Jahren als Bürgermeister nie gefehlt. Warum haben Sie eigentlich nie Urlaub gemacht?

Mein Ausgleich war immer die Landwirtschaft. Ich glaube, auch Urlaub machen muss man lernen. Ich hab’ das nie gelernt. Mal einen Tag in die Berge fahren, gut. Auch die drei-, viertägigen Bürgermeisterausflüge haben mir immer Spaß gemacht. Dieses Jahr Ende April wären alle ausscheidenden Bürgermeister des Landkreises zusammen nach Zadar in Kroation geflogen. Das wäre meine erste Flugreise gewesen. Wegen Corona ist sie nicht zustande gekommen. Aber man kann auch zu Hause Urlaub machen. Türkenfeld ist so ein schöner Ort, schöner geht’s doch gar nicht.

Die Serie

In der achtteiligen Interview-Serie kommen in Folge alle acht ausscheidenden Bürgermeister zu Wort: Neben Pius Keller (Türkenfeld) sind das Michael Schanderl (Emmering), Sandra Meissner (Kottgeisering), Frederik Röder (Alling), Andreas Spörl (Mittelstetten), Paul Dosch (Althegnenberg), Michael Raith (Adelshofen) und Josef Nefele (Egenhofen). Sie waren zwischen sechs und 24 Jahre im Amt.

Weitere Nachrichten aus Türkenfeld finden Sie hier.

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