Giovanni di Lorenzo lass im Stockwerk aus seiner Inerview-Sammlung "Vom Aufstieg und anderen Niederlagen".

Zeit-Chef zu Gast in Gröbenzell

Unter vier Augen mit Bundespräsidenten und Schuhputzer

Gröbenzell - Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo war im Stockwerk zu Gast. Er las dort aus seiner Interview-Sammlung "Vom Aufstieg und anderen Niederlagen" vor - und berichtete von einem prägenden Erlebnis zu Begin seiner Karriere.

– Der junge Giovanni war noch jemand, dessen Fragen bisweilen weit unte die Gürtellinie zielten. Als Moderator der damaligen BR-Sendung „Live aus dem Alabama“ hatte er einmal eine Sängerin zu Gast, deren Stimme offenbar nicht an ihre körperlichen Vorzüge heranreichte. „Wie fühlt man sich als singende Onanier-Vorlage?“ wurde die junge Dame gefragt, die denn auch fast in Tränen ausbrach.

inige Jahrzehnte später nähert sich der heutige Chefredakteur der Wochenzeitung Zeit seinen Gesprächspartnern auf subtilere Weise, wie jetzt auch 150 Zuhörer bei einer Lesung im Stockwerk erfahren konnten. Giovanni di Lorenzo trug drei Beispiele aus seiner Interview-Sammlung „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ vor.

Seinen vermutlich größten Coup, die schon zugesagte Unterhaltung mit dem „sündenbeladenen, aber charismatischen alten Haudegen“ Fidel Castro, musste di Lorenzo grippekrank absagen, aber die Zuhörer in Gröbenzell hätten aus 20 Vorschlägen fast gleichwertigen Ersatz wählen können. Der Versuch, Theodor von Guttenberg beichten zu lassen, Helmut Schmidt über den Herbst 1977, das letzte Interview mit Grünen-Ikone Petra Kelly vor deren Ermordung, Berlusconi über den Aufstieg seiner Fernsehsender, Trappatoni vor dem Abschied bei den Bayern – all das überzeugte das Publikum den Handzeichen nach zu schließen nicht. Übrig blieb eine bunte Mischung: Ein Bundespräsident, ein Comedian und ein Schuhputzer.

Di Lorenzo, als Fernseh-Talker durchaus ein charmanter Plauderer, hatte als Vorleser seine Schwächen – gerade bei Gesprächen, die über das Hin und Her von Frage und Antwort hinausgehen. Aus dem Tonfall konnte man nicht schließen, ob da gerade di Lorenzo eine Bemerkung einschob oder Joachim Gauck weiterredete.

Im Interview mit dem Bundespräsidenten kam der Journalist aber zumindest der Person ziemlich nahe, die – frisch gewählt – noch offenherzig über verlorene Sehnsüchte und die „Entzauberung der Freiheit“ Auskunft gab und einmal, beim Thema Holocaust, sogar weinte.

Top-Journalisten, die mit (Alt)Kanzler und Präsident quasi per du sind, erkunden Volkes Stimmung oft beim Taxifahrer. Originell war da der Schuhputzer am Hamburger Flughafen, der von Nietzsche redete und über die Bringschuld seiner türkischen Landsleute bei der Integration – für die liberale Zeit damals noch provokante Sätze.

Schließlich noch Erfolgsregisseur Bully Herbig, der in der Tat locker und heiter von seiner Karriere erzählte. Di Lorenzo hatte sich wie immer akribisch auf den Comedian vorbereitet und „zum Heulen langweilige“ frühere Interviews seines Gesprächspartners gelesen. So sagte er widerstrebend einem Termin zu, von dem er „begeistert“ zurückkam. (op)

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