Josef Seemüller zeigt auf Schläuche und Kabel, die zu seiner Energieversorgung mit Wärmepumpe, Wärmerückgewinnung und Zentralentlüftung gehören.
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Alles selbst installiert: Josef Seemüller zeigt auf Schläuche und Kabel, die zu seiner Energieversorgung mit Wärmepumpe, Wärmerückgewinnung und Zentralentlüftung gehören.

Seit den 1970er Jahren

Unterschweinbach: Er lebt die Energiewende seit Jahrzehnten

  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Josef Seemüller aus Unterschweinbach ist eine Art Energiewende-Veteran. Er beschäftigt sich bereits seit den Siebziger Jahren mit dem Thema, hat unter anderem das wohl erste Elektroauto im Landkreis gebaut.

Unterschweinbach – Nachhaltigkeit bedeutet Josef Seemüller viel – auf ein Kreuzfahrtschiff brächten ihn keine zehn Pferde. Viel länger schon als die meisten Menschen beschäftigt er sich mit der Energiewende. Seit den 1970er-Jahren treibt ihn das Thema um. Der 85-Jährige hat das vermutlich erste Elektroauto im Landkreis gebaut, war maßgeblich an der ersten Freiflächen-PV-Anlage Bayerns beteiligt, lebt in einem Haus mit vorbildlicher CO2-Bilanz und engagiert sich dafür, dass der Landkreis bis 2030 seine Klimaziele schafft. „Meine Frau sagt immer, ich soll mich nicht so wichtig nehmen“, erzählt Seemüller und schmunzelt. „Aber noch lebe ich. Und ich bin Klimaaktivist.“

Dass es so gekommen ist, hat mit seiner beruflichen Entwicklung zu tun. Sie begann unspektakulär mit einer kleinen Landwirtschaft – zehn Hektar Land, zwölf Rinder, vier Schweine, 40 Hühner. Die Zeiten, als man sich damit eine Existenz sichern konnte, waren bald vorbei. „Wir wurden vom Strukturwandel überrollt“, erinnert sich der Unterschweinbacher. Der Kirchenchorsänger gründete eine Band und machte Musik, baute selbst Verstärkeranlagen und Lautsprecherboxen und beschallte damit Volksfeste von München bis Augsburg. Aber: „Irgendwann konnte ich meinen eigenen Krach nicht mehr hören.“

Seemüller sattelte wieder um, diesmal auf ein landwirtschaftliches Lohnunternehmen und Trocknungsanlagen für Mais und Getreide. In Zusammenarbeit mit der TU München entwickelte er eine besonders energiesparende Technik und gründete eine eigene Maschinenbaufirma. „Dieser Erfolg der besseren Energienutzung hat mich bis heute nicht losgelassen.“

Seemüller ist ein Schwager des Brucker Alt-OBs Sepp Kellerer und ein Sandkastenfreund von Josef Nefele, dem langjährigen früheren Bürgermeister von Egenhofen. Mit ihm zusammen initiierte der vierfache Vater die Bürgersolaranlage in Oberweikertshofen und die Freiflächen-PV-Anlage in Waltenhofen, die als die erste in Bayern gilt. Seemüller ist noch nie in den Urlaub geflogen. Auf ein Kreuzfahrtschiff brächten ihn keine zehn Pferde. Er benutzt weder Laptop noch Handy, hat aber bis heute Spaß an seinem selbstgebauten digitalen Tonstudio. Auch ein Hörgerät hat er sich selbst gebaut („mein Stolz lässt nicht zu, mir eins zu kaufen“) – und natürlich sein Elektroauto, das seit 20 Jahren störungsfrei läuft. Die Reichweite von 50 Kilometern bei einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern reichen für Fahrten nach Bruck und Mammendorf – und mehr muss nicht sein.

Auch als die vier Töchter noch klein waren, unternahm die Familie keine Urlaubsreisen, sondern höchstens „alle zwei Jahre einen Tagesausflug“. Die Großfamilie ist inzwischen um acht Enkel und acht Urenkel gewachsen. Ein Teil lebt in einem energieeffizienten Mehrfamilienhaus direkt neben dem Alterssitz, den Seemüller für sich und seine Frau gebaut hat – ein kleines, gut gedämmtes Haus mit Wärmepumpe („Öl und Gas sind bei uns verpönt“), Wärmerückgewinnung und Zentralentlüftung.

Das Haus ist Seemüllers Beweis, dass ein nachhaltiger Lebensstil ohne Verlust an Lebensqualität möglich ist. Seit der ersten Stunde ist der 85-Jährige beim Energiewendeverein Ziel 21 aktiv. Kürzlich wurde ihm vom Vorstand ein Ehrenpreis für sein Engagement verliehen. Derzeit kämpft er darum, dass Biomasse einen größeren Stellenwert im Energiemix bekommt. Es geht Seemüller nicht um noch mehr Maisanbau, sondern um die Nutzung von Reststoffen („ein Riesenpotential“). Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden, betont der Klimaaktivist. „Wir brauchen nicht auf Wunder zu warten.“

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