Jürgen P. war mit diesem Auto unterwegs.

Waldläufer Jürgen P. erschossen

"Geltendorf ist keine Heile-Welt-Insel“

Geltendorf/Türkenfeld – Während immer mehr Details und Hintergründe der Schießerei in Geltendorf ans Licht kommen, gibt es für die Menschen in der Region Geltendorf, Türkenfeld, Grafrath nur ein Thema: Es war einer von ihnen, der immer wieder auf Raub ausging – und für den dabei ein Menschenleben offenbar wenig zählte.

Nur wenige 100 Meter vom Ort der tödlichen Schießerei entfernt ist die Edeka-Filiale, die der Serienräuber zweimal überfallen hat. Backshop-Verkäuferin Doris Urban erhält dort am Samstag kurz nach dem Schusswechsel einen Anruf von einer Kollegin. Sie soll das Geld aus der Kasse nehmen und in den Tresor legen. Der Verkauf geht weiter – trotz riesigem Polizeiaufgebot vor der Tür. Mit zittrigen Fingern bedient Doris Urban die Kunden. „Die Leute haben gefragt was los ist.“

Das war auch am Montag noch so. Der Tod des Waldläufers, wie der Räuber wegen seiner Fluchten zu Fuß in den Wald genannt wurde, ist Gesprächsthema Nummer eins. Viele haben sein Auto im Wald gesehen. Auch Doris Urban ist auf ihrem Weg von ihrem Wohnort Kaltenberg zum Edeka öfter an ihm vorbeigeradelt. „Am Montag habe ich dann erstmal einen anderen Weg genommen.“

Völlig geschockt ist man auch in der Bäckerei Drexler . Im angeschlossenen Café war Jürgen P. Stammgast. Er kam immer am Vormittag, spätestens am Mittag mit dem Auto – allerdings nicht mit dem, das im Wald gefunden wurde. Der 49-Jährige bestellte Kaffee und las Zeitung. Kontakt zu anderen Gästen suchte er nicht. Als die Bedienung ihn nach Namen oder Wohnort fragte, ließ er sie abblitzen. Wenn überhaupt, sprach er nur über Belangloses.

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Auch Silvia Bosch ist oft in dem Café. Die Taxifarerin hat ihren Standplatz am Geltendorfer Bahnhof und versorgt sich in der Bäckerei oft mit Brotzeit. Jürgen P. kannte sie als ruhigen Typen. „Nie hätte ich gedacht, dass er der Waldläufer ist.“ Dabei machte sich die Taxifahrerin oft Gedanken über den Serienräuber. „Ganz wohl fühlte ich mich nicht. Denn ich fahre ja auch nachts.“

„Ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist“, sagt auch der Fahrlehrer, der den Serienräuber nach dem Überfall auf die Postagentur in Grafrather verfolgte. Der Waldläufer schoss damals auf dessen Auto. Der 62-Jährige war dem Maskierten nachgefahren, weil er vermutete, dass er zu einem Auto lief, dessen Nummer er der Polizei durchgeben wollte. Heute weiß der Brucker: Er lag mit seiner Theorie wohl richtig. Sein Kommentar zur Schießerei. „Da sieht man, welch kriminelle Energie der Mann hatte.“

Vielen Leuten in der Gegend sei das volle Ausmaß der Gefahr wohl erst jetzt klar geworden, meint Geltendorfs Bürgermeister Willi Lehmann. „Jeder hätte ihn treffen können, auch beim Joggen oder Gassi-Gehen. Auch Geltendorf ist keine Heile-Welt-Insel.“

Lehmann war früher selbst Polizist. Schon immer ging er davon aus, dass der Waldläufer aus der Gegend kommt – zu gut war dessen Ortskenntnis. „Dass es aber so dicht ist, hätte ich nicht gedacht.“

Seinem Amtskollegen Pius Keller aus Türkenfeld ging es ähnlich. Er hatte extra einen Kriminalbeamten zur Bürgerversammlung eingeladen. „Ich hatte das Gefühl, die Bevölkerung besser aufklären zu müssen“, so Keller. Dass der Gesuchte nur wenige Straßen weiter lebte, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.

Am Sonntag musste Keller sogar bei der Durchsuchung von Jürgen P.s Zimmer im Haus seiner Eltern dabei sein – als Zeuge. „Die Polizei hat alles auf den Kopf gestellt“, so Keller. Kellers Mitgefühl gilt den Eltern. Beide sind fast 80 Jahre alt und am Boden zerstört. „Von diesem Schlag werden wir uns nicht mehr erholen“, sagte Mutter Anne P. zur tz. An die Schuld ihres einzigen Sohnes kann sie nicht recht glauben.

Fassunslosigkeit herrscht auch beim Schützenverein SG Ammersee Utting. Dort war Jürgen P. Mitglied. „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, erklärte Schützenmeister Anton Weber. Als er von den schrecklichen Ereignissen und den Zusammenhängen mit dem Verein erfuhr, ist er extra aus Urlaub heimgefahren.

Thomas Steinhardt, Fabian Dilger, Ulrike Osman und Sabine Kuhn

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