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Aus dem Gemeindearchiv 

Wie kam bayerisch Bethlehem an die Amper?

Grafrath - Bethlehem liegt mitten im Brucker Land. Aber es weist kein Stern den Weg zum Stall von Maria, Josef und dem Jesuskind. Es ist die Grafrather Gemeindearchivarin Christel Hiltmann, die in den Ortsteil Wildenroth führt. Bethlehem – hier?

Auf alten Postkarten liegt Wildenroth romantisch im Ampertal.

Der Grafrather Ortsteil Wildenroth, bis zur Gebietsreform 1972 eine eigenständige Gemeinde, trug früher einen berühmten Beinamen. Das idyllische Dorf an der Amper galt als „bayerisches Bethlehem“. Unzählige alte Ansichtskarten tragen diese Aufschrift, wie ein Blick ins Gemeindearchiv verrät. Alteingesessenen Bürgern ist die Bezeichnung ebenfalls wohlvertraut. „Ich lebe seit 40 Jahren hier und habe das schon immer gehört“, erzählt Gemeinde-Archivarin Christel Hiltmann. Eine fundierte Erklärung, wie Wildenroth zu dem hochtrabenden Beinamen kam, gibt es nicht – wohl aber eine Reihe von Spekulationen, die der frühere Kreisheimatpfleger Wohlgang Völk eines Tages in einem Aufsatz zusammenfasste.

Eine der Theorien besagt, dass die am Ort lebenden Künstler Wildenroth aufgrund der landschaftlichen Lage zum bayerischen Bethlehem erklärten. Außerdem gibt es bis heute in der Dorfkirche Mariä Himmelfahrt Höfen ein Altarbild, das die Geburt Jesu zeigt. Früher schmückte das Gemälde den Hochaltar, heute hängt es über einem Seitenaltar.

Weiter in die Vergangenheit zurück geht eine andere Geschichte. Ludwig der Strenge, Gründer des Klosters Fürstenfeld, soll eines Tages zum Jagen auf der Theresienhöhe bei Wildenroth gewesen sein. Bei der Verteilung der Beute soll er auf den Ort hinuntergeblickt und entzückt ausgerufen haben: „Dieses Dorf liegt genauso schön wie Bethlehem in Palästina, und die Amper fließt wie der Jordan.“

Christel Hiltmann hat viele Karten gesammelt.

Eine ähnliche Äußerung wird dem Mark- und Gaugrafen Rasso zugeschrieben, nachdem dieser von einer Pilgerreise ins Heilige Land zurückgekehrt war. Wie auch immer – die geschäftstüchtigen Wildenrother im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert griffen die Legende auf und schmückten ihr Dorf künftig mit dem biblischen Beinamen.

„Die Leute waren clever und haben das für ihr Marketing verwendet“, sagt Christel Hiltmann. Wildenroth war seit der Eröffnung des Bahnhofs im Jahr 1873 immerhin ein gefragter Ausflugs- und Wohnort. Da konnte ein griffiger Werbeslogan nicht schaden. Erst unter den Nationalsozialisten im Dritten Reich war die Bezeichnung dann nicht mehr opportun. Man ließ sie einfach unter den Tisch fallen.

Christel Hiltmann hat übrigens vor Jahren auf einer Israel-Reise von weitem einen Blick auf das echte Bethlehem werfen können. Hat sie Ähnlichkeiten mit Wildenroth festgstellt? „Nein“, sagt die Gemeinde-Archivarin und lacht. „Ich wäre nie darauf gekommen.“

Ulrike Osman

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