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Passiert immer öfter: S-Bahnen fahren an Bahnhöfen einfach durch. Passagiere haben das Nachsehen.

Zughalte fallen aus: Freistaat kritisiert Bahn

Fürstenfeldbruck – Der Ausfall von Zughalten auf den S-Bahnlinien im Verspätungsfall sorgt weiter für Diskussionen. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft ist von der Praxis der Bahn jedenfalls wenig begeistert. Sie kündigt eigene Untersuchungen zu dem Thema an, während der Brucker Landkreis mit einer Idee zur Lösung aufwartet.

Wenn die S-Bahn Verspätung hat, lässt sie spontan Zughalte ausfallen, die eigentlich im Fahrplan stehen. So kann es passieren, dass ein Bahnpassagier, der nach Gernlinden will, hier nicht aussteigen kann, in der S-Bahn weiterfahren und mit dem nächsten Zug von Maisach aus wieder zurückrollen muss. Die Bahn begründete dieses Vorgehen mit der Absicht, Verspätungen wieder einzuholen.

Nach entsprechenden Berichten im Tagblatt und im Münchner Merkur wandte sich Landrat Thomas Karmasin im August an die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Fahrplan bestellt und den Freistaat Bayern vertritt. „Als Landrat eines Landkreises, auf dessen Gebiet drei S-Bahn-Linien zu 16 S-Bahnhöfen verkehren, kann ich ein solches ,Konzept’ nicht akzeptieren“, heißt es in dem Brief Karmasins an die BEG. Die Linien seien im zweitdichtest besiedelten Landkreis Bayerns elementare Verkehrsadern im Kampf gegen den Verkehrsinfarkt und sie seien das Gerüst, auf dem das Regionalbuskonzept des Kreises aufbaue. „Jeder einzelne Fall eines ausgelassenen Zughalts führt zu weiteren Verwerfungen in der Fläche und zu etwas mehr Vertrauensverlust gegenüber dem Öffentlichen Nahverkehr“, so Karmasin.

Nachdem es nahezu täglich zu Betriebsstörungen komme, würde dies bedeuten, dass auch täglich S-Bahnhöfe ohne den im Fahrplan vorgesehenen Halt durchfahren würden, kritisiert Karmasin in seinem Schreiben, auf das die BEG mittlerweile geantwortet hat. Daraus geht nun hervor, dass die Eisenbahngesellschaft den Ausfall von Zughalten für kein probates Mittel hält, um Verspätungen auszugleichen.

Die DB Regio habe die geschlossenen Verträge zu erfüllen. Dazu gehöre auch die pünktliche Bedienung aller Halte, zitiert der Kreis-Nahverkehrsexperte Hermann Seifert auf Tagblatt-Anfrage aus dem Antwortschreiben der BEG an Karmasin. Aus dem Versuch der BEG, entsprechende Fragen des Landrats zu beantworten, geht außerdem hervor, dass es im ersten Halbjahr 2016 im ganzen S-Bahnnetz (nicht betroffen sind nur die S 1 und die S 7) 14 Durchfahrten je Monat gegeben habe. Sprich: In diesem Jahr sind 84 Haltepunkte ausgelassen worden, die eigentlich angefahren hätten werden müssen.

Thomas Karmasin

Wie die BEG in ihren Antworten weiter beteuert, gebe es keine Fahrpreisnacherhebung, wenn ein Fahrgast ohne eigenes Verschulden durch den Halt-Ausfall in einen anderen Ring gelange, als in den, für den er bezahlt. Sollte ein Fahrgast ein Taxi brauchen, wenn er eine Anschlussverbindung verpasse, werde die Übernahme der Kosten auf Kulanzbasis entschieden, heißt es bei der BEG. Grundsätzlich sei diese Frage aber nicht definiert. Trotzdem wolle man sich großzügig zeigen.

Desweiteren sieht die BEG keinen Finanzvorteil für die Bahn durch das Vorgehen, was Karmasin unter dem Verweis auf den Wegfall der Verspätungsbestrafung befürchtet hatte. Zwar spart sich die Bahn die Strafe fürs Zuspätkommen. Gleichzeitig aber kürzt die BEG die Zahlungen an die Bahn, wenn Halte ausfallen.

Sprich: Geld spart sich die Bahn durch die Ausfall-Taktik eher nicht, es geht wohl wirklich nur um das Aufholen von Verspätungen. Die Eisenbahngesellschaft kündigt in ihrem Schreiben an, untersuchen zu wollen, ob es geeignete Mittel zur Problemlösung gibt. Der Landkreis Bruck seinerseits schlägt vor, die alten ET 420-Züge einzusetzen. Bei Störfällen auf den Außenästen könnten diese für Entlastung sorgen.

Ebenfalls tätig geworden ist der SPD-Landtagsabgeordnete Herbert Kränzlein. Wie er berichtet, hat er selbst zwei Halte-Ausfälle in Puchheim erlebt. Auch aus der Antwort auf sein Schreiben – Kränzlein wandte sich an die der BEG vorgesetzte Staatsregierung – geht hervor, dass der Freistaat das Vorgehen der Bahn ebenfalls für kein probates Mittel hält. Kränzlein bemängelt in diesem Zusammenhang, dass die Umsetzung der zweiten Stammstrecke der Planung hinterherlaufe. „Die Fahrgäste haben bald keine Geduld mehr.“

Die Ausfälle sollen auch im zuständigen Planungsausschuss des Kreistags am 19. September öffentlich besprochen werden.

Initiative will sich an Minister wenden

Mammendorf, Maisach, Olching und Gröbenzell sind direkt von den ausgefallenen Zughalten der S 3 betroffen. Sie haben eine Initiative gegründet, der sich jetzt auch die Münchner Stadtteile Lochhausen und Langwied angeschlossen haben. Die Entscheidung im Bezirksausschuss (BA), einem Stadtteilparlament, das in einigen Bereichen etwa einem Gemeinderat entspricht, fiel einstimmig dafür aus. Der BA-Vorsitzende Sebastian Kriesel (CSU) hatte im Vorfeld mit Alfred Beheim aus Hattenhofen, dem Geschäftsführer vom „Verkehrsausschuss der nordwestlichen Gemeinden des Landkreises Fürstenfeldbruck“, Kontakt aufgenommen. Man war sich einig, dass das Vorgehen der Bahn nicht hinnehmbar sei.

Jeder S-Bahnnutzer zahle den vollen Preis. „Da kann er auch volle Leistung erwarten.“ Zudem sollten Bürger aus Umweltgründen auf Öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Das werde ad absurdum geführt, wenn dieses Verkehrsmittel nicht funktioniere. „Dann sind wieder die Straßen mehr belastet.“ Die Initiative will sich nun an Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wenden.


Thomas Steinhardt

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