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Am Sonntag im Live-Ticker: Abstimmungs-Hürde für Olympia

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Garmisch-Partenkirchen - „Ja“ oder „Nein“: Die Münchner Bewerbung um Olympia 2018 steht am Sonntag beim Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen am Scheideweg. Bei uns erfahren Sie alles im Live-Ticker!

Der Vergleich mit Stuttgart 21 hinkt – sogar gewaltig. Keine Demonstranten, kein Mammutaufgebot von Polizisten, keine Verletzten. In Garmisch-Partenkirchen gab es nichts dergleichen – außer einer anonymen Morddrohung gegen den Kopf der Olympia-Kritiker, einer eingeschlagenen Autoscheibe und beschmierten Ski-WM-Maskottchen.

Gut: Da ist der Graben, der sich durch den Ort zieht – ein bisschen wie im Ländle. Am Fuße der Zugspitze geht es dafür persönlicher zu. Der Protest gegen Stuttgart21 spielt sich ja großteils auf offener Straße ab. In Garmisch-Partenkirchen dagegen streiten die Leute an den Stammtischen über die Olympischen Winterspiele 2018 – oder im Supermarkt. Noch ein Unterschied: In Stuttgart diskutieren sie noch darüber, ob das Volk abstimmen soll. In Garmisch-Partenkirchen passiert das schon an diesem Sonntag: Da ist Bürgerentscheid – 59 Tage vor dem Votum des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er soll klären, wie die Marktgemeinde zu Olympia steht.

Für die Olympia-Befürworter geht es am Sonntag um alles oder nichts. Sprechen sich die Bürger gegen die Spiele aus, hätte sich die Münchner Bewerbung wohl erledigt. Fällt Olympia beim Entscheid durch, hätte NOlympia gesiegt.

Es wäre der Triumph des Axel Doering, 63. Den Förster kennt in Garmisch-Partenkirchen jeder – nicht erst, seit er Frontmann von NOlympia ist. Doering, SPD-Kreisrat und Chef der Ortsgruppe des Bundes Naturschutz, hat sich im Oberland als streitbarer Geist einen Namen gemacht. Er kämpft für die Natur, für die Heimat, gegen deren Ausverkauf. Er ist kein Vertreter der Wut-Bürger, wie sie in Stuttgart mobil machen. Doering ist eher ein Mut-Bürger.

Er bietet dem IOC die Stirn – und verlangt, dass die Verträge, die es bereits mit den Bewerbern geschlossen hat, überprüft werden, vom Juraprofessor Heinrich Amadeus Wolff. Doering erinnert daran, dass selbst Münchens OB Christian Ude die IOC-Verträge einst als „Zumutung“ bezeichnet hatte.

Doering gilt als unbequem – und als beseelt von der Idee, die Umwelt im derzeitigen Zustand zu erhalten. Deshalb kämpfte er gegen die Amtstrasse des Kramertunnels, gegen die er vor Gericht zog und verlor, fand Einwände gegen die Kandahar-Abfahrten bei der alpinen Ski-WM. Sein Ruf ist bei seinen Kritikern schlecht: Doering, heißt es, sei immer gegen alles.

Sein Kampf gegen die Spiele und das mächtige IOC hat ihm allerdings in Kreisen Sympathien verschafft, die mit einem Sozi nur selten was am grünen Hut haben. Grundstückseigentümer, die sich von der Bewerbungsgesellschaft schlecht behandelt fühlen, entdeckten plötzlich Schnittmengen.

Die Parteien eint das Nein zu Olympia – aus ganz unterschiedlichen Gründen. „Wir wollen dasselbe, weil wir wissen, dass Olympia zu groß ist für unser kleines Tal“, sagt Doering. Dass es Bauern in Garmisch-Partenkirchen gibt, die nicht daran denken, ihren Grund für Olympia herzugeben, ignorierte die Politik. „Die planten einfach drauf los“, schimpft Doering. Das „undemokratische“ Vorgehen war Wasser auf die Mühlen von NOlympia.

Die Last, die auf Doerings Schultern liegt, ist groß. Er muss darauf achten, dass unter der Kampagne nicht sein Beruf leidet. „Nach dem Winter gibt es für einen Förster im Gebirge immer viel zu tun.“ Deshalb schob er am vergangenen Sonntag Dienst in seinem Revier, um in der entscheidenden Woche Luft zu haben. Vor allem das Medieninteresse hat enorm zugenommen. Zuletzt wollten mindestens sechs Journalisten pro Tag von ihm mit griffigen Sätzen bedient werden. Doering versteht es, sich und sein Anliegen zu verkaufen. „Ich mache das gerne.“ Aber: Alle Argumente sind ausgetauscht. „Die meisten haben sich entschieden. Ich glaube nicht, dass wir zuletzt noch einen von der Gegenseite überzeugen konnten.“ Trotzdem ordnet er alles dem Bürgerbegehren unter. Eine geplante Reise mit Frau und Freunden am Wochenende nach Venedig hat er jetzt doch verschoben. Er fährt erst nach der Entscheidung. „Es ist wichtig, dass ich am Sonntag vor Ort bin.“

Ein gefragter Gesprächspartner bei Presse, Funk und Fernsehen ist auch Peter Fischer, 57, Doerings Pendant bei OlympiJa. Fischer genießt in Garmisch-Partenkirchen hohes Ansehen. Er machte als Vorsitzender des SC Garmisch den Verein zum erfolgreichsten Ski-Club Deutschlands, holte die WM 2011 in den Ort. Er wirkt nach außen ganz hart, ist aber ein empfindsamer Mensch. Als sein erster Versuch, die WM nach Garmisch-Partenkirchen zu holen, 2004 misslang, flossen in Miami Tränen der Enttäuschung. 2006, als man in Vilamoura (Portugal) den Zuschlag erhielt, flossen Tränen der Freude. 

 In der Sache freilich zeigt er sich kompromisslos. Was er sich in den Kopf gesetzt hat, zieht er durch. „Ich bin im Sternzeichen Jungfrau und damit Perfektionist“, sagt er. Damit ist er immer gut gefahren. Jüngster Beweis: Die Ski-WM, deren Organisations-Chef er war, verbuchte fünf Millionen Euro Überschuss.

Fischer und Doering, beide ähnlich gestrickt, kennen sich, weil sie bei einigen Projekten miteinander zu tun hatten – und dabei auf unterschiedlichen Seiten standen. Und sie schätzen sich. „Er hat mich noch nie angelogen“, sagt Doering. „Ich achte ihn, weil er zu seiner Meinung steht und sich nicht verbiegen lässt“, lobt Fischer. Als sicher war, dass es einen Bürgerentscheid geben wird, beschlossen die beiden, wie gesittete Mitteleuropäer miteinander umzugehen. „Alles muss sich oberhalb der Gürtellinie abspielen“, befand Fischer. „Daran haben wir uns gehalten“, betont Doering.

Die Haltung der Frontmänner hat der Debatte das Unversöhnliche genommen. „Wir wollen nach dem 8. Mai hier weiter miteinander leben“, betont Fischer. Die eigenen Leute von OlympiJa kreiden ihm an, er habe kein rechtes Feindbild. Eine konkrete Vorstellung, wie wichtig Olympische Spiele 2018 für Garmisch-Partenkirchen sind, vor allem bei Infrastrukturmaßnahmen und Ortsentwicklung, hat er schon. „Wenn Garmisch-Partenkirchen aus den Olympiaverträgen aussteigt, wie NOlympia das will, haben wir verloren. Die Zuschüsse, die wir wegen Olympia bekommen, bekommen wir ohne die Spiele nicht.“ Der Wank- und Kramertunnel, die Umfahrung Oberau – Projekte, die nötig sind, die die Region vom Schwerlastverkehr befreiten, aber ohne Olympia auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben würden. Auch die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke steht und fällt womöglich mit dem Olympia-Entscheid. Das hat Bundesverkehrminister Peter Ramsauer (CSU) noch einmal deutlich gemacht, allerdings widersprach ihm sogleich sein Parteichef Horst Seehofer.

Es heißt übrigens, Seehofer und DOSB-Chef Thomas Bach höchstselbst hätten sich für Fischer als Vorkämpfer stark gemacht, nachdem die Bewerbungsgesellschaft und die Politik bei einigen Bevölkerungsgruppen durch rüdes Vorgehen verbrannte Erde hinterlassen hatten. Fischer spricht die Sprache der Einheimischen, nimmt deren Sorgen ernst. „Die wollen wissen, was passiert mit mir, mit der Region, mit meinem Ort? Das will ich auch, das ist ihr gutes Recht.“ Der Grundstücksstreit um die für die Spiele benötigten Freiflächen allerdings schwelt noch. Laut Bewerbungsgesellschaft geht es nur noch um eine Fläche, für die übrigen gebe es Alternativen. Ludwig Seitz, Anwalt einiger Grundstücksbesitzer, nennt das eine Schutzbehauptung.

Dass Garmisch-Partenkirchen in der Lage ist, eine Großveranstaltung zu stemmen, hat man mit der Ski-WM bewiesen. Die Festspiele im Schnee trimmten den Ruf des Olympiaortes von 1936 auf modern und weltoffen. Auch zeigte man, dass man wirtschaften kann. Die Gesetze des Wirtschaftens gälten unabhängig davon, „ob man mit 400 oder 40 Millionen Euro hantiert“, sagt Fischer. Doering warnt derweil vor finanziellen Risiken, der Klimaerwärmung, gedankenlosen Eingriffen in die Natur – und vor Gigantismus. „Man muss sich fragen, warum Sportanlagen für viel Geld aus dem Boden gestampft werden und nach den Spielen wieder plattgemacht werden, wenn es in Oberstdorf WM-taugliche Loipen und in Ruhpolding ein Biathlon-Stadion gibt.“

Gut möglich ist freilich, dass die ganze Aufregung auch nach dem Bürgerbegehren nicht abreißt. Selbst bei einem Erfolg von OlympiJa darf weiter gezittert, gebangt und gehofft werden. Am 6. Juli vergibt das IOC beim Kongress in Durban (Südafrika) die Winterspiele 2018. Münchens Mitbewerber sind Annecy (Frankreich) und das südkoreanische Pyeongchang. Für Horst Vetten, Berichterstatter von vielen Olympischen Spielen, steht der Sieger schon fest. „Pyeongchang“, nennt er das „Stummwort für alle Palaverer“.

Peter Reinbold

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