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Anerkannter Asylbewerber: Rawi Alazar (Mitte) im Kreise von (v. l.) Vermieter Josef Weiß und den ehrenamtlichen Helfern Hannes Wolf, Klaus Tappe und Christa Wolf.

Sorge um seine Familie in Damaskus

Syrischer Christ hofft und bangt

Mittenwald - Rawi Alazar ist seit Januar anerkannter Flüchtling und hat eine eigene kleine Wohnung in Mittenwald gefunden. Seine größte Sorge nun: Seine Familie, die er im gefährlichen Damaskus zurück lassen musste und nun ins Isartal holen will.

Es war Anfang Juni 2015, als es dem Architekten Rawi Alazar zu viel wurde. Seine Wohnung in einem mehrstöckigen Hochhaus in der syrischen Hauptstadt Damaskus drohte jederzeit von Bomben zerstört zu werden. „Zwei- bis dreimal täglich gibt es Explosionen in der Stadt“, bestätigt der Vater von drei Kindern. Zudem sind Alazar und seine Frau Christen. Nicht nur der Islamische Staat (IS) verfolgt sie deshalb, auch andere islamistische Gruppierungen bekämpfen diese Minderheit in Syrien. Zudem verfügt seine Frau über Schulbildung, was sie zu obendrein zur Zielscheibe selbsternannter Gotteskrieger macht. Kräftiger und zäher als seine Frau und seine drei Buben machte er sich deshalb nach 43 Jahren in Damaskus auf den Weg nach Europa. Wo genau es ihn hin verschlagen würde, wusste er bei Beginn seiner Flucht noch nicht.

Mit dem Auto reiste er von Syrien nach Libanon. Von dort nahm der angesehene Architekt ein Flugzeug in die Türkei. Dann ging es zu Fuß weiter, ehe er am Mittelmeer in ein Boot einsteigen musste. Ende Juli 2015 kam er in der Erstaufnahme-Station Deggendorf an und fand vorerst in Miesbach eine Bleibe. Für ihn die schlimmste Zeit. „Ich war mit 300 anderen Flüchtlingen zwei Wochen lang in einer Turnhalle untergebracht.“

Seit wenigen Wochen Status als anerkannter Flüchtling

Anfang September ging’s für ihn schließlich nach Mittenwald – genauer gesagt: in die umfunktionierte Ferienwohnung am Weidenweg. „Ich hatte meinen Pass die ganze Reise über dabei.“ Vor wenigen Wochen wurde Alazar deshalb schwarz auf weiß als Flüchtling anerkannt, da er wirklich einer bedrohten Minderheit angehört, in deren Umgebung tatsächlich Krieg geführt wird. Keine wirtschaftlichen Gründe trieben ihn.

Nun sitzt Alazar in seiner 36 Quadratmeter großen Wohnung in der Nähe der Hochstraße. 30 Kilo hat er abgenommen seit seiner Flucht im Juni 2015. Jedem Besucher bietet er Kekse oder Nüsse an, zu trinken gibt’s dunkles Bier oder schwarzen Tee. Kein Gast bleibt unbewirtet lautet die Devise. „Diese Gastfreundschaft ist fast schon ein wenig nervig“, meint Klaus Tappe vom freiwilligen Helferteam augenzwinkernd. „Darauf bestehen sie aber.“ In Syrien sei das nämlich ganz normal. „Wenn Freunde zu Besuch kommen, wird immer viel getrunken und gegessen.“ Bei der Arbeit ist dann das Gegenteil der Fall.

Alazar ist auf Job-Suche

Doch trotz aller Freude und Freundlichkeit schwingt arge Wehmut in Alazars Stimme mit. Seine Familie ist immer noch in Syrien. Er wüsste sie gerne bei ihm in Sicherheit. Doch der Familien-Nachzug für Syrer ist alles andere als einfach. Erst vorgestern verkündete die Bundesregierung, Flüchtlingen aus Syrien nur mehr „subsidiären Schutz“ zu gewähren. Das bedeutet „zeitlich begrenzt und ohne Familiennachzug“.

Eine bürokratische Mammut-Aufgabe steht also bevor. „Meine Familie muss zuerst von Syrien nach Libanon in die deutsche Botschaft. Denn in Syrien gibt es keine mehr.“ Dort angekommen, müssen sie Formulare ausfüllen und sich offiziell für den Nachzug nach Deutschland anmelden. „Es wird Monate über Monate dauern, bis wir da was hören“, weiß Tappe. Während dieser Zeit der Unwissenheit ist Alazar weiterhin auf Job-Suche. Denn wie die Entscheidung letztlich auch ausfallen wird, für den Syrer ist klar: „Nur wer arbeitet, hat auch Freude im Leben.“

Josef Hornsteiner

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