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"Wir dachten, wir werden erschossen"

Anschlag in Nizza: So erlebten ihn zwei Schülerinnen

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Garmisch-Partenkirchen - Der Schreck sitzt ihnen noch in den Gliedern. Elftklässler des Werdenfels-Gymnasiums waren zum Zeitpunkt des Anschlags von Nizza dort auf Studienfahrt. Zwei Schülerinnen erzählen über die Stunden der Angst. 

Sie saßen beim Essen in einem Restaurant, in einer Nebenstraße der Strandpromenade. Sie ratschten, lachten, ließen ihren letzten Abend in Nizza gemütlich ausklingen. Bis die Panik ausbrach, eine Frau mit ihren Schuhen in den Händen an ihnen vorbeilief und rief „Shooting, shooting!“ Sofort forderte ein Kellner die acht Schüler der Q11 des Werdenfels-Gymnasiums Garmisch-Partenkirchen auf, sich zu verstecken. Ein Teil in der Küche, die anderen lagen aufeinandergestapelt in der Toilette, ein Klassenkamerad schützend über ihnen. Ohne zu wissen, was eigentlich genau passiert war. Aber sie zählten eins und eins zusammen: Frankreich, Nationalfeiertag, Schüsse – ein Anschlag. „Wir dachten, wir werden erschossen“, sagt Jessica Ludwig.

Können wieder lachen: Katharina Mayer (l.) und Jessica Ludwig waren zum Zeitpunkt des Attentats in Nizza.

Sie ist eine der 24 Jugendlichen, die in Nizza auf Studienfahrt waren. Ebenso wie Katharina Mayer. Die Mädchen, beide 17 und aus Garmisch-Partenkirchen, wirken gefasst. „Wir haben alles schon rausgeheult“, sagt Mayer. Doch ihre persönlichen Bilder von der Tragödie, bei der ein Mann mit einem Lkw über die Strandpromenade raste und über 80 Menschen tötete, spielen sich immer wieder vor den Augen der beiden ab.

Es war kurz nach 22.30 Uhr als ihr Essen ein abruptes Ende fand. Beide wissen nicht mehr, wie lange sie in der Toilette ausgeharrt haben. Die Mädchen konzentrierten sich darauf, ruhig zu bleiben. Nicht wie eine ihre Klassenkameradin zu schreien. „Die hat hyperventiliert“, sagt Mayer. Ein Kellner schüttete ihr ein Glas Wasser ins Gesicht. „Die waren total ruhig.“

Bewaffneter Polizist schreit sie an: "Run and hide!"

Von ihnen erhielten sie später auch den Tipp, zu Fuß zum Hotel zu gehen. Sie befolgten den Rat, liefen Richtung Unterkunft. Mit einer Ausnahme. Einer aus ihrer Gruppe brach zum Strand auf, stieß dann wieder zu ihnen und berichtete von den Leichenwagen und Militärtransportern. Die Nachricht kaum verdaut, folgte der nächste Schreckmoment. „Ein Wagen kam auf dem Gehweg auf uns zugerast“, erinnert sich Mayer. Ein bewaffneter Polizist stieg aus, brüllte: „Run and hide! (übersetzt: Lauft und versteckt Euch!). Zu diesem Zeitpunkt wusste die Gruppe immer noch nicht so recht, was eigentlich los ist. Aber „wir sind gerannt wie die Blöden“. Nicht nur sie. „Alle Menschen auf der Straße sind durchgedreht.“

Erst in ihrem Hotel, abseits des Zentrums, fühlten sie sich sicher. „Dort sind alle zusammengeklappt“, sagt Mayer. Die Tränen flossen. Ihre Lehrer waren ebenfalls schon im Hotel, nur ein paar Klassenkameraden fehlten noch. „Wir saßen wie auf heißen Kohlen“ – obwohl die Lehrkräfte schon Kontakt zu allen Schülern hatten. Die Jugendlichen untereinander hatten sich gleich nach dem Anschlag per WhatsApp-Gruppe vernetzt. Gewissheit kehrte allerdings erst nach drei Stunden ein, als schließlich alle 24 wieder vereint waren.

Ein Auge hat Ludwig in dieser Nacht nicht zubekommen. Sie war zu aufgewühlt. Mit ihrer Mutter hatte sie schon in der Toilette gesprochen. „Ich wollte nur noch heim.“ Den Besuch im Chagall-Museum, der für Freitagfrüh geplant war, haben die Jugendlichen abgeblasen, um so schnell wie möglich in die Heimat zurückzukehren. „Während der Busfahrt war es ziemlich leise“, sagt sie. Immer mal wieder weinte jemand.

Schule bietet Raum zum Rückzug

Langsam realisieren die Mädchen, welches Unglück sie miterlebt haben. Das Wochenende verbrachten sie zum größten Teil zuhause, im behüteten Umfeld. Am Sonntag traf sich die Klasse. Sie wollte den Abend nachholen, den sie am Donnerstag geplant hatte. Das klappte nur bedingt. Auch dort kullerte so manch eine Träne. Aber die Schüler haben etwas gelernt. Anstelle sich über Lapalien aufzuregen, sagt Mayer nachdenklich, „gibt es viel Wichtigeres“.

Für die Schule heißt es nun, den Jugendlichen zur Seite zu stehen. Deshalb hat Direktor Tobias Schürmer psychologische Betreuung organisiert, die jeder in Anspruch nehmen kann. Außerdem soll ein Raum für die ganze Q11 zur Verfügung stehen, in den sich die Gymnasiasten zurückziehen oder ihre Gedanken in ein Buch schreiben können. „Jeder geht damit anders um“, sagt Schürmer. Wachsamkeit sei jetzt ganz wichtig.

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