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Helfen, wo geholfen werden muss: die Gefreiten Max Steeg (l.) und Mert Yilmaz.

Beide bewiesen Zivilcourage

Soldaten aus Mittenwald vollbringen Heldentat bei Messerattacke im ICE

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Zwei junge Soldaten aus Mittenwald haben beherzt eingegriffen, als ein Mitreisender in einem Zug bei einer Messerattacke schwere Verletzung erlitt. Sie leisteten Erste Hilfe und halfen dabei, den Angreifer zu überwältigen. Für ihre Zivilcourage hat die Bundeswehr beide ausgezeichnet.

Mittenwald/Aschaffenburg – Dieses Mädchen. Es geht Mert Yilmaz nicht mehr aus dem Kopf. Wie es bitterlich weinte. Mit ihren gerade mal sieben Jahren musste die Kleine es mit eigenen Augen sehen: die Messerattacke, das viele Blut. Die Schreie hören. Die Panik spüren. Yilmaz sagt: „Das hat mir im Herzen wehgetan.“

Selbst gut drei Monate nach dem Angriff im ICE kann sich der Soldat des Mittenwalder Gebirgsjägerbataillons 233 noch detailliert daran erinnern. Die Bilder – eingebrannt in sein Gedächtnis. Yilmaz und sein Kamerad Max Steeg, beide 20, erlebten den schrecklichen Zwischenfall nicht nur am Rande mit, sie griffen ein – und wurden zu Helden.

Die beiden damaligen Gefreiten saßen in dem Zug. Steeg auf dem Weg nach Oelsberg, Yilmaz nach Frankfurt am Main, um zuhause den Osterurlaub zu verbringen. Bis ihre Heimreise gegen 17.45 Uhr ein abruptes Ende nahm. Ein stark alkoholisierter Mann hatte einem 27-Jährigen Briten ein Messer in den Hals gerammt.

Für die Soldaten hieß es Handeln - eine Uniform steht für Autorität 

Yilmaz bekam von der Tat nichts mit. Er schlief in einem anderen Waggon. Bis ihn Steeg weckte. Vor ihm stand das Opfer, es drückte sich die Wunde ab, hinter ihm brach die Panik aus. „Alle begannen zu packen“, erzählt der jetzige Obergefreite. Eine Frau schrie, dass der Mann mit einem Messer attackiert wurde. Ein Schock für Yilmaz. Fünf Sekunden lang, sagt er, konnte er nichts denken. Blackout. Doch die Passagiere visierten ihn an. „Eine Uniform steht für Autorität“, sagt der Soldat. Die Menschen erwarteten ein Handeln – von ihm und seinem Kameraden.

Diese Rolle war ihm fremd. „Ich bin nicht für das zivile Leben gerüstet.“ Doch die zwei Gebirgsjäger agierten richtig, legten den Briten auf den Gang, versorgten dessen Wunde mit einem Druckverband, den sie zufällig im Gepäck hatten. „Er blutete heftig“, erzählt Yilmaz. Das Messer hatte nur knapp die Halsschlagader verfehlt. Ein Arzt, ebenfalls Bahnkunde, eilte hinzu, übernahm das Medizinische. Steeg unterstützte ihn weiter. Yilmaz blieb nicht untätig. Er evakuierte mit einem mitreisenden Polizisten die Passagiere, beruhigte die Menschen und suchte den Täter. Ohne Genaueres zu wissen. War es ein Angriff? War es ein Attentat? Doch Yilmaz funktionierte. Obwohl auch er noch nie direkt in so eine Situation verwickelt gewesen war.

Fünf Minuten etwa dauerte es, bis der Zug im Aschaffenburger Bahnhof stoppte. Nach der Einfahrt hielten Yilmaz und der Polizist den Weg für die Rettungskräfte frei und halfen den Polizisten, den Angreifer zu überwältigen.

Der Anblick des Täters frisst sich in die Erinnerung 

Der Moment, als er den Täter – nach Angaben der Ermittler ein 43-jähriger Niederländer, der sein Opfer nicht kannte – erblickte, fraß sich ebenfalls in seine Erinnerung. Weil die Leute sich nicht von ihm entfernten. Sie waren starr vor Angst. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt der Soldat, „dass man vor einem Bewaffneten stehen bleibt.“

Der Brite wie auch der Niederländer, der über gesundheitliche Probleme klagte, kamen ins Krankenhaus. Bereits einen Tag später erließ eine Ermittlungsrichterin gegen den Angreifer Haftbefehl wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Anzeichen für einen politischen oder terroristischen Hintergrund habe es laut den Behörden nicht gegeben. Das Opfer war noch am selben Abend außer Lebensgefahr.

Die beiden in Mittenwald stationierten Soldaten konnten trotz der erfolgreichen Festnahme nicht gleich nach Hause. Sie mussten warten, bis die Spurensicherung kam. Eine Frau wich ihnen nicht von der Seite. „Weil sie Angst hatte“, sagt Yilmaz. Die beiden jungen Männer kümmerten sich um sie. Und um die anderen ICE-Passagiere. „Wir haben die Leut’ mit Wasser versorgt und beruhigt.“ Sie ließen sie nach diesen Szenen nicht im Stich. Irgendwann, zu späterer Stunde, waren auch sie erlöst. Yilmaz wurde abgeholt, Steeg stieg ins Taxi. Der Zugverkehr auf dem betreffenden Gleis stand bis etwa 22 Uhr still.

Beide bewiesen Zivilcourage und soldatische Tugend

Von ihrer Glanztat erfuhr das Bataillon schnell. Wegen der Meldepflicht. Yilmaz kontaktierte seinen Vorgesetzten. „Er war glücklich, dass wir so gehandelt haben“, schildert er die Reaktion des Hauptmanns.

Die beiden bewiesen Zivilcourage und soldatische Tugend. Für ihren Mut und Einsatz zeichnete sie ihr Kompaniechef mit einer förmlichen Anerkennung und zwei Tagen Sonderurlaub aus. Oberstleutnant Björn-Ulrich Kohlbach ist voller Stolz: „Hier zeigt sich, dass es in einer Gesellschaft, in der der Fokus leider immer mehr auf dem persönlichen Bereich liegt und in der das Hilfeleisten keine Selbstverständlichkeit mehr ist, noch Menschen gibt, die im Notfall ihr persönliches Heil hinten an stellen und helfen, wo geholfen werden muss“, teilt der Kommandeur des Mittenwalder Bataillons mit.

Die Wertschätzung, die den Soldaten entgegengebracht wird, freut sie. Beide wollen ihr Handeln aber nicht zu hoch hängen. „Es war selbstverständlich“, sagt Steeg, „dass wir unserer moralischen Pflicht nachkommen.“ Die Männer würden immer wieder so vorgehen.

Kalt gelassen hat die Messerattacke Yilmaz aber nicht. Dass betrunkene Menschen in den Zug einsteigen, betrachtete er früher als normal. Er dachte sich nichts dabei. Kommt eben vor. Heute sieht er das anders. „Ich bin hellhöriger.“ Die Attacke hinterließ bei ihm Spuren – wie das Bild des kleinen weinenden Mädchens.

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