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Insel-Idylle: 2006 kommt erster Auerochsen-Nachwuchs auf die Welt -  Adrianus, hier mit seiner Mutter Nostra. 

Staffelsee

Auerochsen auf der Insel Wörth abgelöst

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Seehausen - Aus, Schluss, vorbei: Die kurze Ära der Auerochsen auf der Staffelsee-Insel Wörth ist zu Ende. Pächter Michael Weiß kapitulierte letztlich vor den für ihn schwierigen Rahmenbedingungen. Jetzt kommen als tierische Landschaftspfleger Murnau-Werdenfelser Rinder sowie Ziegen und Schafe zum Einsatz.

Als im Dezember 2005 die Fähre eine Herde Heckrinder auf die Insel Wörth transportierte, startete ein Pilot- und Vorzeige-Projekt, das auf riesiges öffentliches Interesse stieß: Die Tiere, landläufig (unzutreffend) als Auerochsen bezeichnet, übernahmen im Dienste der Bayerischen Schlösserverwaltung ganzjährig die Landschaftspflege. Als wildlebende, natürliche Rasenmäher sollten sie die Wiesenflächen vor dem Verbuschen bewahren. Die imposanten Rinder im Inselidyll bildeten einen Anziehungspunkt, galten als Attraktion. 2006 wurde das erste Kälbchen, Adrianus, geboren. 

Trotz der Anfangs-Euphorie: Die Auerochsen-Ära dauerte keine zehn Jahre. Als sich der frühere Züchter und landwirtschaftliche Insel-Pächter Walter Frisch, heute 80, „aus Altersgründen“ zurückzog und 12 seiner 18 Tiere Anfang 2014 an seinen Nachfolger, Bio-Bauer Michael Weiß aus Schöffau, verkaufte, war bereits klar, dass Weiß die Zahl der Heckrinder weiter reduzieren und dafür auch die Rasse der Murnau-Werdenfelser auf der Wörth ansiedeln wird.

Er sei das Auerochsen-Projekt „mit Euphorie angegangen“, sagt Weiß (30), aber „schnell sehr ernüchtert“ gewesen. Dieses habe sich, was Tierhaltung und finanzielle Aspekte angeht, um „eine absolute Katastrophe“ gehandelt. Weiß setzten die gesetzliche Bestimmungen, Auflagen und Rahmenbedingungen zu. Eine Weideschlachtung war ihm vorgeschwebt, aber versagt geblieben. Es galt, die scheuen Tiere einzufangen, zu impfen, zu narkotisieren, Blutproben zu nehmen. Beim Verladen musste Weiß betäubte Rinder nach eigenen Worten per Bulldog auf einen Hänger ziehen. „Das hatte nichts mit Landwirtschaft und Tierhaltung zu tun.“ Zudem spricht er unter anderem von Inzucht in der Herde und Totgeburten. 2015 verließen die letzten fünf Auerochsen die Wörth, vier habe er „verschenkt, kein Metzger wollte sie haben“. 

Auch Alexander Laar meint: „Letztlich ist das Auerochsen-Projekt an den Auflagen des Veterinäramts gescheitert.“ Seiner Meinung nach hätte man die Heckrinder eher wie Damwild, das auf der Weide geschossen werden dürfe, behandeln müssen, doch die Behörde habe vorgegeben, diese wie normale Hausrinder zu handhaben. „Und das geht nicht“, meint der stellvertretende Amtsvorstand der für die Wörth zuständigen Schloss- und Gartenverwaltung Linderhof. Frisch sei Auerochsen-Liebhaber gewesen, „er hat die Sache nicht so professionell betrieben wie ein Landwirt“, der Einzeltiere austausche, um die Zuchthygiene zu gewährleisten. Laar hält nüchtern fest: „Die Auerochsen haben ein traumhaftes Bild abgegeben. Diese tollen, archaischen Tiere haben zur Landschaft der Insel super gepasst. Aber wenn man von amtlicher Seite Prügel zwischen die Beine bekommt, zieht man sich halt zurück.“

Landratsamts-Sprecher Stephan Scharf betont, Heckrinder lebten frei wie Wildtiere, „unterliegen aber bei der Seuchenhygiene und Schlachtung den selben Gesetzen wie die anderen landwirtschaftlichen Haustiere“. Die Wörth-Bewirtschaftung sei aus verschiedenen Gründen mit erhöhtem Aufwand verbunden – und alle Handlungen seien auf der Insel und von der Insel aus mit diesen halbwilden Tieren nur sehr schwierig vorzunehmen.

Mittlerweile geht Weiß in Absprache mit der Schloss- und Gartenverwaltung neue Wege auf der Wörth. Er startete ein alternatives Projekt – mit 20 Murnau-Werdenfelsern, die wie auf einer Alm im Sommer auf der Insel weiden (derzeit im Süden, dann im Mittelteil und zuletzt auf der Ostseite) sowie 20 Passeirer Gebirgsziegen und 35 weißen Bergschafen, die in dieser Woche zurückkehren auf die Wörth. Seine Idee: Die Rinder fressen auf den Grünflächen, die Schafe zwischen den Uferbereichen und die Ziegen halten Stauden niedrig. „Sie werden kontrolliert in gewisse Bereiche mit Verbuschung gesperrt“, erklärt Weiß. Das klappte bislang „sehr gut“ – auch wenn dieses System ihm etwas mehr Arbeit beschert.

Das Landratsamt geht davon aus, dass durch die Beweidung mit Murnau-Werdenfelser Rindern, Schafen und Ziegen sich „eine noch gezieltere Pflege und Kontrolle der Gehölzentwicklung erreichen lässt“.

Ex-Halter Frisch bedauert das Heckrinder-Aus auf der Wörth – doch ein Relikt bleibt bei Bad Tölz bestehen: In Nantesbuch leben in einem Projekt noch mehrere der Tiere, die einst auf der Staffelsee-Insel einen so imposanten Anblick geboten hatten.

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