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Ende der 1930er Jahre errichtet: die heutige Werdenfelser Kaserne. Ab Herbst 1939 waren dort polnische Kriegsgefangene interniert.

Aufarbeitung soll "keine Anklageschrift" werden

Murnau – Ein Wissenschaftler ist gerade dabei, Bauten und Projekte zu erfassen, die in der Nazizeit in Murnau entstanden sind oder geplant waren. Nächstes Jahr soll die Dokumentation vorliegen. Das Vorhaben soll dazu dienen, die Jahre 1933 bis 1945 besser zu verstehen.

Dr. habil. Christoph Hölz ist vom Fach. Er ist stellvertretender Leiter des Archivs für Baukunst der Universität Innsbruck. Murnau ist nicht die erste Ortschaft, mit deren in der NS-Zeit errichteten Gebäude er sich befasst. So hat der 52-jährige Architekturhistoriker dies schon in Mittenwald getan. „Da hat man ganz handfeste Aussagen treffen können“, sagt er.

Was Murnau betrifft, ist der Privatdozent gerade am Sammeln. Mehr als 220 Bauunterlagen hat er schon ausfindig gemacht. Er recherchierte im Marktarchiv und im Staatsarchiv München. „Dort sind die ganzen Bauakten.“ 80 Stück sind noch auszuwerten. Eines kann Hölz jetzt schon sagen: „In Murnau wurde ganz stark im privaten Sektor gebaut.“ Doch nicht nur das. So wurden zwischen 1936 und 1939 die beiden Kasernen errichtet: die Artilleriekaserne (später Kemmel-Kaserne) sowie die Panzerjägerkaserne (heute Werdenfelser Kaserne). Beide Militärkomplexe zog ein Baubüro der Wehrmacht unter Leitung des Münchner Architekten Sep Ruf hoch. Zudem wurde in der NS-Zeit das Rathaus aufwändig saniert. „Das wurde konsequent angegangen“, berichtet Hölz.

Mit der Dokumentation befasste sich kürzlich auch der Arbeitskreis Geschichte des Nationalsozialismus (AK) in Murnau. Dabei stellte Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) klar, dass das Projekt „in keinem Fall zu einer Stigmatisierung führen“ werde. Marktarchivarin und AK-Sprecherin Dr. Marion Hruschka wies darauf hin, dass eine Veröffentlichung der gesamten Dokumentation nicht geplant sei. Ihr zufolge geht es um eine Bestandsaufnahme. Diese könne man eventuell auch für künftige städtebauliche Planungen nutzen. „Vielleicht weckt das Projekt auch wieder das Interesse der Eigentümer an der Gebäudegeschichte.“ Hölz will bei Bedarf mit Hausbesitzern Kontakt aufnehmen, wohl wissend, dass man da „sehr feinfühlig vorgehen“ muss.

Aus Sicht von Dr. Elisabeth Tworek (SPD) wäre interessant, „wer in dieser Zeit nach Murnau kam, was er und wie er gebaut hat“. Erfasst und dokumentiert werden Erbauungszeit, der Architekt, etwaige Besonderheiten des Stils sowie ob das Gebäude noch steht. Für den Markt Murnau erfreulich: Das Vorhaben wird aus Mitteln der Städtebauförderung mit 80 Prozent bezuschusst. Für März ist ein öffentlicher Vortrag geplant. Teile der Dokumentation sollen in die geplante Publikation über die Geschichte Murnaus von 1919 bis 1948 einfließen. Eine wissenschaftliche Einrichtung, laut Hruschka „am liebsten eine Universität“, soll den Forschungsauftrag übernehmen. Bis dato hat die Marktarchivarin eine „halbe Zusage, die sich noch nicht konkretisiert hat“. Sie hofft, bis zum Jahresende eine Entscheidung zu haben.

Beuting betonte, dass es bei der anvisierten Veröffentlichung nicht um eine „Anklageschrift“ gehe, sondern um eine „professionelle wissenschaftliche Aufarbeitung“. Gleichwohl handle es sich um einen Prozess, „der vielen weh tun wird. Es muss vieles ausgesprochen werden, was bisher nicht ausgesprochen wurde.“

Michael Manlik (ÖDP/Bürgerforum) berichtete von Bürgerstimmen, die sagen: „Ihr wollt meiner Familie was anhängen.“ Manlik unterstrich: „Es geht nicht um Schuldzuweisung. Das ist sehr wichtig.“ Die Leute sollten sich nicht angegriffen fühlen. Inga Grüttner, Vizesprecherin des Werdenfelser Bündnisses, meinte: „Man sollte nicht von Schuld sprechen, sondern von Verantwortung.“

Eines ist klar: In der Publikation werden auch Namen genannt werden. Und zwar von Personen, die in der Öffentlichkeit standen, also damals ein Amt ausgeübt haben.

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