An einem Holzstamm ist eine Holzafel befestigt mit einer Inschrift.
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Inschrift des Anstoßes: Diese Holztafel hängt am Gipfelkreuz am Hinteren Hörnle.

Gemeinde sieht keinen Grund zum Handeln

„Kriegsverherrlichend und menschenverachtend“: Aufregung um Hörnle-Gedenktafel

  • Peter Reinbold
    vonPeter Reinbold
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Ein Linken-Bezirksrat setzt die Gemeinde Bad Kohlgrub und den Gebirgs-Trachten-Erhaltungsverein Edelweiß unter Druck. Er wendet sich gegen eine Holztafel, die am Gipfelkreuz am Hinteren Hörnle hängt. Die Inschrift bezeichnet er als „kriegsverherrlichend und menschenverachtend“.

Bad Kohlgrub – Mehrere Bücher zu Rechtsextremismus und die Naziherrschaft hat Dr. Klaus Weber (60) schon geschrieben, der als Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München lehrt. Gleichzeitig ist er politisch aktiv. Weber führt die Partei Die Linke, die im Bezirkstag von Oberbayern über drei Sitze verfügt, als Fraktionssprecher. Gleichzeitig versteht er sich als Kämpfer gegen Krieg und Faschismus. In dieser Funktion hat er einen Brief an Bad Kohlgrubs Bürgermeister Franz Degele geschrieben, der vom 10. Januar datiert.

Dr. Klaus Weber zeigt sich äußert irritiert vom Verhalten der Gemeinde.

„Ein besorgter Bürger“, heißt es darin, habe ihm ein Bild einer Holztafel geschickt, die am Gipfelkreuz am Hinteren Hörne prangt. Sie lautet: „Von dieser stillen Bergeshöh grüßen wir unsere Helden, es mög ihr Geist und Opfermut niemals verwelken.“ Oben sind die Jahreszahlen 14 – 18 und 39 – 45 angebracht, die offenbar für den Zeitraum des Ersten und des Zweiten Weltkriegs stehen. Dazwischen ist ein Eisernes Kreuz eingeschnitzt. Errichtet hat die Gedenktafel, die von Eichenlaub umkränzt wird, der Gebirgs-Trachten-Erhaltungsverein (GTEV) Edelweiß Bad Kohlgrub im Jahre 1934. Um ein Original aus dieser Zeit dürfte es sich jedoch nicht handeln, da die Scheibe kaum verwittert ist.

Appell: „Kriegsverherrlichung des faschistischen Überfalls auf andere Nationen und Völker unterbinden“

Das Schreiben an Degele ging mit fast identischem Wortlaut auch an Trachtenvereinschef Anton Niklas junior. Im Besitz des Vereins befindet sich das Kreuz, das Grundstück gehört den Hörnle-Weiderechtlern. Webers Appell an Niklas und Degele, gleichzeitig Ehrenvorsitzender des GTEV: „Ich denke, dass Sie als Bürgermeister (als Vorsitzender) keinen öffentlichen Skandal um diese kriegsverherrlichende und menschenverachtende Inschrift haben wollen.“ Im Folgesatz bittet Weber den Rathauschef und Niklas, alles in ihren „Möglichkeiten liegende zu tun, um diese Kriegsverherrlichung des faschistischen Überfalls auf andere Nationen und Völker zu unterbinden“. Von Niklas wollte Weber noch wissen, ob die Holztafel „offiziell von Ihrem Verein angebracht wurde oder es sich um eine private Initiative handelt“.

Sieht seitens der Gemeinde keinen Grund, tätig zu werden: Bürgermeister Franz Degele.

In den folgenden Wochen entwickelte sich ein reger Schriftverkehr zwischen der Gemeinde Bad Kohlgrub und Weber – mit zunehmend rauerem Ton. Was Weber sauer aufstößt: Er bekam keinen direkten Kontakt zu Degele – bis Ende vergangener Woche. Auf den ersten Brief hatte Lukas Eitzenberger bereits zwei Tage später geantwortet. Der Geschäftsleitende Beamte ließ Weber wissen, dass der Sachverhalt in Bad Kohlgrub bekannt sei, da die Inschrift bei einigen wenigen Personen schon für Irritationen gesorgt habe. Das präzisiert Eitzenberger: Er nennt die Zahl drei – bei mehreren Tausend Besuchern pro Jahr am Hinteren Hörnle. „Das liegt im Promillebereich“, sagt Degele im Tagblatt-Gespräch. Die Gemeindeverwaltung macht deutlich, dass aus ihrer Sicht ein „Einschreiten“ nicht geboten ist, da es sich bei der Inschrift nicht um einen strafrechtlich relevanten Inhalt handle.

Gemeinde stellt klar: Kein Einschreiten notwendig, Grundstück in Privatbesitz

Ähnlich äußert sich Degele in einem Brief an Weber, der vom 1. März stammt. Er weist wie Eitzenberger darauf hin, dass sich sowohl das Kreuz als auch das Grundstück in Privatbesitz befinden. Beiden Einschätzungen widerspricht Weber. Ihm zufolge geht es nicht um einen strafrechtlich relevanten Sachverhalt, sondern um die politische Beurteilung eines „Denkmals“, das den Nazikrieg verherrlicht und die Vernichtung von mehr als 30 Millionen Menschen durch die deutsche Wehrmacht und die SS-Leute, die ihr nachrückten, als „Opfermut“ meint bezeichnen zu können.

Degeles Reaktion kommt spät, aber noch rechtzeitig. Weber hatte ihm mehrfach mit einer verwaltungsgerichtlichen Auseinandersetzung über das Auskunftsrecht gedroht. Er vermutet, dass der sanfte Druck Degele dazu veranlasst hat, ihm zu antworten. Der Rathauschef weist Webers Auskunftsanspruch zurück, weil es um eine privatrechtliche Angelegenheit gehe. Er gedenkt, nicht länger mit dem Linken-Politiker zu korrespondieren. Man werde auf weitere Anfragen und Zuschriften nicht mehr eingehen. Es stehe Weber frei, „unsere Sach- und Rechtsauffassung gerichtlich überprüfen zu lassen“.

Hochschul-Professor kritisiert Bürgermeister Degele: Keine Kooperation

Die Haltung des Bad Kohlgruber Gemeindeoberhaupts irritiert den Hochschul-Professor. „Ich habe häufiger mit Bürgermeistern zu tun. Die, die ich kenne, sind meist kooperativ – auch wenn es um die Nazivergangenheit geht.“ Als leuchtendes Beispiel beschreibt er den Mittenwalder Ex-Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU). Der zeigte sich vor Jahren überaus kooperativ, als sich Weber mit Verbrechen beschäftigte, die Mittenwalder Offiziere während des Zweiten Weltkriegs in Italien begangen hatten. „Er hat mich angerufen und zu einem Gespräch eingeladen.“ Ein ähnliches Verhalten hätte Weber auch von Degele erwartet. „Der hat sich lieber dafür entschieden, jeden Kontakt zu kappen.“

Will das Thema erst mit dem Verein besprechen: Trachtenvereinschef Anton Niklas junior. Wann, ist unklar.

Das Schweigen der Männer scheint in Bad Kohlgrub verbreitet zu sein. Auch Anton Niklas mag nicht reden. Er weigerte sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt, einen schriftlichen Fragenkatalog, auf den er im Rahmen eines Telefongesprächs mit dem Tagblatt bestanden hatte, zu beantworten. Er sei zwar der „Vorstand, diese Angelegenheit ist aber von derartiger Wichtigkeit, dass sie mit dem gesamten Verein besprochen und beschlossen werden muss“. Wegen Corona könne man sich nicht zu einer Sitzung treffen. Wann das sein wird: offen.

Hochschul-Professor und Unterstützer planen Aktion am Hinteren Hörnle

So lange will Weber nicht warten. Er und seine Unterstützer planen „eine kleine Aktion am Hinteren Hörnle“. Wie die aussehen soll? „Das lasse ich offen.“ Wie mit Tafel und Inschrift umgegangen werden soll, davon hat er konkrete Vorstellungen. Seiner Meinung nach können Tafel samt Inschrift weiter am Gipfelkreuz verankert sein. „Nötig ist allerdings ein erklärender und historisch bewertender Text, der daneben befestigt werden sollte.“ Einen solchen hatte Michael Tarantik, der sich bei Bad Kohlgrubs Bürgermeister Degele ebenfalls mit einem Brief über die Inschrift beschwert hatte („Ich hoffe, dass dann eine produktive und bereinigende Diskussion aufkommt!“), bereits angebracht. Das laminierte Papier hat man mittlerweile entfernt.

Murnauer Taferl-Text sorgt für Schlagzeilen

Inschriften, die für Ärger und Aufregung sorgen – die Bad Kohlgruber Vorgänge sind im Landkreis kein Einzelfall. In der jüngeren Vergangenheit gab es ein regelrechtes Gezerre um den Spruch, der auf einem Taferl am Murnauer Maibaum zu lesen ist. Dort steht: „Liebe die Heimat und deren Sitten – dann brauchst du nicht um Fremdes bitten.“ Der Seehauser Joachim Lobewein hatte moniert, man könne den Spruch „als fremdenfeindlich wahrnehmen“. Ein Mitglied der Trachtler entfernte dann im Februar, „damit Ruhe ist“, das Taferl in einer Hauruck-Aktion vom Maibaum. Doch es kam neuer Unmut auf. Zwei Wochen später, im März des vergangenen Jahres, die Rolle rückwärts. Vereinsvertreter schraubten das Schild wieder an seinen angestammten Platz – vor mehr als 120 applaudierenden Zuschauern und diversen Medienvertretern. Aus Murnauer Trachtlerkreisen hieß es, man würde die Tafel nur entfernen, wenn es ein Urteil gebe, das besagt, der Inhalt sei rechtswidrig. prei/roy

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