+++ Eilmeldung +++

Eine Woche vor der Wahl: US-Senat bestätigt Amy Coney Barrett am Supreme Court

Eine Woche vor der Wahl: US-Senat bestätigt Amy Coney Barrett am Supreme Court
Eine Kreuzotter am Soier See. Ihre Population ist wegen des Massentourismus in Gefahr.
+
Eine Kreuzotter am Soier See. Ihre Population ist wegen des Massentourismus in Gefahr.

Corona und die Folgen

Massenansturm an den Alpen: Touristen verrichten Notdurft im Biotop - seltene Tierart in Gefahr

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
    schließen

Es ist das größte zusammenhängende Kreuzottergebiet in Bayern und eines der größten in Europa. Doch die Population am Soier See ist in Gefahr. Tagesausflügler nutzen den Wald als Toilette und stören die Tiere.

  • Kreuzotter-Population am Soier See gehört zu den größten in Europa
  • Durch den Ansturm an Tagesausflüglern heuer sehen Experten und Gemeinde eine Gefahr für die stark gefährdeten Tiere
  • Lösungsvorschläge gestalten sich als schwierig
  • Touristen verrichten ihre Notdurft im Wald, stören damit unter anderem die Paarung und sorgen für Stress bei den empfindlichen Tieren

Bad Bayersoien – Langsam und bedächtig geht sie Schritt für Schritt in den Wald. Kein Geräusch darf Gisela Kieweg machen. Die Bad Bayersoier Bürgermeisterin hält Ausschau und sieht: nichts. Erst, als Naturführer Klaus-Peter Endres auf die kleine schwarze Schlange vor ihr aufmerksam macht, erkennt sie die Kreuzotter.

Das ist fast fünf Jahre her. Damals ließ sich Kieweg von dem Experten durch den Wald an einem der letzten intakten Hochmoore in Oberbayern führen. Sie wollte sich selbst ein Bild machen. Schon damals mahnte Endres, dass die letzte und größte Kreuzotter-Population am Soier See in Gefahr ist. Hauptsächlich durch Touristen, Neugierige und frei laufende Hunde.

Corona-Tourismus am Alpenrand: Seltene Kreuzotter-Population am Soier See in Gefahr

Seither arbeitet Kieweg eng mit Endres zusammen. Beide suchen nach Lösungen. Über 100 Kreuzottern gebe es sicher noch, versichert Enders. Genau vermag das aber keiner zu sagen. Denn die Gefahr für die Reptilien hat sich enorm verschärft. Wegen Corona entdeckten bekanntlich noch mehr Ausflügler als sonst die oberbayerischen Seen. Da bildet der Soier keine Ausnahme. Die Tagesgäste gehen oft unbekümmert in den Kreuzotter-Wald. Verrichten aufgrund fehlender öffentlicher Toiletten am Nordufer – der Gemeinderat hat sich noch nicht für eine neue Anlage entschlossen – ihre Notdurft mitten im Hochmoor-Biotop.

Eine sogenannte Benjeshecke bietet zwar Schutz, aber viele empfinden sie als unaufgeräumt.

Zudem nutzen Fahrradfahrer den Uferfußweg vermehrt als Abkürzung. Schlangen, die an der Böschung und an freien Stellen im Wald im Sonnenschein Energie tanken, schrecken auf. „Das ist enormer Stress für die Tiere“, sagt Endres. Die scheuen Schlangen verkriechen sich in ihre kalten Höhlen. Kommen erst nach Stunden wieder raus. Durch den Energieverlust fehlt ihnen die Kraft, sich richtig zu häuten. Auch die Paarung wird unterbrochen. „Sie reagieren sehr empfindlich auf Bodenerschütterungen und hektische Bewegungen.“ Die Folge: Die stark gefährdeten Tiere – sie werden seit Jahren auf der roten Liste geführt – vermehren sich weniger, geraten durch misslungene Häutung und fehlende Energie in Lebensgefahr. Die Population schrumpft drastisch.

Endres und sein Kollege, Fotograf Roland Richter, verfolgen seit langem die politischen Entscheidungen zum Thema. Zuletzt im Gemeinderat in Bad Bayersoien ist die Kreuzotter wieder in den Fokus gerückt. Kathrin Schäfer, Referentin für Flora, Fauna und Umwelt, hatte eine Idee, wie die Paarungsplätze geschützt werden könnten: Durch eine Absperrung mit Flatterband. Sie wolle mit diesem Vorstoß zumindest „zum Nachdenken anregen“. Schließlich hat „die Kreuzotter keine Lobby“. Sie weiß: Ist das Biotop einmal zerstört, kann das „nicht mehr rückgängig gemacht werden“. Doch waren die Volksvertreter nur bedingt begeistert von ihrem Vorschlag. „Ein Flatterband macht Besucher wohl eher neugierig“, mutmaßte Kieweg. Zudem stelle es kein Hindernis dar.

Bad Bayersoien: Kreuzottern durch Corona-Massentourismus in Gefahr - Benjeshecken als Lösung?

Auch Endres sieht diese Art der Absperrung problematisch. „Kreuzottern sind sehr schreckhaft. Ein Flatterband würde sie eher verscheuchen.“ Er erachtet eine sogenannte Benjeshecke zwischen Seerundweg und Hochmoor-Wald als die „optimale naturnahe Lösung“. Diese Art der Begrenzung besteht aus einer lockeren Ablagerung von Ästen und Zweigen, schnell und kostengünstig zu errichten. Die Naturbarrieren könnten den Menschen abhalten und Vögeln und anderen Tieren Schutz und Nahrung bieten. Zudem „passt sie sich hervorragend in das Landschaftsbild ein“, merkt Richter an. Über Zäune brauche man nicht zu reden, da sie im Landschaftsschutzgebiet unzulässig sind. Außerdem befinden sich betroffenen Flächen in Privatbesitz, über die die Gemeinde nicht einfach entscheiden darf.

Für Endres liegt die Gefahr auf der Hand. Nicht nur die Population ist gefährdet. Die Giftschlangen sind auch eine Gefahr für Kinder. Die spielen vermehrt an den Böschungen. Zwar würde eine Schlange niemals von sich aus angreifen, versichert Endres. „Sie sind nicht aggressiv.“ Aber wenn ein Kind auf ein Reptil tritt, wehrt sich dieses selbstverständlich mit einem Biss. „Der Abwehrbiss enthält in der Regel kaum oder gar kein Gift, weil es die Schlange bei der Jagd als Vorverdauungssekret benötigt.“ Die toxische Herstellung im Körper sei schließlich sehr kraftaufwendig. „Aber wenn Kinder oder auch manche Erwachsene allergisch darauf reagieren, kann es schon lebensgefährlich werden.“

Geht es nach Gemeinderat Tobias Maier, bräuchte es keinen Zaun oder Absperrung. „Da ist noch nie was passiert.“ Die Hinweisschilder, die Endres und Richter aufgestellt haben, seien ausreichend. Die Tafeln sollen künftig noch besser sichtbar versetzt werden und das ganze Jahr über auf die streng geschützte Tierart hinweisen.

Lesen Sie auch: Foto von totgeschlagener Kreuzotter sorgt für Aufregung

Auch interessant

Kommentare