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Ein typisches Werk von Adelheid Reichsiegel: Es zeigt eine Maiandacht an der Kapelle beim Balteshof. Sie ließ die Kapelle nach dem Tod ihres Sohnes errichten. Weitere Werke der malenden Bäuerin sind ab dem 16. Dezember im Museum im Bierlinghaus in Bad Bayersoien zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs und sonntags von 14.30 bis 17.30 Uhr.

Adelheid Reichsiegel

Das Erbe der Picasso-Bäuerin von Bayersoien

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Adelheid Reichsiegel war Bäuerin, Dirndlträgerin – und Künstlerin. Sie hat gemalt, was sie gesehen hat. Ihren Hof. Ihre Heimat. Ihre Lieben. Heuer ist die Picasso-Bäuerin, wie sie genannt wurde, mit 86 Jahren gestorben. Verarmt, fast vergessen. Jetzt wollen drei Männer ihr Andenken retten.

Eigentlich wollte Roland Richter, 59, aus Bad Bayersoien vor ein paar Monaten nur ein bisschen im Internet rumsuchen, was man über die Kunstwerke von Adelheid Reichsiegel alles herbeigoogeln kann. Reichsiegel, Jahrgang 1931, wurde früher die Picasso-Bäuerin genannt, manchmal auch einfach nur die malende Bäuerin vom Balteshof.

Aber was Fotograf Richter nach wenigen Klicks entdeckte, das konnte er kaum fassen – 23 Reichsiegel-Bilder zum Kauf angeboten, 23 Bilder verscherbelt auf Ebay-Kleinanzeigen. Richter hat sofort zum Telefon gegriffen.

Die malende Bäuerin in Aktion: Adelheid Reichsiegel im Juni 1998.

Adelheid Reichsiegel war mal eine kleine Berühmtheit. Sie wuchs in Schongau bei ihren Großeltern auf. Nach der Schulzeit arbeitete sie als Magd auf einem kleinen Bauernhof in Echelsbach, einem Ortsteil von Bad Bayersoien. Dort heiratete sie den Hoferben. Das Leben war anstrengend und das Geld oft knapp.

Irgendwann begann die Bäuerin zu malen. Bilder aus ihrer Jugend. Fronleichnamsprozessionen. Ihren Bauernhof. Landschaftsbilder. Das Trachtenfest. Eine Maiandacht. Eine Leonhardifahrt. Den Staffelsee. Solche Sachen. Heimatkunst im besten Sinn, gemalt mit einfachen Dispersionsfarben. Ganz oft hat sie sich selbst auf dem Bild verewigt – man muss nur nach einer Frau mit einem prachtvoll leuchtenden Dirndl Ausschau halten.

„Kaufen sie schnell. Die Bäuerin wird bald unbezahlbar.“

Aus einem Bericht in der „Bunten“

Mit ihrem Ehemann vermietete sie damals Ferienwohnungen, Urlaub auf dem Bauernhof kam gerade in Mode. Die Feriengäste waren ihre ersten Kunden – sie nahmen die Bilder mit in alle Ecken Europas. Schon bald hatte sie Ausstellungen in der Kreissparkasse Schongau, in der Rheumaklinik in Oberammergau und einmal sogar in Schweden. Das „Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt“ hat Ende der 1970er-Jahren einen Wettbewerb ausgerufen. Er hieß „Feierabendkünstler“. Die Bäuerin aus Bad Bayersoien im reis Garmisch-Partenkirchen holte den ersten Platz.

Erinnerungen an ihre Kindheit in Schongau: Adelheid Reichsiegel hat fast ausschließlich gemalt, was sie erlebt hat. Trachtenumzüge, Prozessionen, ihren eigenen Schulalltag oder Arbeitsszenen auf dem Bauernhof.

Später erschien ein Buch über sie – „Bittgang: Leben und Werk der malenden Bäuerin“. Zeitungen und Magazine aus ganz Deutschland besuchten sie plötzlich auf ihrem Hof, wo sie meistens nachts malte. In der „Bunten“ hieß es damals: „Kaufen Sie schnell – die Bäuerin wird bald unbezahlbar“.

So kam es natürlich nicht. Reichsiegel starb dieses Jahr verarmt und fast vergessen in einem Pflegeheim in Eschenlohe. Das letzte Bild hatte sie 2003 gemalt, kurz vor dem Selbstmord ihrer Tochter. Danach hat sie nie mehr ein Kunstwerk zu Ende gebracht. Ein Künstlerschicksal. Eines von vielen.

Die Malerei war oft ihre Zuflucht 

Aber so soll diese Geschichten nicht enden. Bei der Beerdigung von Adelheid Reichsiegel hat sich Franz Maier, der Museumsleiter des Dorfmuseums in Bad Bayersoien, gedacht: „Da müss ma was machen.“ So erzählt er es, wenn man ihn im Museum trifft. Maier, 68, kennt die Bäuerin von früher. Er ist Zimmerer – und er hat die kleine Kapelle konstruiert, die Adelheid Reichsiegel neben ihren Hof bauen ließ. Die Kapelle hat sie den „Verkehrstoten“ gewidmet, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Leben hat es dieser Frau nicht leicht gemacht, die Malerei war oft ihre Zuflucht. Für die Kapelle hatte sie damals nicht genügend Geld – viele Handwerker, auch den heutigen Museumsleiter, hat sie mit ihren Bildern bezahlt. Viele Einheimische haben heute noch ein Werk von ihr zu Hause. Falls irgendwann Picasso-Preise für die Picasso-Bäuerin aufgerufen werden, dann wäre halb Bayersoien plötzlich schwer  reich. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. „In der Kunstszene ist ihr der Durchbruch nie gelungen“, sagt Holzbildhauer Karl-Heinz Stoll, 79, aus Bad Bayersoien. Er ist mit ihrem Werk vertraut wie kein Zweiter. „Ihre Werke gehören zum Besten, was im Bereich der sogenannten „naiven Kunst“ geschaffen wurde.“ Stoll arbeitet ehrenamtlich im Dorfmuseum mit. Die Picasso-Bäuerin hat es ihm angetan. Er schwärmt von ihrem Blick für Tiefe und ihrem Farbeinsatz.

In der Kunstszene ist ihr der Durchbruch nie gelungen.

Holzbildhauer Karl-Heinz Stoll aus Bad Bayersoien

Reichsiegel hat nie eine Kunstausbildung gemacht – sie hat sich alles selbst beigebracht. Sie war eine stolze, eigensinnige Frau, die nicht immer einfach war. Eine Zeitlang war sie Schriftführerin im Trachtenverein. In ihren Jahresberichten hat sie gerne und ausführlich geschrieben, über was beim Volks- und Trachtenverein „Ammertaler Bayersoien“ gestritten wurde. Ein unüblicher Vorgang. Eigentlich sind Vereinsberichte eine nie enden wollende Erfolgsgeschichte. Das weiß jeder, der schon mal einen gelesen hat. Die Bäuerin fühlte sich der Wahrheit verpflichtet. Das gefiel nicht jedem.

Weihnachten mit Oma und Opa: die kleine Adelheid an Heiligabend in Schongau.

Als Museumsleiter Maier im Dorf erzählt hat, dass er heuer eine Ausstellung über sie plant, hat er nicht nur Zustimmung geerntet. „Ah, die blöde Kuh schon wieder.“ Auch solche Sätze hat er gehört. Maier sagt: „Wenn der Künstler vor Ort ist, dann ist er nichts wert.“

Aber genau das wollen sie jetzt ändern. Am heutigen Samstag öffnet die Reichsiegel-Ausstellung mit einer Vernissage im Bierlinghaus mitten in dem 1200-Einwohner-Ort. Womit wir wieder bei Roland Richter, dem Fotografen, wären. Er hilft beim Dorfmuseum mit und war schon dabei, die Ausstellung vorzubereiten, als er im Internet die 23 Bilder entdeckte. Er hat sofort Kontakt zu Holzbildhauer Stoll und Museumsleiter Maier aufgenommen. Sie haben die Verkäuferin kontaktiert – und sie angefleht, das Online-Inserat zu stoppen. Das hat sie sofort gemacht, als sie hörte, was die Männer planen.

Die Frau stammt aus Bayreuth – für die riesigen Bilder hatte sie in ihrer Wohnung einfach keinen Platz mehr. Nach kurzer Verhandlung hat sie alle Werke nach Bad Bayersoien verkauft, die Gemeinde und eine Stiftung haben Geld dazugeschossen. Preis pro Reichsiegel: im Schnitt 300 Euro. Da braucht man jetzt kein Kunstexperte sein: Das ist ein fairer Preis. Aber eigentlich geht es darum nicht. Es geht darum, dass die Bilder wieder nach Hause dürfen. Ein spätes Happy End, immerhin. Aber eines, das die Bäuerin leider nicht mehr erleben durfte.

Drei Männer für Adelheid: Fotograf Roland Richter (v.l.), Museumschef Franz Maier und Holzbildhauer Karl-Heinz Stoll kümmern sich um die Ausstellung.

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