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Bereit für die Walz: Heidi Schöpf mit ihrem Hund Vevi.

Alte Tradition lebt

Frei und ehrbar sein: Eine Soierin (31) geht auf die Walz

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Heidi Schöpf aus Bad Bayersoien wagt etwas Besonderes: Die Zimmerin geht auf die Walz. Wie Wandergesellen seit Jahrhunderten.

Bad BayersoienFür Heidi Schöpf erfüllt sich am 25. März ein Traum. Die 31-Jährige geht am Montag auf die Walz. Die Zimmerin klettert über das Ortsschild und marschiert los. Drei Jahre und einen Tag wird sie unterwegs sein. Darf sich ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer nähern. Die Bannmeile ist heilig. Darf nur das mitnehmen, was sie tragen kann. Ein Handy ist tabu, eine Taschenuhr erlaubt. Geld ausgeben für Transport und Unterkunft ist verboten. Trampen ist angesagt. Alles, was sie benötigt, muss die Zimmerin mit ihrem Handwerk erarbeiten. Die Regeln sind streng. Seit Jahrhunderten schon ziehen Gesellen so durchs Land.

Für Schöpf ist es viel mehr als ein langes Abenteuer. Sie unternimmt die Reise ins Ungewisse bewusst: „Ich will die Tradition hochhalten.“ Die 31-Jährige aus Echelsbach marschiert über den „Freien Begegnungsschacht“ (FBS). Die Handwerkervereinigung wurde 1986 gegründet und nimmt Frauen auf. Die Walz beschäftigt die Ammertalerin seit zehn Jahren. Über einen Gesellen, der von der jahrelangen Tour heimkehrte, kam sie damit in Kontakt. „Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.“ Im Sommer 2018 war Schöpf fertig mit ihrer Zimmererlehre bei einem Hofheimer Betrieb. Und mit 30 Jahren eigentlich schon zu alt für die Wanderschaft. Doch die Soierin lernte den FBS-Schacht kennen, als er bei seinem Sommerkongress in Huglfing als soziales Projekt die Waldorfschule unterstützte. „Sie erklärten sich bereit, mich los zu bringen.“ Schöpf fand einen Alt-Gesellen, einen Zimmerer aus dem Erzgebirge, der am 25. März als Art Pate mit ihr los zieht. Denn in der mehrmonatigen „Aspirantezeit“ braucht es Hilfe und Rat. Macht sie sich in der Probezeit gut, „werde ich eingeflaggt“, erzählt die Echelsbacherin. Bekommt die „graue Ehrbarkeit“. So wird der Schlips genannt, Grau ist die Farbe des FBS. Dann ist sie offiziell Wandergesellin.

Heidi Schöpf freut sich auf ihre Walz. Die gelernte Erzieherin hatte bewusst auf die Zimmerei umgesattelt. „Mit Holz arbeiten fasziniert mich. Am Ende des Tages sieht man ein Ergebnis.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich wollte etwas machen, was nicht unbedingt ein Frauenberuf ist.“ Auch die Walz ist es nicht, obwohl immer mehr Frauen sie absolvieren. Angst hat Schöpf nicht. „Klar muss man vorsichtig sein. Aber die Kluft bietet Schutz.“ Durch die Kleidung sind die Wandergesellen erkenntlich. Die Ausrüstung hat sie sich selbst besorgt. Die Hose, das Jackett, die Weste, das Hemd „Staude“. Das Wanderbuch „Fleppe“ bekommt sie von ihrem Alt-Gesellen überreicht sowie drei Reisebündel „Charlottenburger“ für die Habseligkeiten. Den Stecken „Stenz“ wird sie unterwegs finden. Natürlich hat sie den „Deckel“: Schöpf entschied sich für eine Melone. Abgesetzt wird sie nur beim Essen, in der Kirche und im Bett. „Vor einem anderen Menschen ziehe ich den Hut nicht.“ Er ist schließlich uraltes Symbol des freien Mannes. Überhaupt besteht die Walz aus unzähligen Regeln. Das ist es, was Schöpf gefällt. „Ohne die Rituale hätte sich die Wanderschaft nicht so lange halten können.“

Trotz aller Vorfreude wird die Echelsbacherin mit gemischten Gefühlen losziehen. „Es fällt mir wahnsinnig schwer, meine Tiere und meine Freunde zurückzulassen.“ Ihren Hund Vevi wird sie aber etappenweise mitnehmen. Und viele Erwartungen: „Ich freue mich auf Begegnungen mit neuen Menschen. Die Walz erweitert den Horizont.“ Wohin es sie verschlägt, weiß sie nicht. „Das kannst Du nicht planen. Man lässt sich treiben.“ Nur eines ist gewiss: Im ersten Jahr ist aus praktischen Gründen der deutschsprachige Raum angesagt. „Ich möchte aber gern in die nördlichen Länder rauf.“ Und zum Schluss nach Kanada. Fliegen ist erlaubt, das Ticket muss sie sich natürlich erarbeiten.

Heidi Schöpf wird die nächsten drei Jahre und einen Tag neben ihrem gewohnten Umfeld noch etwas ablegen: ihren Namen. Für die Walz nennt sie sich „Heidi Fremde Zimmerin FBS“. Noch so ein uraltes Ritual.

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