Bayersoier See
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Beliebt bei Einheimischen wie Gästen: der Soier See.

Über 5000 Zigarettenstummel in 20 Tagen

Müll am Soier See: Ehepaar beseitigt Abfall und sammelt Daten - „Riesiges Kippenproblem“

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Taschentücher, Tampons und viele Zigarettenstummel: Ein Ehepaar sammelt am Soier See Müll ein und quantifiziert ihn. Sogar ein paar merkwürdige Fundstücke waren schon dabei.

Bad Bayersoien – Sie rücken aus. Mit Handschuhen und Tüten bewaffnet, spazieren Dr. Jessica Grimm und Dr. Patrice de Rijk am Montagabend am Soier See entlang. Sie halten Ausschau nach Müll. Lange suchen müssen sie nicht. Im Wald liegen Tempos, Tampons, Damenbinden und sogar eine Windel für Erwachsene herum. Rein in die Tüte und schnell weg damit.

Seit der Fastenzeit sammelt das Ehepaar, das seit 2014 in Bad Bayersoien lebt, den Abfall ein. Normalerweise lassen die zwei die Finger von Schokolade. Heuer nicht. Wegen der Corona-Pandemie übt man sich schon zu genüge in Verzicht, meinen sie. „Stattdessen wollten wir etwas Sinnvolles machen“, sagt die gebürtige Niederländerin. Regelmäßig dreht das Duo seine Runde um den Soier See. Immer dabei: das Handy. Grimm und de Rijk arbeiten mit der App Litterati, die ein US-Amerikaner entwickelt hat. „Den Abfall einfach zu beseitigen, würde auf Dauer nichts an der Situation ändern“, glaubt die 42-Jährige. Deshalb fotografiert das Gespann jedes Stück Müll, um es zu dokumentieren. Mit Hilfe des GPS im Telefon wird ein Geotag direkt mit dem Bild verknüpft. Auch Schlüsselwörter wie den Markenname oder das Material geben die beiden an und laden die Aufnahmen hoch. „Man kann dann die Daten runterladen und auswerten“, erklärt Grimm. Die Ergebnisse – ernüchternd.

Benutzte Tampons am Kinderspielplatz

„Wir haben es mit einem riesigen Kippenproblem zu tun“, sagt die studierte Archäologin. Über 5000 Zigarettenstummel hat das Paar in 20 Tagen – sie sind in der Regel zwei Stunden unterwegs – eingesammelt. „Das ist Wahnsinn, fast die Hälfte aller Abfälle“, betont Grimm. Schlimm vor allem, weil die Überreste hochgiftig und nicht biologisch abbaubar sind.

Hinterlassenschaften im Wald: Tempos liegen am Boden herum.

Rund um das Fischerhäusl gibt’s ebenfalls einiges zu tun. Montagmorgens säubert das Ehepaar den Spielplatz dort. Regelmäßig klaubt es benutzte Tampons auf. „Man will nicht, dass die Kinder die in die Hand nehmen.“ Aber allgemein „liegt da so viel Zeug rum, was die Leute anschleppen.“ Vor allem flattern abgerissene Schnipsel der Senf-Portionsbeutel durch die Gegend. In erster Linie die eines namhaften Herstellers. Grimm hat das Unternehmen vor ein paar Tagen angeschrieben, um es auf das Problem hinzuweisen und veränderte Verpackungen anzuregen. Eine Antwort blieb bislang aus.

Wald wird zum WC

Dafür stellt Grimm eine steile These zu den Müllsündern auf. Die Senftüten stehen für sie in Zusammenhang mit dem Konsum von Fleisch. Und das verzehren vorwiegend Männer. Doch auch die Frauen nimmt sie nicht in Schutz. Sie zertreten den Wald und „pieseln den Kreuzottern auf den Kopf“. Zudem hinterlassen sie Tempos und Tampons. Bis heute kann sie nicht nachvollziehen, warum sich der Gemeinderat zweimal gegen den Vorschlag von Bürgermeisterin Gisela Kieweg wehrte, an der Nordseite des Sees – dort lebt eine der größten Populationen dieser Schlangen in Europa – Toiletten aufzustellen. Deshalb plädiert Grimm dafür, wenigstens das WC-Häuschen am Fischerhäusl auszuschildern.

Durch die App wurde noch ein Problem offenkundig. Die Mülleimer stehen auf der falschen Wegseite, sozusagen im Rücken der Spaziergänger. „Die umzustellen, wäre das Wenigste.“

Neue Idee: Abstimmaschenbecher

600 Stück Abfall in zwei Stunden entfernt das Paar manchmal. Auch unappetitlichen. „Wir sind hart im Nehmen“, sagt Grimm, die inzwischen als Stickerin arbeitet. Ihre kuriosesten Fundstücke: zahlreiche Kunstnägel und ein kleines Gerät für einen Herzschrittmacher.

Ihr liegt daran, die Bevölkerung zu sensibilisieren. „Es sind nicht immer nur die Anderen, die Besucher, schuld“, betont Grimm. Deshalb würde sie sich freuen, wenn mehr Menschen sich an der eigenen Nase packen, sich beteiligen würden und sich vielleicht auch Kinder dafür begeistern. „Man kann was mit Karten und Statistiken machen“, wirbt die 42-Jährige. Kontakt mit der Rathauschefin nahm sie auf, informierte sie über eine neue Idee. „Kippster“, die Abstimmaschenbecher, sollen helfen, das Stummel-Schlamassel zu reduzieren (siehe Infobox). Kieweg, die von einer „großartigen Aktion“ des Ehepaars spricht, möchte den Vorschlag demnächst im Gemeinderat behandeln.

Das Prinzip von „Kippster“:

Zwei Röhren mit gelochten Deckeln, oben drauf eine plakative Frage: So sieht der etwas andere Aschenbecher „Kippster“ aus. Raucher können darin ihre Zigarettenstummel entsorgen und an einer Abstimmung teilnehmen. Das Ergebnis ist jederzeit über den Füllstand von außen sichtbar. In Wolfratshausen zum Beispiel wurden diese doppelbauchigen Abfallbehälter bereits 2019 installiert. Auch an Ostseestränden sind diese mittlerweile zu finden.

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