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Der einzige Vollsortimenter im Ort: Die „nah & gut“-Filiale in Bad Kohlgrub wird an Kirchweih offiziell geschlossen. 

Der Bürger ist gefragt

Bad Kohlgrubs einziger Supermarkt schließt: Ausgefallener Rettungsversuch wurde gestartet

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Die Zukunft des Supermarkts im Zentrum Bad Kohlgrubs hängt am seidenen Faden. Der aktuelle Betreiber zieht im Oktober einen Schlussstrich. Um das Geschäft zu halten, verfolgt eine Arbeitsgruppe nun eine Idee. Deren Erfolg hängt aber von der Bereitschaft der Bevölkerung ab.

Bad Kohlgrub – Immer wieder hat sich Hans Reiner breitschlagen lassen. Immer wieder verschob er seinen Plan, sich in die Rente zu verabschieden. Heuer, nach einer schweren Erkrankung, macht der 73-Jährige endgültig ernst: Er gibt die Edeka-Filiale „nah & gut“ in Bad Kohlgrub auf.

An Kirchweih, am 20. Oktober, ist offiziell Schluss. An diesem Tag gibt es einen Ausverkauf. „Bis dahin haben wir noch das volle Sortiment“, sagt Reiner, der das Geschäft 21 Jahre lang führte. Nur die Ladenhüter bestellt er nicht mehr. Ziel ist, bis spätestens Mitte November den Laden leer zu bekommen. Dann verliert der rund 3000-Seelen-Ort seinen einzigen Supermarkt.

Es ist ein schwerer Schlag für Senioren und Kurgäste ohne Auto sowie für die Einzelhändler im Zentrum, die von der Laufkundschaft leben. Deshalb wandte sich eine ältere Einheimische, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, an die Gemeinde. Mit der Bitte, einen Shuttle-Service zur nächsten Einkaufsmöglichkeit in Saulgrub einzurichten. Sie initiierte Mitte des Jahres eine Unterschriftenaktion. Über 1100 Menschen unterzeichneten.

Ein solches Angebot wird allerdings unnötig, falls der Plan einer Arbeitsgruppe aufgeht. Dieser gehört Anja Lory an. Sie weiß um die Sorgen der älteren Bevölkerung. „Wir müssen uns dagegen stemmen, eine Lebenserhaltungsfunktion nach der anderen zu verlieren“, betont die Bad Kohlgruberin. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern versucht sie, den Supermarkt im Ortskern zu halten. Die Gretchenfrage dabei: Wie bringt man ihn für einen neuen Betreiber in die Gewinnzone?

Geringe Rendite für Investoren, geringe Miete für Betreiber

Schon Reiner bemühte sich seit Jahren um einen Nachfolger. „Da haben sich immer Nieten gemeldet“, sagt er. Oder es scheiterte am Preis. Die Arbeitsgruppe verfolgt eine ehrgeizige Idee, die sich auf eine Art Mitmach-Aktion,ähnlich wie beim Altenauer Dorfwirt, stützt. Konkret heißt das, Geld in der Bevölkerung zu sammeln, eine Betreibergesellschaft zu gründen, die Immobilie zu kaufen und den Markt stark subventioniert an einen Betreiber zu geben. Für die „Bürger-Investoren“ bringe das Projekt nur eine zurückgefahrene Rendite mit sich. Für Reiners Ersatz würde die Miete dafür unter dem üblichen Preis liegen, sagt Lory. Ein attraktives Lockmittel.

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Jetzt sind die Bad Kohlgruber gefragt, sich „ein bisschen anzustrengen“, sagt Reiner. Um seinen Laden ist es gut bestellt. Zwischen 12 000 und 15 000 Kunden kaufen im Monat darin ein. Der Jahresumsatz beläuft sich auf etwa eine Million Euro. Sein Nachfolger kann seiner Meinung nach – im Gegensatz zu vielen Dorfläden – bereits im ersten Jahr Gewinne erzielen. Das glaubt auch die Arbeitsgruppe. „Wir haben viel Kaufkraft im Ort“, sagt Lory. Unter anderem wegen der Touristen oder der Radfahrer, auf deren Route das Dorf liegt.

Gemeinde steht hinter dem Vorhaben

Die Gemeinde hat die Rahmenbedingungen für das Projekt geschaffen. Die Kommunalpolitiker entschieden sich einstimmig dazu, von einem Bebauungsplan für einen Lebensmittelmarkt im Außenbereich Abstand zu nehmen. „Es gibt genügend Negativ-Beispiele“, betont Bürgermeister Franz Degele. Beispiele, in denen Orte diesen Weg eingeschlagen haben, und daraufhin die Ortsmitte ausblutete. Dass die Einzelhandelsgeschäfte sterben, das will die Kommune mit ihrem Beschluss verhindern.

Nicht ohne Grund ist Degele „sehr froh und glücklich“, dass sich Bürger der Sache angenommen haben. „Wir begrüßen das Vorhaben ausdrücklich“, stellt er mit aller Deutlichkeit klar. Klappt die Realisierung, wäre es „wie ein Sechser im Lotto“. Der Rathauschef steht hinter der Idee und bietet deshalb weitere Unterstützung an, falls sie nötig ist. Schließlich gehöre die Nahversorgung ein Stück weit zur Daseinsvorsorge. Und die obliegt einer Gemeinde.

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Informelle Zusagen von Geldgebern  mit Beträgen bis zu 10 000 Euro sind ebenfalls bereits eingegangen. Der Invest samt Modernisierung des Supermarktes, der ein Vollsortimenter bleiben soll, beträgt etwa 750 000 Euro. 500 000 davon sollen durch das Eigenkapital gestemmt werden, der Rest über ehrenamtliches Engagement.

Die Arbeitsgruppe sucht also freiwillige Mitwirkende, weitere Geldgeber und eine willige Person für die Geschäftsführung. Eine, mit der man im Idealfall das Konzept gemeinsam erarbeiten kann. Ob das Vorhaben tatsächlich umgesetzt wird und wann der Supermarkt nach dem Facelift wieder eröffnen kann, steht noch nicht fest. Es besteht eine 50:50-Chance, sagt Lory. Alles hängt davon ab, ob ein Betreiber gefunden wird und sich die Bevölkerung finanziell und tatkräftig beteiligt.

Wer das Projekt

unterstützen möchte oder Interesse hat, den Supermarkt in Bad Kohlgrubs als Betreiber zu übernehmen, soll sich per E-Mail an lebensmittelmarkt.badkohlgrub@gmail.com melden.

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